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Die Wahrheit · 1900-08-24 · Heft 31 (24.8.1900) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 31 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 31. die Thätigkeit innerhalb der Gemeindeverwaltung gewährleistet. Ob nun die 75 Percent einen Mann ihres Vertrauens aus jenen 20 oder gar aus jenen 5 Percent wählen, bleibt sich gleich. Und auch umgekehrt. Eine weitere Neuerung, welche der Vorstand beschlossen, besteht in der Bezirksvertretung. Auch hier tritt ein persönliches Moment in den Vordergrund, das wir absolut verwerfen müssen. Mit welchem Rechte, fragen wir, will der Vorstand die Halste der Bezirksvertreter nominiren, richtiger gesagt, den Bezirken a u s o c t r o y i r e n? Und dann vermissen wir ein Schema, wie der Cultusvorstand sich eine Bezirks- Vertretung eigentlich denkt, sowohl deren Zahl wie Campe lenz? Namentlich bezüglich letzterer verlangen wir sür die Bezirksvertretung nicht nur m i t b e r a t h e n d e, sondern auch mitbeschließende Stimme, vor allem in der A r m e n v e r w a l t u n g. Wir verlangen, kurz gesagt, ein R ep r Ls e n t a nt en - C o ll egiu m nach dem Muster der in den Großgemeiuden Deutschlands bestehenden. Und nun zur Frage der Eintheilung Wiens in Cultusb ez irke. Wir schlagen folgende vor: I. Bezirk mit 30 Vertretern; II. Bezirk mit 30; III. Bezirk mit 6; IV., V., XI. und XII. Bezirk mit 9; VI. und VII. mit 12; VIII. mit 6; IX. mit 18; X. mit 6; XIII., XIV. und XV. mit 9; XVI. und XVII. mit 6; XVIII. und XIX. mit 6 und endlich der XX. Bezirk mit 12 Vertretern. Das ergibt 12 Cultusbezirke mit zusammen 150 Bezirksvertretern. Davon wählt wiederum jede S te ue r c a te g o r i e ein Drittel. Jede Bezirksvertretung theilt sich in 3 Sectionen: eine Schuls ec t i ou, eine B et h au s sect i o n und eine A rme ns e c t i o n, als deren Vorsitzende vom Vorstände je ein Vorstand smitglied e r n a n n t wird. Damit soll die nöthige Verbindung zwischen Vorstand und Bezirksvertretung und gleichzeitig eine Garantie geschaffen werden, dass einerseits die Bezirke an den Vorstand kein Verlangen stellen, dessen Erfüllung von vorneherein aussichtslos ist, anderseits aber berechtigte Wünsche die nöthige Unterstützung finden. Denn jeder Bezirk wird suchen, bei den Vorstandswahlen drei Mitglieder seines Bezirkes durchzubringen — was nicht gerade absolut nöthig, aber wünschenswerth wäre. Die Neuwahlen finden zu je einem Drittel alle drei Jahre statt. Das 1. und 2. Drittel werden durchs Los bestimmt, doch sind die Ausscheidenden wieder wählbar. Nothwendig werdende Er. satzwahlen sind innerhalb 2 Monaten vorzunehmen. Was die Zahl der Bezirke, resp. Bezirksgruppen betrifft, so entsprechen sie den heutigen Verhältnissen. Eine etwa nothwendig werdende Neuregelung könnte alle 9 Jahre vorgenommen werden. Auch bezüglich der B e z i r k s v e r t r c t er fußten wir auf den heutigen Verhältnissen, jedoch mit der Maßgabe, dass jede Gruppe mindestens die Zahl von Mitgliedern haben solle, die zur Bildung der 3 Sectionen nöthig sind, höchstens aber dreißig. In der Regel dürfte ein Percent der Steuerzahler die richtige Mitte darstellen. Nun möchten wir noch eine Frage berühren, die — wir sind uns dessen bewusst — aus Widerstand von verschiedenen Seiten stoßen wird, die wir aber trotz alledem aufwersen: Es ist die untere S t e n e r g r e n z e. Als man noch nach Gulden rechnete, klang es recht hübsch, von „Fünfgulden-Männern" zu reden. Jetzt rechnen wir nach Kronen. Wir meinen, mau sollte jedem das Recht und die Möglichkeit geben, der Gemeinde als Steuerzahler und Wähler anzugehören. Das wird erreicht, indem man eine Minimalstufe von 5 Kronen schafft. Auch sollte das passive Wahlrecht (Wählbarkeit) nicht von der zweijährigen Sesshastigkeit abhängen. Eventuell würden wir au deren Stelle — nach Wahl des Steuerzahlers — zwei Jahresraten setzen. Das Eintrittsgeld sollte in Zukunft ebenfalls in Fortfall ko rmen. Das waren in großen Umrissen diejenigen Vorschläge, die wir gegenüber den vom Cultusvorstand beschlossenen „Reformen" zu machen uns erlauben. Wir wünschen und hoffen, dass sie an competeuter Stelle in Erwägung gezogen werden. Wir würden es im Interesse des Friedens in der Wiener Cultusgemeinde anss Tiefste bedauern, wenn die Beschlüsse des Vorstandes von der hohen Statthalterei genehmigt werden sollten. Noch ist es Zeit, dieses zu verhüten. Die geringe Minorität, mit der sie im V o r st a n d s c o l l e g i n m selbst' zur Annahme gelangten, und die allgemeine Verstimmung, die darübe in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens herrscht, sollte dem Vorstande zeigen, dass er nicht aus seinem Schein bestehen dürfe. Ein F e h l e r w u r d e g e m a ch t. I h n; u c o r r k g i r e n, i ft noch Z.e i t. B.e.n.ü tz e ltiait s i e, b e v o r e s z u s p ä t i st! , * * Das Missionswesen in China. Von Landesrabbiner Dr. Tänzer in Hohenems. Unter diesem Titel widmet der gegenwärtig hervorragendste Darsteller der Zustande in China, Dr. Karl v. Scherzer, im Morgenblatte der „Neuen Freien Presse" vom 26. Juli a. c. der chinesischen Mission eine eingehende Besprechung, deren einzelne Punkte auch für uns österreichische Inden, die wir, oder richtiger, deren halbreife Mädchen sich heute der besonderer Aufmerksamkeit bekehrnngswüthiger Missionäre zu erfreuen haben, aktuelles Interesse besitzen. Dr. v. Scherzer beklagt vorerst, dass die internationale Diplomatie sich so peinlichst davor hüte, die brennende Frage der Mission in China mit ihren Folgen nnd Begleiterscheinungen zu berühren. Bei uns im lieben Oesterreich scheuen sich selbst alle zu gesetzlichem Schutze berufenen Organe, Eltern, deren Kinder oder richtiger Töchter geraubt und gewaltsam zur Taufe geschleppt werden, ihr natürliches und gesetzliches Recht zu verschaffen. Vor Klostermauern besteht im „civilisirten" Oesterreich dieselbe Scheu, wie vor der chinesischen Mauer im ,,barbarischen" China. Dr. v. Scherzer betrachte! das chinesische Missionswesen alseine „Lebensfrage" für die fernere gedeihliche Entwicklung unseres wirthschaftlichen Verkehres"^ und ich möchte angesichts des österr. Missions-Unwesenö die Frage aufwersen, wohin es wohl in Oesterreich führen soll, wenn Recht nndGesetz derart mit Füßen getreten werden, dass Mädchen ungestraft ihren Eltern geraubt und gewaltsam hinter Klostermauern gefangen gehalten und getauft rverden dürfen? Wie wäre es, wenn so einem unglücklichen Vater einmal die fast endlose jüdische Langmuth aus gehen, wenn er den vollständig aussichtslosen Papierweg der Instanzen uub Audienzen verlassen und sich aus chinesische Art sein Recht verschaffen würde? Könnten diese unerhörten Vorgänge des jüdischen Mädchenraubes nicht auch einen silbischen Michael Kohlhaas erzeugen? Den Ehemann, der den Schänder seiner Hausehre niederschießt, sprechen die Geschwornen so oft frei, weil er im Affekt berechtigten, blindwüthigen Hasses ^gehandelt habe; könnte das Verbiet anders lauten, stände ein jüdischer Vater als Rächer seines Familienheiligthumes vor den Geschworenen? Es ist ein gefährlich Spiel, das Kutte und Schleier im heutigen Oesterreich spielen. Dr. v. Scherzer behandelt weiters d?e Frage, worin die reellen ethischen Erfolge der Mission in China seit den 250 Jahren ihres Wirkens bestehen. 460,000 eingeborene Christen bei einer Bevölkerung von 400 Millionen Seelen, wobei noch die Mittel in Betracht zu ziehen sind, mit denen die bezopften Köpfe unter's Taufbecken gebracht werden. Frankreich entzieht alle getauften Chinesen der chinesischen Gerichtsbarkeit und verleibt sie dem eigenen Staatsverbande ein. Vielleicht soll aus diesen Apostaten ein neuer brauchbarer Generalstab bei einer zukünftigen Dreyfuß Affaire gebildet werden. Amerika verabreicht Arzneien unentgelllich an alle Täuflinge und im ^— chinesisch gewordenen Oesterreich macht man sie zu Universiräts-Professoreu und behängt sie mit Orden und Auszeichnungen. Dr. v. Scherzer ist im vollsten Rechte, wenn er im asiatischen China konstatiert, dass dort allein das Bestreben herrsche, „ans die eine oder andere Weise in rascher Zeitfolge möglichst viele Proselyten zu gewinnen, um der gläubigen Welt ein ruhmvoll klingendes Resultat verkünden zu wollen". Es ist im chirresischen Oesterreich genau so der Fall. Mit Mädchenraub und Zwangstaufen,

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