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Die Wahrheit · 1900-08-31 · Heft 32 (31.8.1900) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 32 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 32. Seite 4. Dte Wahrheit. Moltke'sche Recept vom „Angriff als die beste Vertheidigung" das Leitmotiv jeder Führung bilden, wenn es sein muss, „der grobe Keil auf dem groben Klotz" die einzige Fechtart. Und dass dieses bis jetzt nicht der Fall war, muss mit Bedauern registrirt werden. Wie wenig die Führer der zionistischen Bewegung — es klingt barock — Vertrauen zur Presse haben, davon zeugte ein Vorkounnnis auf dem soeben beendeten Congresse. Anstatt sich die mustergiltige Organisation des dritten Congresses zur Lehre dienen zu lassen, anstatt wie da, die Presse durch rechtzeitige Fertigstellung von Berichten zu bedienen — im beiderseitigen Jntereffe wohlverstanden, in erster Lirrie aber zum Nutzen der Bewegung — sparte man dieses Mal. Und wer sind die Ersten die darunter leiden? Man lese die Stoßseufzer eines zionistischen Blattes, der Londoner „Jewish World" vom 17. Augrrst, den bitteren aber gerechten Tadel seiner Redaction, deren Mitglied — o Ironie des Schicksals! — der Bureanleiter des Congresses, De Haas — und man wird sehen, dass dem Zionismus dieses Sparsystem Nichts genützt! Agitation durch die Presse, aber Agitation wie sie sein muss, nicht hinter diplomatischen Redensarten oder — Schweigen versteckt — das Ist das E r st e, was wir verlangen! Und wie der Mangel einer geordneten Agitation durch die 'Presse nach Außen sich sichtbar macht, so in fast noch größerem Maße im Innern der Partei. Es genügt nicht, den einzelnen Vereinen oder Gruppen zu überlassen, wie sie agitiren wollen, sondern es bedarf dazu fortwährender Anleitung von Oben her. "Nicht nur die Verbreitung der Idee, ihre Popularisirung ist mothwendig, sondern die ihr entgegenstehenden und zumeist von seindlicher Seite construirten Hindernisse müssen als solche klar gekennzeichnet und hinweggeräumt werden. Dazu aber bedarf es einer Leitung, welche nicht nur Kenntnisse von allen jenen Machimationen sich zu verschaffen weiß, sondern die auch den Willen mnd die Kraft in sich fühlt, den Feind a u f z n s u ch e n, ihn bis in seine verborgensten Schlupfwinkel zu verfolgen und unschädlich zu machen. Dass dieses, für jede Agitation nothwendige Element in der zionistischen Partei bis jetzt nur höchst unvollkommen fuuctionirt, ist ein Mangel, dessen Vorhandensein — wir wiederholen es — geradezu unverständlich genannt werden muss. Sprechen wir nun von jenen, dem Zionismus widerstrebenden Elementen, deren Vorhandensein das Merkwürdigste un der ganzen Bewegung ist, unglaublich und doch erklärbar. Wir meinen die Stellung eines Theiles der jüdischen Conservativen oder — wenn man will — Orthodoxen, Arm in Arm mit dem äußersten linken Flügel, den Assimilations-Inden. In seiner Eröffnungsrede auf dem ersten Basler Congreß vor drei Jahren — älter ist der Herzl'sche Zionismus noch nicht, auf jenem Congreß also sprach Dr. H e r z l ein Wort aus, so herrlich schön und so packend, dass damit besser als in Dutzenden der besten Nordauischen Reden das Wesen des Zionismus gekennzeichnet, wie Herzl ihn sich dachte, der aber leider seitdem um manche Nuancirung verblasst ist. Wie lautete jenes Wort: „Rückkehr zum I u d e n t h u m vor der Rückkehr ins Iud e n l au d." O, hätte man doch jedes andere zionistische Programm bei Seit egelassen und sich an diesen lapidaren Satz gehalten, der ohne „Wenn" und „Aber" alles enthält, was der Zionismus zunächst — erstreben sollte! Es darf wohl als ein Unicum in der Geschichte aller Parteien bezeichnet werden, jene merkwürdigen Constellationen wie sie beim politischen Zionismus vorhanden sind. Aus dem traditionellen Standpunkte stehende Juden in zwei Lager gespalten, und das gleiche bei jenen des äußersten linken Flügels. Wir sehen von denen ab, die Juden kaum noch dem Namen nach sind. Zu dieser Thatsache aber gesellt sich neuerdings etwas, das eine Spaltung im zionistischen Lager bei einer Frage befürchten ließ, die eigentlich gar keinen Anlass dazu hätte geben sollen. Wir meinen die Culturfrage. Wir westeuropäischen Juden verstehen darunter in der Regel die Verbindung altjüdischer Gesinnung mit der modernen Anschauungsweise, d i e V e r e d e l u n g d e s A l t h e r g e b r a ch t e n. Die orthodoxen osteuropäischen Juden aber stellen das Judenthnm, d. h. die unverfälschte B e th ä t i g u n g des Althergebr achten ü der das Moderne. Bei ihnen stehen nicht Tauro und Derech-erez neben einander, sondern letztere muß sich ersterer in allen Fällen unterordnen, wenn auch nur um eine kaum erkennbare Nuance. Für sie sind Kaftan und Peies ebenso modern wie Frack, Lack und Cläque. Dass es bei uns nicht der Fall, ist ihnen ebenso unerklärlichwie unsdas -Umgekehrte. Es stoßen hier zwei Weltanschauungen aufeinander, die — vorläufi z wenigstens — nur nebeneinander zu bestehen vermögen. Jeder Kampf der einen gegen die andere müßte beide schädigen, wie das Ende auch sei. Aus diesem Grunde muss es auch jeder Freund des Zionismus wärmstens begrüßen, dass die „Cnltnrdebatte" auf dem letzten Congresse ein negatives Resultat ergab. Eine andere Frage ist, ob man nicht von vorneherein besser gethan hätte, den oben citirten Leitsatz Dr. Herzl's p ositiven Inhalts praktisch bethätigend, in das zionistische Programm auch aufznnehmen, anstatt in der negativen Form, „dass der Zionismus nichts unternimmt, was irgend eine religiösen Richtung innerhalb des Judenthnms verletzen könnte." Man mag sich drehen und wenden, ivie man will,: „Rückkehr znm Judenthnm vor der Rückkehr ins Jnbenland" bedeutet einen festen Willen zur B e r e i n i g n it g von Nation und Religion, „Nichtverletzung irgend einer relig'ösenRichtung" aber ist bestensfalls ein — Toleranzedict. Und darum war es weise, in der Culturfrage jedem Lande die Bahn selost zu überlassen. Wahrhaft jüdische Cnltnr steht so hoch über jeder modernen, dass sie in einem jüdischen Staate die Oaerhand von selbst gewinnen wird. Vielleicht ist jetzt die Möglichkeit gegeben, die noch widerstrebenden orthodoxen Juden dem Zionismus zu gewinnen. Verhehlen darf man sich allerdings nicht, dass die diplomatischen Elemente im Zionismus gerade in der religiöse Frage bis jetzt sehr undiplomatisch zu Werke gegangen sind. Wir wollen diesem Satz nicht die bekannten fünf Punkte anhängen, bei denen Jeder sich fein Theil denkenJann, sondern unserer Meinung unverhohlen Ausdruck geben. Wir richten die ernstliche Bitte an Jeden, dem die Zukunft des Zionismus am Herzen liegt, in der Oeffentlichkeit alles zu unterlassen „was" — wir gebrauchen die Worte des Cougreß-Präsidenten — „irgend eine religiöse Richtung im Judenthume verletzen könnte." Wenn z. B. in öffentlicher j ü d i s ch e r Versammlung die Speisegesetze von irgend einem Besucher verletzt werden, so ist das seine Privatsache, bei den Führern heißt cs: Noblesse oblige! Wird der Zionismus in dieser Weise seine culturelle Mission erfüllen, dann braucht es in Z lknnft weder Cnltnrdebatten noch Resolutionen zur Culturfrage. Das Gros des jüdischen Volkes ist durch und durch jüdisch-religiös und jüdischnational. Ihm ist die Trennung der beiden Begriffe absolut unverständlich. Ebenso underständlich aber würde es ihm sein, wenn man in einem jüdischen Staate dem traditionellen Judenthume ein modernes Judenthum substitnirte, von dem im günstigsten Falle das Wort gelten müsste, „dass das Neue nicht gut und das Gute nicht neu ist." Trotz D r. Herzl, trotz N o r d a u, M a n d e l st a m m und aller der übrigen führenden Geister wird d e r p o litt f ch e Z i o n i s m us im religiösen au f g eh e n. Mögen sie die religiöse Seite noch so viel und noch so ostentativ negieren, das Natürliche wird stets die Oberhand erringen. Ja — ist denn nicht der achte Tag im Leben des Juden ein r e l i g'i o n s g e s e tz l i ch geheiligter, ist nicht gerade e r es, an dem ihm das Os-beritb, das Zeichen des göttlichen Bundes aufgedrückt wird? Und dann — es klingt grotesk, parodox: Das älteste Culturvolk, dasselbe Volk, welches Gottesidee, Religion und Menschlichkeit der Welt erst geschenkt, dieses selbe Volk sollte, eine Selbsttäuschung, einen Selbstbetrug begehen, sollte seine Wiedererstehung feiern mit einer Verleugnung seiner ganzen Ver-

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