Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 30 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 30. die gewisse verlockende Aeußerlichkeiten zulasten, aber keinen Schutz oder ein gleichmäßiges, gesichertes Auskommen bieten. Diesem Schaden und diesen Gefahren könnte eine vernünftige Anleitung der Mädchen entgegenarbeiten, und Ahlem wäre ein sehr geeigneter Boden, auch in der Volkserziehung der Mädchen vorbildlich voranzugehen. Freilich, da jede Anstalt an großen, nicht gering anzuschlagenden Mängeln leidet und da nur kleine Anstalten relativ günstige Erfolge haben können, so hat mau, wenn es sich um! die Regenerirung der galizischen Juden handeln soll, von so! winzigen Versuchsstationen abzusehen und muss wieder einen i Standpunkt einnehmen, der einen weiteren Ausblick gestattet." (Schluss.) Eins ist nöthig. Von M. T i n t n e r, Bunzlau. I. Wenn wir auch kurz nach den drei Trauerwochen sind, will ich dennoch keine Jercmiaden anstimmen, aber rufen will ich mit lauter Stimme, damit meine Worte überall, nicht nur ins Ohr, sondern auch ins Herz dringen. „Verbunden weiden auch die Schwachen mächtig" lautet ein vielcitirter Ausspruch Schillers. Uud gewiss, nur in der Einigkeit, in der Gegenseitigkeit der Hilfe liegt die Kraft. Was vermag ein Mensch,und wenn er auch noch so laut seine Stimme erhebt, um zum Schutze und zur Hilfe für die Bedrängten aufzuruscn. Niemand hört ihn, und wenn ihn jemand hört, beachtet er ihn nicht, jeder denkt zunächst an sich. Und doch mahnt uns die Schrift so oft und eindringlich, wahre nnd praktische Nächstenliebe zu üben und zu pflegen. Viele denken über das Gottesgesetz nach, lehren und predigen es, aber wie viele Hörer handeln darnach? Ein Artikel in dieser geschätzten Zeitschrift reicht nicht aus, um die mosaische Lehre der Nächstenliebe ausführlich zu behandeln, darum will ich nur etwas hwvorheben. Nach unseren Grundsätzen betrachten wir jeoen Menschen, der an Gott glaubt, Tugend und Nächstenliebe übt, als unseren Bruder, mag er noch so niedrig stehen. Unrecht sollen wir nicht dulden, das anderen zugefügt wird, aber auch nicht jenes, das uns zugefügt wird. So wird Menschenliebe, Liebe zur Menschheit uns zur Herzenspflicht gemacht. Und doch, hier komme ich zum eigentlichen Thema tvicder zurück, — was kann Einer thun? Aber „verbunden werden auch die Schwachen mächtig," sie werden durch Einigkeit nicht blos stark genug, anderen zu helfen, sondern auch sich zu helfen. Eine Vereinigung vieler Mitglieder eines Standes und Berufes zu einem Bunde enthält alles, was nöthig ist, um die Forderungen des betreffenden Bundes zur Verwirklichung zu bringen; denn der eine wirkt durch das Wort, der andere durch die Schrift, ein anderer belehrt, ein anderer leitet die Geschäfte des Bundes, wieder ein anderer vertritt ihn vor der Außenwelt, vertheidigt ihn, wirbt ihm Freunde und Gönner. So ist die Verbindung aller Mitglieder eines Berufes das Ideal, dem die Mitgenossen zustreben sollen; was der eine nicht weiß, weiß der andere, was der eine nicht kann, kann der andere. Die Gaben sind unter den Menschen nicht gleichmäßig vertheilt, der Bund aber ist etwas Vollkommenes, soweit in dieser Welt etwas vollkommen sein kann; denn er umfaßt alle Charaktere, das Wiffen und Können in der Gesammtheit. Ein solcher Bund wirkt aber nicht blos in idealer Hinsicht, er kann auch in materieller Beziehung sehr viel leisten. Wenn jeder nur ein kleines Scherflein beiträgt, so kann schon sehr viel gethan werden. Und wie nothwendig ist oft schnelle und tief eingreifenee Hilfe, besonders bei uns, bei den Cantoreu und Cultusbeamten. Viel, sehr viel ist bei uns zu thun und zu erreichen, bis wir auch nur mit einigem Recht sagen können: „Jetzt geht es wenigstens schon". Wenn wir fragen, tvas haben wir denn zu erreichen, welche Forderungen sind denn aufzustellen, so müffen wir leider antworten: „Alles ist noch zu erreichen, denn Alles fehlt uns noch, soivohl in materieller, als auch in idealer Beziehung." Um unsere berechtigten Forderungen zu verwirklichen, müssten alle Cantoren einen einzigen Verein bilden, deren Mit» glieder mit Treue und in Wahrheit für die Ziele des Cantorenstandes arbeiten! In eine» solchen Verein, in einen solchen Bund gehört keine Gleichgiltigkeit; der Gleichgiltige versündigt sich am ganzen Stande. Diejenigen, welche in fetten Pfründeit sitzen, verfolgen leider gar zu oft Sonderinteressen und blickeit auf ihre Standesgenossen in der Provinz mit Geringschätzung herab. Diese Herren Collegen — keine Regel ohne Ausnahme — sehen nicht, wie mancher tüchtige, brave College alt und schwach, matt und kränkelnd wird, wie er immer weiter arbeiten muß, sonst müsste er hungern — oder den Bettelstab ergreifen. Für die alten Tage hat er sich nichts ersparen können, Pension erhält er nicht — er muß also arbeiten bis zum letzten Athemzuge. Soll und muss da nicht Wandel geschaffen werden, besonders in der heutigen vielbewegten Zeit für Israel? Muß nicht das Ansehen unseler Glaubensgemeinschaft leiden, wenn der Cultusbeamte als „Freiivild" behandelt und betrachtet wird? Wo bleibt der viel gepriesene Ausspruch der Sitten : „B’ne jisroel gomle ehasodim?" Jedoch möchte ich denselben nicht im philautrophischen, sondern im praktischen, zeitgemäßen Sinne angewendet wissen. Bevor ivir Cantoren aber energisch und mit Einmüthigkeit unsere Forderungen vertreten wollen, müssen wir uns erst recht klar werden, welcher Art dieselben sein sollen; gerade hierin ist Einigkeit die Hauptsache. Zunächst ist es erforderlich, dass der Cantorenbund seine gerechten Ansprüche den Regierungen und den Gemeinden unterbreite und auch beweiskräftig und energisch vertrete. Welches sind nun uilsere Forderungen? Wir theilen diese zunächst in zwei Hauptgruppen ein, nämlich in die Forderungen idealer und in diejenigen materieller Natur ein. Beide Arten sind gleichwichtig, die Erfüllung beider Arten gleich nothwendig. Welche Forderungen idealer Natur müssen wir nun stellen? Vor allem braucht der Cantor und Religionslehrer der! heutigen Zeit eine bessere, unter staatlicher Aufsicht stehende i Vorbildung. Sobald die Bildung des Cantors und Religionsj lehrers sich über das allgemeine Niveau erhebt, wird auch die j sociale Stellung derselben eine bessere werden, j (Fortsetzung folgt.) Vierter Iionistm-Congreß. (Orig.-Bericht.) London, 13. August. Der heute in Queens-Hall eröffnete vierte Zionisten-Congreß ist von circa 300 Delegierten besucht. Bereits vorgestern Abend fand eine Vorversammlung zu Ehren der bereits vollzählig eingetroffenen auswärtigen Delegierten statt. Die Assembly-Hall in Mile End ein Riesensaal, 8000 Menschen fassend, war zum Erdrücken voll. Hunderte mussten umkehrcn. Die Wahl Londons als diesmaliger Congreßort darf als eine sehr glückliche bezeichnet werden. Das Interesse für den Zionismus wird in die weitesten Kreise getragen werden und der Bewegung manche neue Freunde zuftthien. Nach Beendigung des Abendgebetes bestieg Chief-Rabbi Dr. Gastcr den Präsidentenstuhl um die anwesenden Delegierten und Gäste zu begrüßen.. Wir bemerkten Dr. Herzl. Max Nordau, Professor Gottheil und Gemahlin (New-Aork), Sir Francis Montefiore, I. Cowen, De Solis (Canada), Dr. Mandelstamm (Kiew), Israel Zangwill u. A. Als erster officieller Redner betrat Mr. Cowen die Tribüne. Er schlug — nach englischem Brauch — eine Resolution vor, worin gesagt wird, dass die englischen Zionisten sich mit ihren Gefinnungsgenoffen der ganzen Welt solidarisch erklären und alles was in ihrer Macht steht, zu thun gewillt sind, mit zu arbeiten, das gesteckte Ziel zu erreichen. Zangwill, in prächtiger, ebenso witziger wie sarkastischer Rede die Resolution unterstützend, bemerkte, er sei zwar kein Zionist, aber er wolle seine kalte Wasserstrahlen heute für sich behalten. Es-