Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 29 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29. Die Wahrheit. Seite 7. Verschiedene Nachrichten. Wie«. (Erhebung in den Adels st an d.> Der Kaiser hat dem Fabriksbesitzer Hermann Kuffner in Lundenburg den Adelsstand verliehen. Wie». Anlässlich des 70. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers findet Freitag den 17. d. vor dem Abendgottesdienste im türkischen Tempel ein Festgottesdienst statt. Wien. (Spende für die rumänischenAuswanderer.) Die Freiherren Nathaniel und Albert v. Rothschild haben als gemeinsame Spende zu Gunsten der rumänischen Auswanderer der Israelitischen Allianz in Wien den Betrag von 50.000 Kronen überwiesen. Wien. (Danksagung.) Anlässlich der Renovirung des Vereins-Bethauses „Osseh Cheffed", II., Schiffamisgasse 5, hat der Besitzer des Hauses, Herr Moritz Wagner, in ganz selbstloser Weise dem Vereine so viele Wohlthaten erwiesen und für das Zustandekommen dieses herrlichen Werkes so mannigfache Opfer gebracht, dass der Verein „Osseh Ehessed" nur einem geringen Theile der tiefempfundenen Dankbarkeit I Ausdruck zu verleihen glaubt, wenn er im Wege der Oeffentlichkeit! -erklärt, dass nur durch die munificente Mithilfe des Herrn Wagner das j begonnene, schöne Werk auch zu einem gedeihlichen Ende geführt werden j konnte. Möge Gott ihn dafür segnen, wir Menschen können ihm nur j Tranken. Der Ausschuss des Vereines „Osseh Cheffed".! Baden. Es wurde erst jüngst in einem Wochenblatte gerügt, dass ' die hiesige Synagoge, so geräumig sie ursprünglich für den Localbedarf; schien, schon seit Jahren während der Sommersaison an Sabbath- und Festtagen und bei sonstigen feierlichen An äffen infolge des immer steigenden Fremdenbesuches als viel zu klein und unzureichend sich erweist. Es ist immerhin erfreulich, wenn unsere zur Cur hier weilenden Glaubensgenossen von den gottesdienstlichen Einrichtungen der Gemeinde so ergiebigen Gebrauch machen und an der öffentlichen Andacht so regen i Antheil nehmen, allein Befremden muß es Hervorrufen, dass das in un-! mittelbarer Nähe des Gotteshauses befindliche, vom hiesigen ehrwürdigen j Herrn Rabbiner Reich geleitete Beth-Hamidrasch, im Gegensätze zur j Synagoge,trotz seiner bescheidenen Räumlichkeit als zu groß und zu geräumig! sich erweist und nur sehr wenige Besucher zählt. Zum Curgebrauche! hier weilend, nehme ich des Oefteren an den Vorträgen thcil, die daselbst täglich vor dem Mincha-Gottesdienste von einem Funktionär der Gemeinde abgehalten werden, doch so oft ich die Leere im Hause des j Thorastudiums und der Gesetzesforschung wahrnehme, drängen sich mir! fast unwillkürlich die Worte des Talmud auf: „Ist die Thora nahe! daran, vergessen zu werden, dann kauert sie in einem verborgenem ' Winkel". Vielleicht genügt dieser leise Wink, um manchen thorabefliffenen j Curgast, der das Bedürfnis fühlt, seinen Wissensdurst zu löschen, zum j öfteren Besuch dieses gastlichen Lehrhauses anzueifern und das alte, stets! fich bewährende Wahrwort: „Lau almon Jisvoel* auch im hiesigen j Curort zur Geltung zu bringen. v. 8k.! ZSrünn Unser allgemein beliebter Obercantor, Herr Josef ‘ Heller, hat zum Texte des 21. Psalmes „Adonoj beos’cho“ eine ■ Freudenfest-Hymne componirt, die in Fachkreisen als eine äußerst gelun-! gene Piece vielfache Anerkennung findet. Die Hymne wird nicht nur in! Brünn, sondern auch in mehreren anderen mährischen Gemeinden bei! den Festgottesdiensten anlässlich des Geburtstages Sr. Majestät des; Kaisers zur Aufführung gelangen. Zttkoksöurg. Herr Obercantor A. N e u f e l d hat sich mit Fräulein; Eva Zimmer aus Fürth (Bayern) verlobt. Obercantor Neufeld j Ivurde in den Verband der Jsraelitengemeinde Nikolsburg aufge-! nommen. N. M.; AuKnian. Herr Max Stößler, Lehrer und Vorbeter in; Dubnian, wurde nach einem beifällig aufgenommenen Probevortrage in! Freiberg (Mähren) einstimmig zum Cantor und Religionslehrer ernannt.! Aungvunztau. (So entsteht das Blutmärchen.) Vor . einigen Tagen war hier das Gericht verbreitet, dass aus dem Orte Alt- > Benatek ein I3jähriger Knabe Namens Franz Jirta verschwunden sei; und seit dem 19. Juli vermisst werde. Obwohl durch die Nachforschungen j der Behörden festgestellt wurde, dass der Knabe nach seinem Verschwinden! sich mehrere Tage lang in einem nicht weit entfernten Dorfe bei einem! Bauer aufgehalten, aber von dort wieder entfernt habe, wurde dieser! Fall doch benützt, um unter der Bevölkerung abenteuerliche Gerüchte I zu verbreiten und dadurch eine Aufregung zu erzeugen, die sich gegen die Juden richtete. Es ist auch in der That in Alt-Benatek zu Demonstrationen gekommen. Dies mußte nach den in den czechischen Bezirken Böhmens gemachten Erfahrungen umso gefählicher erscheinen, als der Jungbunzlauer Bezirk eine zahlreiche jüdische Bevölkerung hat. Run ist aber das Verschwinden des Franz Jirta in jener Weise aufgeklärt worden, die bei einer ruhigen Beurtheilung des Falles vorauszusehen war. Der Bursche ist vor einigen Tagen bei Nimburg, also gar nicht weit von seinem Heimatsorte, aufgegriffen und der Gendarmerie übergeben worden. Er gab an, dass er aus dem Elternhause durchgegangen sei, und zwar wegen schlechter Behandlung. ßzernowitz. Vor einigen Tagen wurde in unserer Gemeinde ein Mann zu Grabe getragen, welcher zu den bekanntesten Persönlichkeiten nicht allein in der Landeshauptstadt Czernowitz, sondern im ganze» Lande Bukowina gehörte; es ist dies der k. u. k. Hauptmann d. R. Bernhard Baltinester. Er war Ehrenbürger, ferner Gemeinderath und Stadtrath von Czernowitz und gleichzeitig viele Jahre hindurch Vice- Präsident der israelitischen Cultusgemeinde. An seinem Leichenbegängnis betheiligten sich die Generale und das Officierscorps der Czernowitzer Garnison, der Landespräsident Baron Bourgignon mit den Chefs der Staatsbehörden, Bischof v. Repta und die Vertreter der autonomen Vertretungskörper. Nach Vortrag der üblichen Liturgien durch Obercantor Rosenheck sprachen am Grabe Oberrabbiner Dr. Rosen, Vice-Bürgermeister Regierungsrarh Dr. Reiß und Bankdirector Ferdinand Mayer namens der Cultusgemeinde. Dekavar. Der hiesige Obercantor, Herr M. F a u st, hat zum 70. Geburtstage des Kaisers eine Jubel-Hymne componirt und Sr. Majestät gewidmet. Die Widmung wurde an allerhöchster Stelle angenommen. Die Hymne mit dreisprachigem Texte «deutsch, ungarisch und croatisch) für Solo, gemischten Chor und Orgelbegleitung ist sehr melodiös und leicht aufführbar. Hroat.-Krentz. Unsere Cultusgemeinde trifft große Vorbereitungen, um den 70. Geburtstag Sr Majestät des Kaisers und Königs überaus festlich zu begehen. Der Gottesdienst wird Samstag den 18. August mit besonderer Celebrität durch Herrn Obercantor Burbaum unter Mitwirkung eines großen Damenchores, der städtischen Musikcapelle mit Orgelbegleitung abgehalten werden. Die Musikcapelle dirigirt Herr Stadtcapellmeister Johann Posbischil, die Orgel spielt der Stadtkirchen» Organist Herr Schwarzer. Die Festpredigt wird Herr Bezirksrabbiner Dr. Engel wahrscheinlich in croatiicher Sprache halten. Am Abend vorher wird der herrliche Tempel festlich illuminirt. Hdelfa. (I u d e n e x c e s s e.) Odessa war am 29.. 30. und 31. Juli der Schauplatz einer argen Judenhetze, welche in ihren abscheulichen Details an die Odessaer Judenkrawalle von 1891 erinnert. In den „Nowosti", dem einzigen Petersburger Blatte, das den Muth hatte, über die Ausschreitungen der Odessaer Boxers gegen die Juden die Wahrheit zu berichten, veröffentlicht der in Odessa weilende ruffische Publicist Obolenskij einen ausführlichen Bericht über diese Unruhen. Es war am 29. Juli, gegen 4 Uhr Nachmittags. Aus dem Prochorowplatze, wo der Trödlermarkt sich befindet, entstand zwischen einem Soldaten und einem jüdischen Trödler ein Streit. Der anwesende Pöbel nahm für den Soldaten Partei und mißhandelte den Juden. Dies benützten aber die Hafenarbeiter dazu, um den angesammelten Volkshaufen zu Ausschreitungen gegen die Juden auszusordern. Unter ohrenbetäubendem Geschrei und Gejohle warfen sich die Odessaer Boxers nach den naheliegenden Straßen Kossarka, Koloutajewska, Prochorowskaja und begannen dort das Werk der Zerstörung. Die Fensterscheiben in den von Juden bewohnten Häusern wurden eingeschlagen, die Thüren erbrochen, die Magazine demolirt und die Waaren geplündert. In der Koloutajewstraße wurde ein großes Kaufmannsmagazin total ausgeraubt. Bon hier aus stürmten die Demonstranten nach der Tiraspoler-, Uspenskij- und Preobraschenskijstraße, wo sie alle jüdischen Geschäftsläden demolirten und die Waaren ausplünderten. Die ihnen begegnenden Juden misshandelten die Demonstranten äußerst schwer, eine Jüdin, welche ihr Hab und Gut beschützen wollte, wurde schwer verwundet. Ebenso arg wüthete die Volksmenge auf der Konnaja- und Neschimkajastraße, wo sie die Sodawasser-Kioske zertrümmerten und mit den Siphonflaschen die Juoen misshandelte. Am folgenden Tage wiederholten sich die Ausschreitungen, wobei diesmal die Hauptstraßen von Odessa, die Deribaffowskaja, Puschinskaja u. 21. zum Schauplatze der Verwüstungen gewählt wurden. 2luch hier wurde 2llles in den jüdischen Wohnhäusern demolirt, zerstört und geplündert. Halbwüchsige Bursche im 2llter von 10 und 11 Jahren bildeten den Demonstranten die 2lvantgarde und schleppten 2llles weg, was sie in den Häusern der Juden fanden. Die Polizei erwies sich als zu schwach, wiewohl sie schon am ersten Tage der Ausschreitungen viele Verhaftungen vornahm. Erst als auch am 31. Juli die Unruhen sich wiederholt hatten, wurde Militär ausgeboten, dem es endlich gelang, die Ruhe wieder herzustellen und 1011 Demonstranten in Hast zu nehmen. Die Stadt Odessa bietet jetzt ein Bild arger Verwüstung. Die Geschäfte sind geschloffen, die Juden wagen es nicht, ihrer Beschäftigung in der Stadt nachzugehen, und viele Häuser in vielen Straßen stehe» demolirt und zerstört da.