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Die Wahrheit · 1900-08-17 · Heft 30 (17.8.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 30 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Die Wahrheit. Seite 5. Leben kann nur der Pole der Geburt und der Religion erlangen; ' der katholische Pole allein herrscht jetzt in Galizien, alle anderen; haben die Existenzberechtigung noch nicht erlangt und werden sie auch nach dem Vorgänge des lieben Nachbars niemals erreichen. Diese Situation kann kaum eine Aenderung erfahren, so , lange die Pseudoaustrophilie der Polen den Wiener Staatsmännern als ein Kirche und Staat erhaltendes Element impo-! nireu wird. Wie lange noch unsere Polen die deati xogoiäsntoo i in Oesterreich spielen werden, kann heute niemand absehen, und! so lange hat jedes Ringen um Recht nur einen problemtaischen! Werth. Wollen wir Juden Galiziens eine Besserung unserer Lage! in jeder Beziehung erkämpfen, so müssten folgende Maßj nahmen ergriffen werden: j Die gesammte Judenschaft Galiziens organisire sich im j national-jüdischen Sinne zu einer eigenen jüdisch politischen j Partei, die ihre eigenen verläslicheu und gesinnungstüchtigen! Vertreter in den Reichsrath und Landtag entsendet. Die Füh-! rung der politischen Angelegenheiten wird dem zu reorganisirenden politischen Vereine „Schomer Israel" überantwortet. Zusammenschluss aller jüdischen Reichsrathsabgeordneten! in Oesterreich. Dieser Club wird mit anderen Clubs in poli-! tische Beziehungen treten, um seine speciellen Forderungen stellen < und durchsetzen zu können. Verwerthung der jüdischen Kräfte durch den Staat, welcher! die gesammtösterreichisch-jüdischen Leistungen an Gut und Blut; zu würdigen versteht. Es würde sich auch empfehlen eine Statistik | der jüdischen Leistungen in Oesterreich anzulegen, um Zahlen für « u sere Forderungen sprechen zu lassen.! Die Einrichtung des galizischen Gemeindetages muß zu : einer festen Organisirung ausreifen, niemand anderem als dem Gesammtvolke zum Heile und zu Diensten. Mögen Andere über diesen Punkt anders denken, ich halte dafür, dass das Streben nach materiellen Vortheilen mit der Arbeit im Interesse des Judenthums vereinigt werden muß. Fort mit dem trostlosen Kunst- und Nothjudenthurn, für das jede Anstrengung nur ephemeren Nutzen brachte. Echtisrael trete auf den Plan und raffe alle seine Kraft zusammen, um 'für das Wohl seiner Connationalen in der Gegenwart, als Dollberechtigte Bürger des österreichischen Staates, einzutreten rind die Erlösung aus seiner Diaspora anzustreben. Zur Iudenfrage in Galhien. ii. Nachdem so die Verfasserin in sehr überzeugender Weise die einseitige Richtung der Wirksamkeit der Baron Hirsch- Schulen nachgewiesen und mit vieler Wärme auch für die Erziehung der galizischen Mädchen plaidirt hat, die nur durch den Eintritt von Damen in das Curatorium eine zielbewusste Förderung finden kann, wendet sie sich mit nachfolgenden treffenden Bemerkungen jenen Bestrebungen der Hirsch-Stiftung 1111b der „Jewish Colonisation" zu, welche die galizischen Juden zum Ackerbau und zur Industrie leiten sollen: „Was nun den zweiten Gedanken betrifft, durch dessen Ausführung man der „Calamität" in Galizien Herr zu werden hofft, die Erziehung des jüdischen Volkes zur Industrie und zum Ackerbau, so ist derselbe theoretisch ein sehr guter und gesunder. Es kann auch keine verlockendere Utopie geben, als die Vorstellung, dass alle die Schenkwirthe, Mauthpächter, Kleinhändler, Taglöhuer, Bergwerks- und Fabriksarbeiter u. s. w., die infolge des Antisemitismus und der drückendsten Lohnverchältniffe mit ihren Frauen und Kindern in Galizien ein jämmerliches Dasein führen (sofern sie nicht zu Hunderten und Tausenden durch Hunger und Entkräftung zugrundegehen, zu einem kräftigen, die Scholle bebauenden, in Werkstätten arbeitenden Volke werde. Die Jewisch Colonisation Association hat sich der Ausführung dieses Gedankens angenommen, und auch andere Institute, wie der Galizische Hilfsverein, vielleicht auch dir Wiener Allianz widmen sich derselben Aufgabe. Was nun die Einführung des jüdischen Volkes speciell in Ackerbau, Weinbau uud Gärtnerei betrifft, so ist Bodenbesitz das erste Erfordernis dafür, und damit ist auch die erste Schwierigkeit genannt. Nicht jeder Staat hält die Bildung von jüdischen Colonien innerhalb 'einer Grenzen für erwünscht, nicht alle der möglicherweise in Frage kommenden Landstriche sind für jüdische Ansiedelungen geeignet, oder versprechen eine genügende Rentabilität. Da ist es denn sehr gut, dass der financielle Rath der Jewisch Colonisation Association vor kostspieligen Experimenten zurückschreckt, bevor nicht die inneren Schwierigkeiten des Unternehmens geebnet sind. Zu diesen gehört die thatsächliche, körperliche und geistige Umwandlung größerer Sippen und Gemeinden, die jahrhundertelang zum Ghettoleben verdammt waren, in Landwirthe. Wo gewaltsame Expropriationen und durch Judenverfolgungen zahlreiche Emigrationen stattfanden, da war es ein Act der Nothwendigkeit, den aus der Heimat und dem kärglichen Broterwerb verdrängten Familien irgendwo in der Welt ein Land anzuweisen, in dem eine Fortexistenz nicht ausgeschlossen ivar. Diese, unter dem Einsluffe der erhobenen Knute eiligst begründeten Colonien waren Lehre uitd Beweis, dass auch die Noth nicht Ackerbauen lehrt. Die körperliche Kraft und Widerstandsfähigkeit, die der Ackerbauer und Weingärtner zu seiner täglichen Arbeit braucht, die Summe von Erfahrungen bezüglich der Behandlung des Bodens, der gewonnenen Früchte, des Biehstandes, der Geräthe — die jeder Bauernjunge im Spiele bei Vater und Großvater sich aneignen kann — die Geduld des Abwartens zwischen Aussaat und Ernte, die Liebe zu einem Grundstück, die keine Arbeit scheut, auch wenn sie sich, wie bei Schulpflanzungen und Anforsten erst für kommende Geschlechter fructificirt, das alles fehlt dem jüdischen Volk und kann nicht durch einen Kauf- oder Pachtcontract erworben werden. In Ahlem, einer Erziehungsanstalt für Knaben, hat der Gedanke, zunächst Knaben für den laudwirthschaftlichen Beruf vorznbereiten, versuchsweise seine Verwirklichung gefunden. Die Anstalt besteht noch nicht lange genug, als dass die Statistik schon mit voller Bestimmtheit Nachweisen könnte, dass ihre Zöglinge wirklich mit Liebe ntld Befriedigung in ihrem Berufe als Gärtner geblieben, oder auf eigenem oder gepachtetem Grund und Boden thatsächlich Ackerbauer geworden wären. Was die Anstalt zunächst schon bewiesen hat, ist, dass wenn jüdische Knaben stramm und tüchtig erzogen und zu körperlicher Arbeit angehalten werden, sie sich physisch normal und kräftig entwickeln. Wenn die Leitung der Ahlemer Anstalt es ihren Zöglingen nach dem 14. Lebensjahr freistellte, unter ihrer Aufsicht in dem nahen Hannover bei einem speciellen Meister ein Handwerk gründlich zu erlernen, statt dass alle Knaben arrsnahmslos die Gärtnerei als Hauptfach betreiben müssen und dilettantisch etwas Handfertigkeitsunterricht nebenbei, so würde die mustergiltig geleitete Schöpfung ihrer Aufgabe als Volkserziehuugsanstalt noch besser gerecht! Sie verdient jedenfalls die Sympathien derer, die eine allmaliche Hinüberleitung größerer jüdischer Bevölkerungsclaffen zum Ackerbau anstreben. Dagegen hat, nicht aus mangelnder Einsicht, sondern aus mangelnden Mitteln, die Ahlemer Anstalt bis heute darauf verzichten müssen, auch Mädchen iiutev ihren erzieherischen Schutz zu nehmen. Das Sinken des moralischen und sittlichen Niveaus der Mädchen, deren Eltern aus Galizien stammend, sich irr den größeren deutschen Städten seßhaft machten, wird in erschreckender Weise bemerkbar. Erklärlich ist der Umstand dadurch, dass diese galizische Familien von den jüdischen Gemeinden, in die sie Eingang finden, durch Almosengaden aller Art eine »Unterstützung" finden, die sie moralisch herabdrückt und schwächt. Es fehlt eine Institution, die sich der Nachkömmlinge dieser Einwanderer energisch und consequent erziehlich aunimmt. Ungeleitet» oft misleitet, ohne irgendwelche gründliche Vorbildung, werfew diese jungen Mädchen sich vorzugsweise auf jene Erwerbsgebiete»

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