Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 29 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063042--00912-3067457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die lvahrhcrt. Nr. 29. trete»iu ihrer eigensten Interessen in der Verwaltung der Bai on Hirsch-Stiftung sichert, weiß ich nicht. Die Statuten schließen die Wahl von Frauen ebensowenig aus, wie die Fürsorge für die Mädchenerziehung. Leider kann ich mich auch der Befürchtung nicht entziehen, dass, wenn der Ruf nach weiblicher Mitarbeiterschaft zur Zeit der Gründung der Stiftung erfolgt wäre, das Resultat ein für die jüdische Frauenwelt recht beschämendes -gewesen wäre. Aber daraus folgt noch nicht, dass nicht heute Ichon oder doch in nächster Zukunft energische vernünftige jüdische grauen, ein warmes sociales Interesse in sich auszubilden und in den Dienst dar Gesammtheit zu stellen imstande sind — hoch über die dichten Reihen der Indolenten hmauswachsend. Jedenfalls sollte es das Bemühen des Curatoriums sein, solche Frauen heranznbilden und an ihre Aufgabe heranzuziehen. So wie es vom allgemeinen menschlichen Standpunkte die Pflicht eirres jeden ist, sich der Bedrückten anznnehmen, so wie der gebildete und der besitzende Jude, jeder in seiner Weise, die Pflicht hat, für die bedrängten galizischen und russischen Juden einzutreten, so haben wieder innerhalb dieser Civilisationsbestrebnugeu die jüdischen Frauerl die Pflicht, mit aller Energie dafür einzutreteu, dass auch die galizischen Frauen in ihren Menscheltrechten nicht verkürzt werden. (Fortsetzung folgt.) Ein neuer Paulus Mayer. Unter dem Titel „Ein neuer Paulus Mayer. Antisemitische Vorbereitnngen für die Polnaer Prozesse" veröffentlichte die „Neue Freie Presse" am 5. d. M. eine Correfpondi.uz aus Prag, in welcher gemeldet wurde, dass die Antisemiten in der Person eines gewissen Jehuda T i l l i n g e r (irrthümlich wurde er Villinger genannt) vormals Rabbiner der Wohlthätigkeitsgemeinde irr Berlin, einen neuen Paulus Mayer gesunden haben. Wir sahen uns null veranlasst, über die Vergangenheit dieses Mannes nachzuforschen, und so erfuhren wir. dass Jehuda Tillinger (32 Jahre alt. zu Zablotow in Galizien geboren), hier in Wien nicht unbekannt ist, ja sogar au der hiesigen israel. theologischen Lehranstalt im Jahre 1897 stndirt hat. Es gereicht dies wohl dem Seminare nicht zur besorlderen Ehre, aber es muss immerhin constaiirt werden. Tillinger wurde sowohl vom Seminar al«, auch von der Cultnsgemeinde bei seinen Studien (?) Uliterstützt und zeichnete sich durch besondere Zudriliglichkeit ans. Tieferblickende Männer haben schon damals den wahren Charakter Tillingers erkallnl und seinem zukünstigen„Wirken" eine üble Prognose gestellt, wie sie in der nachstehenden Correspondenz ihre Bestätigung findet. „Das Masaryk'sche Organ „C;as„ bringt folgende Mitteilungen: „Wie die Autisemitell im Geheimen arbeiten, um ein sehr effectvolles Material, durch welches sie für das Ritnalmordmärchen im Volke Stimmung machen könnten, vorzubereiteu, dafür zeigt ein Quiproquo, welches sich am 3. August in unserer Redactiou abspielte. Es besuchte uns, offenbar in Folge eitles Jrrthums, der Rabbiner Jehuda Villinger aus Zablotow iu Galizien, welcher in der Wohlthätigkeits-Gemeinde zu Berlin als Rabbiner thätig war. Er hatte sich mit feiner Gemeinde überworsen und schied nach mancherlei Conflicten aus derselben. Aus seinen Beziehungen mit der genannten Berliner Religions- Gemeinde erblühte eine Reihe von Streitschriften, die er uns insgesammt unterbreitete, wobei er sich als einen in seinen -Rechten verkürzten und verfolgten Menschen hinstellte. Schließlich wurde er aus Berlin ausgewiesen. Nunmehr begannen sich dieses Rabbiners, eines offenbar beklagenwerthen Menschen, die Antisemiten in ihrer Art zu bemächtigen. Sie fühlten heraus, dass er sich bei feinem geistig erregten Zustande sehr leicht für ihre Zwecke ausuützen lassen werde. Alsbald schenkten ihm die Redaktionen reichsdeutscher antisemitischer Blätter ihre Beachtung, und zwar die „Staatsbürger-Zeitung", welche Heuer den Konitzer Ritualmord er sonnen hat und der „Deutsche General-Anzeiger", welcher ihm Empfehlungen nach Oesterreich gab, darunter an Ernst Vergani. In Prag kam Villinger mit dem bekannten Verfechter des Ritualmordmärchens Canonicus Rohling zusammen. welcher ihm an Cononicns Zschokke, gewesenen Universitäts-Professor und Hofrath, titib an Pfarrer Deckert in Wien Empfehlungen gab, in welchen Rohling ihn als eine iu orientalischen Sachen sehr gewandte Arbeitskraft bezeichnet uitb darauf aufmerksam macht, dass Villinger zur katholischen Kirche überzutreten beabsichtige und dass er der antisemitischen Sache sehr gute Dienste leisten könne. — Uns setzte Villinger auseinander, dass er viel mehr als Rohling wisse. Inzwischen solle er Mitarbeiter des Vergani'schen „Deutschen Volksblattes" werden, für welches er schon von Berlin aus zu schreibet» pflegte. Außerdem soll er Correspoudent der beiden genannten, reichsdeutschen antisemitischen Journale werden. Seine Beziehungen zu den antisemitischen Blättern lassen sich leicht erklären. Villinger glaubt an den Ritualmord und schützt Beweise für denselben vor. Am 21. Juni veröffentlichte er in dem antisemitischen „Deutschen General-Anzeiger" einen Artikel „Der Talmud und der Ritualmord", und am 8. Juli eineu Artikel „Uebersetzung der jüdischen Geheimschriften". Jetzt soll er offenbar im „Deutschen Bolksblatt" Artikel über die Blutbeschuldigung gegen die Juden veröffentlichen. Es ist dies die Methode der Anhänger des Ritualmärchens. Sie suchen unterden Juden Leute, welche in Folge von Conflicten mit ihren Glaubensgenossen oder aus anderen Gründen sich zu unmöglichen Auslegungen des Talmud und der jüdischen Tradition gebrauchen lassen". Der „Czas" erinnert sodann an den analogen Fall des- Paulus Mayer und bemerkt, es sei gewiss kein Zufall, dasssich die Antisemiten gerade vor dem Polnaer Process Juden, die mit ihren Glallbensgeuossen verfeindet sind, für ihre Redactionen beschaffen. Dass Villinger sich gerade iu die Redactiou des „Czas" verirrte, erklärt sich daraus, dass in dem Hause, wo sich diese Redaction derzeit befindet, bis vor Kurzem die Druckerei und ein Theil der Redactiou der autisemitischeu „Radikalni Listi" etablirt waren. Villinger glaubte also in der Redaction eines antisemitischen Blattes zu sein und meinte auch, Dr. Baxa werde eine Freude haben, wenn er von seinen. Artikeln hören werde. Gestern fand sich, wie die „Bohemia" mittheilt, Herr- Villinger auch in der Redactiou dieses Blattes ein, wo er sich jedoch nicht als Antisemit geriete, sondern lediglich über die preußische Verwaltung Beschwerde führte. Er sei, weil er ohne Bewilligung der Behörde als Rabbiner fungirte, angeklagt worden, habe jedoch die Verhandlung nicht abgewartet und sei durch freiwillige Abreise der Ausweisung zuvorgekommeu. Ererging sich in lebhaften Ausfällen gegen die preußischen Behörden, die ihn als Oesterreicher persecutirt hätten, und legte auch der „Bohemia" zahlreiche Schrifteu und Abzüge vor, allerdings nicht alle diejenigen, die er iu der Redaction des „Czas" gezeigt hatte. So unterließ er es beispielsweise, jenes Schriftstück bekauntzugeben, welches seine Beziehungen zu den antisemitischen Führern Rohling und Vergani betrifft. Zur Erläuterung seiner Conflicte mit der jüdischen Wohlthätigkeitsgemeinde in Berlin wies er mehrere Nummer der „Staatsbürger-Zeitung" vor, und auf die Einwendung, dass dies ja ein antisemitisches Blatt sei, erwiderte er rasch gefasst: Ja, selbst die antisemitischen Blätter haben sich meiner Sache angenommen. Eine weitere Prager Correspondenz vom 6. d. M. meldet folgendes: Der Rabbiner Tillinger, (nicht Villinger), über dessen Besuche in den Redactionen der „Bohemia" und des „Czas" wir berichtet haben, scheint bezüglich seiner Zukunfts- Pläne noch nicht ganz im Klaren zu sein. Gestern sprach er bei i dem Vorstande der israelitischen Cultnsgemeinde von Sinichom ( vor, um sich um die vacante Stelle eines Rabbiners zu bewerben. Als ihm bedeutet wurde, dass diese Stelle bereits durch Dr. Herzog aus Mährisch-Ostrau besetzt sei, bat er um eine Empfehlung an die dortige Cultusgemeinde. Diese wurde ihm aber verweigert mit der Motivirung, dass man mit der Mährisch- Ostrauer Cultusgemeinde nicht in Verbindung stehe".