Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 29 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Die Wahrheit. Seite 5. -in der Religionsstunde Dinge gelehrt, die im Elternhanse nicht Mehr beobachtet werden. Im Gegentheil, ich habe immer gefunden, dass sie es nur für selbstverständlich erachten, wenn der Lehrer den Gegenstand in seinem eigentlichen und wahren Sinne vorträgt. Höchlich zufrieden sind sie, wenn er seine Sachen mit Geist und Geschick anzufassen weiß, so dass selbst die Widerstrebenden gegen ihren Willen fast mitgerissen werden. Warum sollen nun jüdische Eltern im vorhinein und zum Schaden der Sache ein anderes und zwar größeres Recht beanspruchen dürfen? Man wird selbst vom Standpunkte des Herrn Einsenders nicht ohne weiteres darauf eingehen können. Die Zumuthung, irgend ein anderes Gebot, sogenannten moralethischen Inhaltes, sei es des Dekalogs oder der Bibel überhaupt, aus den gegebenen Rücksichten irgendwie in ihrem Sinne zu beeinträchtigen, wird er jedenfalls weit von sich weisen. Woher nun die Garantie, dass der Lehrer hiebei nicht ebenfalls mit der im Elternhause befolgten Praxis in Widerspruch ge-?äth? Ich glaube daher mit vollem Rechte anuehmen zu dürfen, dass alle vernünftigen und redlichen jüdischen Eltern, welcher religiösen Richtung immerhin angehörend, auf derartige Rücksichten gerne verzichten werden, wie dies ja von Seiten der christlichen Eltern ohne weiteres geschiebt. Sie werden dies um so eher thun, als von einem Beispiele, dass ein jüdischer Schüler durch den Religionsunterricht zu einem unbändigen Fanatiker großgezogen worden, noch niemand etwas gehört hak. Dass die Religion unseren Schülern nicht allzustark zu Kopfe steige, dafür ist in den homöopathischen Dosen, in welchen sie -verabreicht wird, hinreichende Vorsorge getroffen. Wohl aber iverden Eltern mit Recht fordern, dass der Lehrer das religiöse j Verhalten des Hauses niemals einer abfälligen Kritik unter-! ziehe, oder Forderungen und Anordnungen bezüglich der Religion treffe, die nun einmal jenseits der Grenzen seiner Rechte und mnd seines Einflusses liegen. Dies vorausgesetzt, darf er es ruhig wagen, bei Bespre- | chnng des Sabbath oder sonstiger Gebote, meinetwegen der Speise- Gebote, Einzelheiten heranznziehen. Bei jedem derartigen j Anlasse wird er sich jedoch vorher erst die Frage vorlegen : Bist! Du dem Gegenstände auch derart gewachsen, dass er den zur! Leichtfertigkeit geneigten Elementen — an welchen es in keiner! Elaste einer Mittelschule mangelt — nicht Anlass zum Spotte! bieten werde? _ (Schluss folgt.) Zur Ludenfrage in Gathien. l Seitdem der verewigte Baron Hirsch der Bekämpfung des! Judenelends in Galizien praktisch näher getreten ist und unter! Mitwirkung hervorragender Glaubensgenossen mit reichen Geld-! Mitteln eine groszangelegte und für die Dauer berechnete Hilfsj -actio» eingeleitet hat, hat sich auch das Interesse weiterer j jüdischer Kreise dieser lange Zeit unbekannten und verkannten! jüdischen Frage zugewendet, und es fehlte in Zeitungen und Broschüren nicht an Rathschlägen, wie die Intentionen des hoch- , herzigen Philantropen und seiner edlen Gattin am Besten ver-! wirklicht werden könnten. Diese überaus ergiebige Litteratnr j wurde durch eine vor kurzem erschienen: Broschüre *) bereichert, > die durch die Persönlichkeit der Verfasserin und den praktischen Blick, den ihre Anregungen verralhen, besondere Beachtung verdient. An der Hand von Auszügen wollen wir dem Gedanken- Zange der Broschüre folgend, unsere Leser mit diesen ebenso interessanten als sachgemäßen Ausführungen bekannt machen! rind an dieselben unsere Bemerkungen knüpfen. j „Zwei Gedanken sind es, so schreibt Fräulein Pappenheim,! die seit ungefähr einem Jahrzehnt feftgehalten wurden, um, in! Wirksamkeit gesetzt, den galizischen und russischen Inden als; erneute Grundlage für eine menschenwürdige Existenz zu werden. Es ist dies einerseits die Beförderung des Volksschnt-; Unterrichts durch die Stiftung des Baron Hirsch, anderseits das ’ Bestreben, die galizischen und russischen Inden vom Kleinhandel *) „Zur Judensrage in Galizien". Von P. Berthold (Bertha 1 Pappenheim). Frankfurt a. M., Gebrüder Knauer. nach und nach zur Industrie und zur Landwirthschaft überznsühren, was von der Jewisch Colonisation Association und anderen gemeinnützigen Instituten vertreten wird. Die Berichte über die Schwierigkeiten, mit denen die Vertreter der Baron Hirsch-Stiftung im Anfänge ihrer Wirksamkeit zu kämpfen hatten und die noch lange nicht als überwunden zu betrachten sind, machen das Ergebnis ihrer Arbeit zu einem doppelt bewunderungswerthen Es bestehen heute 50 Sliftuugsschulen, die vou etwa 10,000 Knabe» besucht werden. Die Knabe» lernen lesen und denken, ihr Gesichtskreis wird erweitert, ihre schlummernden Fähigkeiten werden geweckt und damit eine antreibende Sehnsucht nach einem neuen, besseren, schöneren Leben. — Ohne Antheil, unvermögend, nicht unfähig die Fortschritte der Brüder mitzumachen, stehen die Mädchen abseits. Hier ist der erste Punkt, in dem eine Kritik einsetzen muss, die in der Einseitigkeit der Anlage eines großen Werkes die Hemmung für die Entwicklung des Ganzen erblickt. Richtig ist, dass, wenn man der Gesammtmasse der galizischen Juden Helsen will, man sich in erster Linie erzieherisch der Jugend des Volkes annehmen muss. Aber besteht denn ein Volk, ein Stamm, eine Familie nur aus Mitgliedern männlichen Geschlechts? So wie die thatsächliche Fortexisten; der Familie von dem Vorhandensein weiblicher und männlicher Exemplare der menschlichen Gattung abhängt, so auch der cultnrelle und sittliche Besitz einer Nation von dem gleichmäßigen, harmonischen Zusammenwirken der Geistessunctionen der männlichen und der weiblichen Individuen. Indem die Baron Hirsch-Stiftung Schulen für Knaben gründet und sich der intellektuellen Ausbildung der Mädchen fast gar nicht annimmt, begeht sie genau dieselbe Ungerechtigkeit, die der galizische oder russische Staat den Inden gegenüber begeht, indem er sie nicht der gleichen menschlichen mn staatsbürgerlichen Rechte theilhaftig werden lässt, wie sie die christlichen Bewohner des Landes genießen. Aber abgesehen vou dieser Ungerechtigkeit rem Individuum gegenüber, die, wie jede Ungerechtigkeit, schon in kleinem Kreise demoralisierend wirkt, erschwert die Baron Hirsch-Stiftung sich selbst ihr Dnrchdringen und schiebt ihr Ziel, die Bevölkerung aus ein höheres Lebensniveau zu bringen, um ein Beträchtliches hinaus, solange sie die Frauen von der Cnltnrarbeit, die nur mit Hilfe des ganzen Volkes an dem Volke vollbracht werden kann, ansschließt. Intelligente jtmge Mäniier, die sich dltrch die Süftnngsschule einige elementare Kenntnisse erworben haben, vielleicht auch ein Handwerk erlernten zum Broterwerb, werden, wenn der weibliche Theil der Bevölkerung der heraufdäinmerndeu neuen Aera gegenüber verstältdnislos bleibt, bald daran denken, außerlandes ihr Glück zu suchen. Während so ein Manu im Lande die relativ höhere Cnltur repräseiltierte und civilisatorisch hätte weiter wirken können, sinkt an der Grenze schon sein Werth. Ueberall, in Oesterreich, England, Deutschland, wird er der „Polack", der sich bekanntlich keiner großen Sympathien erfreut und nach jeder Richtung hin Schwierigkeiten begegnet, wenn er sich behaupten will. Bleibt anderseits ein Högling der Stiftnngsschnlen im Lande und gründet mit einer im Banne chastidiicher absoluter Unwissenheit und Uncultnr verbliebenen Frau eiue Familie, dann wird die mühevolle Aussaat der Schule erst recht kärgliche Früchte tragen. Da, wo es sich wie bei den Schulen der Baron Hirsch- Stiftung um eine bewusste, beabsichtigte Beeinflussung eines ganzen Volkes handelt, sollten alle Anstrengungen gemacht werden, die Eltern der künftigen Generationen zu Vätern und Müttern so vorznbereiten, dass die Steigerung der Bevölkernngszahl zugleich eine Erhöhung des Cnltnrniveaus bedeutet. Bei der galizisch-jüdischen Bevölkerung folgen die Generationen rasch aufeinander, und die Civilisatoren des Landes werden in verhältnismäßig kurzer Zeit einfehen lerne», dass es unklug war, in ihren Voranschlägen tfflß Plänen den Factor „Frau" nicht in Erwägllng zu ziehen. Ob es Kurzsichtigkeit, Absicht, oder nur gedankenlos acceplierte Tradition ist, die den galizischen Frauen keine Ver-