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Die Wahrheit · 1900-08-24 · Heft 31 (24.8.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 31 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31. Die Wahrheit. Seite 5. mit getauften Stellenjägeru und dekorierten Windbeuteln erzielt man quantitativ große Erfolge, aber qualitativ bedeuten sie eher einen Verlust, ein negatives Ergebnis an Würde und Achtung. Noch so manch Lehrreiches findet sich in den Ausführungen Dr. v. Scherzers, ich will aber zum Schlüsse nur noch jene Stelle anführen, die sich direkt mit den Juden befasst. „Doch kann es den ruhigen, unbefangenen Beurtheiler trotz der Ungeheuerlichkeit des Geschehenen durchaus nicht Wunder nehmen, wenn halbwilde Barbaren in ihrer fanatischen Wuth solche Unmenschlichkeiten begehen, nachdem wir sehen, wie mitten in Europa selbst in Cnlturstaateu rohe Pöbelhanfen. durch eine gewissenlose, fortschrittsfeindliche Partei aufgestachelt, die Häuser friedlicher Bewohner in Brand stecken und plündern, deren Hab und Gut rauben und dieselben sogar mit dem Leben bedrohen, getvissermaßen als vogelfrei erklären, und dies aus keinem anderen Grunde, als weil sie Andersgläubige sind." Vierter Äonisten-Longreß. <Orig.-Bericht.) London, 17. August. Die Morgensitzung des zweiten Tages wurde von Dr. H e r z l mit verschiedenen geschäftlichen Mittheilungen eröffnet. Es war eine recht „trockene Sitzung." Der Hanpttheil kam ans die verschiedenen Commissionsberichle. Fast Alle Redner bedienten sich der deutschen Sprache, was bei den zahlreichen nichtjüdischen Besuchern eine gewisse Misstimmung hervorrief, namentlich bei Pen Zeilungsberichlerstallern. Der Congress-Saal war wieder zum Erdrücken voll Der Vorsitzende mußte die Redner des Qesteren ermahnen bei der Sache zu bleiben, demzufolge einige Ittdner ihre Speeches mitten darin abbrachen. . . . Zahlreiche Telegramme und Zustimmungsadressen gelangten zur Verlesung. — Elarence de S o l a (Montreal) sprach über den Zionismus in Canada, der sich in fast jeder Gemeinde eingebürgert habe. Von ausgesprochenem Antizionismus sei dort keine Spur. Bei stärkerer Agitation würden bald alle canadischen Juden Zionisten sein. Einige dort gegründete Ackerbancolonien prosperiren. — Der „Clou" des zweiten Tages war der „Bericht des Actionscomites" über das abgelaufene Jahr. Von allgemeinem Interesse sind dessen statistische Daten In Russland existireu über 1000 zionistische Vereine mit mehr als 100.000 Mitgliedern. In England hat sich die Zahl mehr als verdoppelt, in Amerika sind jetzt 135 Vereine gegen 102 voriges Jahr, darunter 40 Frauen- und Mädchenvereine. In Oesterreich ist ein Aufschwung zu verzeichnen, trotz der starken Opposition der Neichen. In Galizien sind fast alle Juden Zionisten. Auch in Frankreich, Holland, Deutschland, Belgien und in der Schweiz ist eine Zunahme zu constatiren. Bulgarien zählt 42 Vereine. Lediglich in Rumänien ist ein Rückgang zu verzeichnen, der sich indes durch die traurigen Verhältnisse von selbst erklärt. — Die Zahl der Schekelzahler beträgt nahezu 200.000. — Die sich au den Bericht knüpfeltde Discussion war sehr lebhaft, stellenweise sehr erregt. Sie währte fast durch die Nachmittagssitzung (Präses Dr. M a n d e l st a m m). Besonders zu erwähnen ist die ausge eichuete Rede von Rabb. Rabinowitz, er wünscht, es möchten die guten Z i o n i st e n bessere Juden und d i e g u t e n I n den bessere Z i o u i st e n werde n. Pineles (Galatz) und E l l m a n n (Braila) sprachen über die Lage der rnmäilischen Inden. Erst in später Abendstunde wurde die Discussion unterbrochen. — Im Lause des Nachmittags fand unter dem Vorsitze von Frau Professor Gottheil eine Sitzung der weiblichen Delegirten statt, in der hauptsächlich über die Betheiligung der Frauen an der zionistischen Bewegung debattirt wurde. — Seitens des Ehren Secretärs des Congressbureau, I. d e H a a s^(Jewish World), wurde den Vertretern der Presse eine officielle Darlegung der zionistischen Bewegung übermittelt, „um einige Misverständnisse aufzuklären." Die Mittwoch Morgensitzung begann wiederum unter zahlreicher Betheiligung des Publikums. Auch die Delegirten sind ..fast vollzählig zur Stelle. Was — namentlich den Engländern — unangenehm auffällt, ist, dass die Redner so oft von ihrem Thelna und dem gerade zur Debatte gestellten Gegenstände abkommen und dadurch die Verhandlungen unnothiger Weise i» die Länge ziehen. Die eigentliche Schuld liegt hauptsächlich an der kurzen Dauer der Tagung. Ein jeder Delegirte hat etwas besonderes auf dem Herzen und, einmal zu Worte gekommen, glaubt er ihm Luft machen zu müssen. ... Es sprachen Prof. M ande lstam m über die physische Seite des Zionismus, Dr. Kahn und S o k o l o w über die culturelle, Dr. Isidor M a r m o r e k und lteo Motzkin über die oconomische. Namentlich das vorzügliche Reierat Mandelstamm wurde sehr applaudirt. Sir Francis M o n l c f i o r e sprach über die Aussichten des Zionismus und Dr B o d e n h e i m e r über Organisation und Agitation. Rach der Mittagspause folgte auf R o rdans Antrag eine Sammlung zu Gunsten der rumänischen Inden, die 80 Pfund ergab, und dann begann die Debatte, zllnächst über Dr. B o d e n h e i m e r s Referat. Es kommen jene Momente, die wir oben kurz andenreten. Amendements wurden eingebracht, sausen aber keine oder nicht genügende Unterstützrlng, Anfragen blieben unbeantwortet, Schlussanträge wtirden gestellt aber abgelchnt, ja. ein Delegirter brachte sogar die Frage der Schekelzahlung anfs Tapet. Kurz, es war manchmal ein Durcheinander, dass es der ganzen Energie Dr. H e r; l s bedurfte, um endlich Ordnung in das Chaos zu bringen. Erst die Drohung, die Sitzllng ohne Unterbrechung bis zum nächsten Morgen anszudehnen, ließ die Delegirten etwas zur Ruhe und Zurückhaltung ihrer Gefühlsausdrüche kommen. Und doch hätten die fleißigen Arbeiten der Referenten ein besseres Los verdient. Mandelstamms Ansicht-n üb r Russland wird man in jüdischen Kreisen noch mehr als einmal citiren. Es sind geradezu menfchenentwürdigende Zustände, die dort herrschen, und nur ein großer Adsinss nach Palästina kann da eine Aendernug bringen, nachdem die Colonisirnng in allen anderen Erdtheilen sozusagen mit mit einem Fiasco geendet hat. Sir Francis Montefiore richtete ernste Mahnungen an die englischen Juden, sich nicht gar zu sicher zu fühlen. Oie amijüdischen Strömungen machen sich mehr und mehr bemerkbar. — In der Rachmirtagspaufe hielten die weiblichen Delegirten wieder eine Versammlung, es handelte sich namentlich um Erörterung der Frage bezüglich weiblicher Agitalionsredner. Ein dahin zielender Antrag fand allseitige Zustiminung. Dr. Fried m a ri n brachte in der Nachmittagssitzung die Frage, welche schon den vorigen Congress beschäftigte, nur alle zwei Jahre zu tagen, zur Debatte. Zn einem Beschluss kam es aber nicht. Noch viele andere Dktailfragen wurden von den Delegirten vorgebracht, ohne dass ihnen praktische Folge gegeben wäre. . . . Der Mittwoch-Nachmittagssitzung folgte eine Abendsitzung, die nach 9 Uhr begann und von Dr. Mer Nord au präsidiert wurde. Dr. G a st e r und S o k o l o w referierten über die geistige und öconomische Lage der Fuden — Referate die eigentlich in der Morgensitzung hätten erledigt weiden sollen. Trotz der späten Abendstunde, war der Congreßsaal gedrängt voll, auch die Gallerie zeigte wenig Lücken und folgte den Auseinandersetzungen der Redner nur großem Interesse. Im Anschluss daran referierte in der Damerst ag- Morgensitzttug — Dr. Her z l, Vorsitzender — zunächst Dr. Kahn über die Culturfrage. Er möchte am liebüen das Work „Enltur" durch ein anderes ersetzen, da es zu oieten Mißdeutungen, Veranlassung gegeben. Er schlug eine Resolution vor, besagend: „dass der Congress, indem er jedermans Meinung respectirl und ohne sich zu einem definitive» Programm zu b kennen, es für eine Pflicht des Zionismus hält, für die religiöse, moralische und nationale Wohlfahrt der jüdischen Nation zu erbeilen. Immerhin sei es wünschenSrverth, üais iu den verschiedenen Ländern — je nach den Umständen — jüdische Schulen gegründet werden, än denen neben derr regnläreti Unterrichtsfächern der Unterricht i» der hebräischere Sprache und jüdischen G eschichte als obligatorisch eingesührt werden solle, worüber dem Congress von Zeit zu Zeit zu berichten fei". Die Resolution gab zu einer langen, stellenweise von turbiileuten Scenen unterbrochenen Divcnfsion Veranlassung, welche

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