Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 32 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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HUffiMwiiiiflKfl ic Wahrheit Redaction u. Administration Wien, II/l, Novaragaffe 27. St. k österr. Postsparcafla Eheck-Conto Nr. 818.251. i Anabhängige Abschrift für Mische Lezugspreir: Ganzjährig . . .St. »S — Halbjährig . ... St. Interessen. Für Lultusbeamte:! Inserat«: Ganzjährig . . . K. 10.—! 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig .... 12 Wtaxt betrüge find in Wien zahlbar. Motte: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!"! 8 Rnbel oder!S ^rcs. Ar. 32. Wien, 31. Äugick 1900. Inhalt r Vierter Zionisten-Congreß. — Zur Judenfrage in Galizien. — Aus Rußland. — Feuilleton: Heimweh. — Gins ist nöthig. — Zu» Organisationsfrage. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. Werter Zionisten-Congreß. (Gedanken eines Zionisten.) Der vierte Zionisten-Congreß gehört der Geschichte an. Vielleicht ist es eine göttliche Fügung, welche die zionistischen Congresse in eine Jahreszeit verlegt, die so sehr an den Niedergang von Jndenheit und Judenthnm gemahnt. In die Trostreden unserer alten Seher mischen sich die hoffnnngsfrohen Klänge jüdischer Männer, die ihr bestes Wollen und Können für die Wiedererweckung des jüdischen Volksbewusstseins hergeben, mit der Macht ihrer Person und ihres Namens die alte jüdische Herrlichkeit wiedei' hervorzuzanliern sich bestreben. Jawohl, der Zionismus wird siegen und triumphieren! Wann, ob wir's erleben, ob unsere Kinder erst —? all das macht keinen Unterschied. 1800 Jahren Verbannung kann und braucht nicht in einem Jahrzehnt die ersehnte Freiheit folgen. Und die Freiheilsglocken werden auch unseren Volke tönen, die Stunde, die von Gott und seinen Propheten geweissagte, wird schlagen, und hinanfziehen werden die aus den vier Enden der Welt Geeinten — trotz D r. H e r z l! Das Wort, das wir soeben austprachen, rührt nicht von uns her. Mir einem der zum Congreß geeilten Delegierten hatten wir eine lange, ernste Unterredung über die Aussichten der zionistischen Bewegung. In stundenlangen Aussprachen wurden alle „Für" und , Wider" eingehend erörtet. die Licht-, aber auch die Schattenseiten berührt. Ist beim nicht bei soviel Licht auch Schatten? Scheint nicht im hellen Sonnenstrahl der Schatten um so schwärzer? Es ist immer ein gutes Zeichen für eine Bewegung, namentlich einer solchen, die so tief alle Volksschichten ergreift, wie die zionistische, wenn aus der Mitte ihrer getreuesten Anhänger eine Opposition ersteht, die nicht um ihrer selbst willen austritt, sondern um der Sache zu dienen. Noch besser allerdings ist's um eine Bewegung bestellt, wenn die Führer die „Zeichen der Zeit" zu deuten verstehen, ihrer „allergetreueften Opposition" nicht gram sind, weil sie nicht „einstimmt in den Jubel der Menge". Und diese erfreuliche Thatsache machte sich auf dem soeben beendeten Congresse wieder geltend, intensiver noch als aus dem dritten im Basel. Die Leser der „Wahrheit" hatten den großen Vorzug, fast einzig unter allen jüdischen B lattern aus sachkundiger Feder einen, wenn auch nur in den engsten Grenzen gehaltenen Bericht über die bemerkenswerthesten Vorgänge auf dem vierten Zionisten-Congreß zu erhalten. Getreu und ungeschminkt gab unser Correspondeut ein Bild jener großen, von fast 400 der Besten unseres Volkes besuchten Versammlung. Und wenn auch manche Momente darin enthalten waren, die ein Bedauern aufkommen ließen, ein Genuss war es doch, jene elementaren Jubelausbrüche mit zu erleben, wie sie nur gutem jüdischen Herzen entstammen können, nur in der Hoffnung wurzelnd, dass die Zukunft die Erfüllung des Traumes bringen wird — wenn unser Sehnen ein Traum genannt werden darf. Trotz D r. H e r z l! Wir haben da ein Wort ausgesprochen, das im ersten Momente fremdartig klingt im Munde eil'.es Zionisten. Man wird uns bald verstehen, bald dessen klar werderi, dass wir weil entfernt sind, die Verdienste des Führers und Initiators der neuesten zionistischen Bewegung um ein Jota zu schmälern. Aber wir treiben keinen Personencultus, wir gehören nicht zu denen, die jedes Wort wie eine Offenbarung, jede That als über alle Kritik erhaben hinnehmen. Nicht kleinliches Bemängeln großer Gesichtspllnkte leitet uns zu de» folgenden Darlegungen, sondern die Liebe zu nnierem schwergeprüften Volke, die Liebe zum Jtldenlhuine, der Glauben an unsere Zukunft — der Zionismus. Ma-nischtanna? Worin unterscheidet sich, wodurch zeichnet sich die zionistische Bewegung aus vor allen ähnlichen jüdischen oder anderen socialen Bewegungen, deren wir Zeugen sind, oder die sich in den letzten 50 Jahren abspielte»? In zroei Momente» hauptsächlich: Dass sie von Juden ausging, die fast schon außerhalb des Judenthums staudeu imb dass sie trotzdem die Begeisterung von Inden entfachte, die zu den Ersten und Größten des Jahrhunderts widerspruchslos gezählt werde». Diese Thatsachen, merkwürdig in jeder Beziehung, können nicht oft genug in die erste Linie gerückt werden. Denn sie bilden den Schlüssel zu allen Vorkommnissen, für die wir umsonst eine Erklärung suchen und die wir weiter berühren werden. Aber noch ein anderes Moment ist nicht außer Acht zu lassen. Wir waren Zeuge dessen, wie eine sociale Bewegung von einem einzigen Manne entfacht, riesenhaste Dimensionen angenommen, Fürsten und Geeistsheroen zur Mitarbeit sich erzwungen; wie das Schlagwort, welches Lassalles in die Massen geworfen, »nächtigen Widerhall gesunden allüberall. Haben die zionistischen Führer, Männer, die zu den Ersten, zu bei» anerkannten Größen der „siebenten Großmacht" gehören — haben sie es verstanden, die Macht der Presse für ihr Werk zu mobilistren? Mit Bedauern muss man es gestehen, dass hier ihre Macht versagte. Heutzutage aber ist eine Agitation ohne eine agitatorisch arbeitende Presse ein Unding; heute muss das