Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-08-10 · Heft 29 (10.8.1900) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 29 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063042--00910-3067455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«Veite 4. Dir. 29. Die Watjrtfetu als Brutstätte der Jrrreligiösttät anzusehen wäre? Das Zuviel dürste eher als das Zuwenig hier eutscheidcud gewesen sein. Die „Propaganda der That" hat ihre Quelle und ihren. Nährboden im Elend der Masse, das Menschen erzeugt von nnbändigeui Willen und von dem Drange beherrscht, eine Aenderung der socialen Ordnung, d. h. deren Auflösung hrrbeizuführen. Unfähig gegen die Gesamintordnung anzukämpfen, machen sie ihrer Verzweiflung dadurch Lust, dass sie einzelne Individuen angreifen, und zwar solche, deren plötzlicher Tod Ordnungslostgkeit in der Gesellschaft hervorzurufen geeignet ist. Die Verzweiflung des Einzelnen darüber, dass er das, was er für gutes Recht hält, nicht herbeizuführen vermag, macht ihn zum Anarchisten. Es ist hiebei ganz gleich, ob es sich um einen Michael Kohlhaas handelt, der persönlich erlittenes Unrecht zu sühnen hat, oder um einen für das Princip der Abhilfe des Massenelends Eiutretenden — die Verzweiflung schuf den Anarchismus der That. Nun möchte ich aber die Frage aufwerfen: Wer kennt besser und gründlicher den Begriff des Massenelends, wer hat ihn mehr empfunden und empsindet ihn noch schmerzlicher als das Volk der Juden? Welche Menschenmasse ward seit vieleit Jahrhunderten so systematisch zur äußersten Verzweiflung getrieben, wie die der Juden? Was will das Elend des noch jo armen Arbeiters oder Bauern besagen, gegen das beispiellose Elend des Juden, der sich und seine Heiligthümer, seine Religion, seine Ehre, seine Familie und oft selbst sein Leben schutzlos allen Angriffen roher Gt Walt ansgesetzt sieht? Wer hat begründetere Ursache zur Verzweiflung als der Jude, der heute wie früher dazu dienen muss, ein Opfer roher Willkür zu sein? Sollen wie in Rumänien oder Galizien die Diebstähle hochgestellter Langfinger verdeckt werden, wird der schuldlose Jude vorgeschoben; will, wie z. B. in Wien, die clericale Partei gegen den Liberalismus aukämpfen, dann wiegelt sie das Volk gegen den Juden auf; »vollen Abenteurer aller möglichen und unmöglichen Sorten sich an die Oberfläche drängen, dann werden sie Antisemiten; »vill man Ersatz schaffen für die Tausende, die die „Los von Rom"-Bewegung dem Katholicismus entfremdet, dann stiehlt man in Galizien jüdische Töchter; wollen solch erbärmliche Wichte, vorn Schlage eines Schneiders oder des seine akademische Würde schändenden Baxa, der Darauf sicherlich nicht neugierigen Welt mittheilen, dass sie die Erde noch bevölkern, dann arrangireu sie einen kleinen Ritual»nord; siege»« die Czechen in der Svrachenfrage, plündern die Deutschböhmen bei Juden; siegen die Deutschböhmeu, plündern die Czechen. Wer in aller Welt hätte rvohl so begründete Ursache, unglücklich, verzweifelt zu sein, von Massenelend zu sprechen, ivesseu Gemüth könnte wohl erbitterter sein, als das des Juden? Und — es gibt merkivürdiger Weise keinen jüdischen Anarchisten der That. Diese Scheusale gehören alle der Religion der officielleu Liebe an. Hörte rnan die gutbezahlten Reisenden in Ritualmord die verdummte Bauernbevölkerung auftviegeln, mit antisemitischer Verlogenheit der Juden Blutdurst und Mordgier schildern, rituelle Shhloks darsteUen, warum hat keiner dieser verzweifelten und angeblich noch dazu mordgierigen Inden sich bis zur Propaganda der That verstiegen? Ja, lvas den wirklichen Anarchisten der That abgeht, schützt den Inden vor solchen Abwehrmitteln. Das Judenthum in seiner unerreichten ethischen Erhabenheit steht als Bollwerk der Sittlichkeit da, rvo die Verzweiflung ihre ethischen Schranken durchbrechen »vill. Die Veranlassung zum Anarchismus, die Verzweiflung und das Massentlend ist dem Juden mehr als zur Genüge gegeben, gleichzeitig aber auch des Judenthums hohe ethische Lebensauffassung, die der Verzweiflung Hoffnung, Vertrauen und Selbstverlüugnnug entgegeugestellt. ftabtkalcut — ei« gefährliches Experiment. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink*). (Fortsetzung statt Schluss.) Der Herr Einsender im „Jüd. Volksblatte" muss doch gar sonderbare Vorstellungen vom Wesen des Judenthruns haben, *) Im ersten Artikel hieß es irrthümlich Dr. David Fink. ivenn er in einem Athemznge behauptet, dass die Berliner Reformgemeinde (in der Johannisgaffe) durch die Verlegung des Sabbaths aus den Sonntag und die Entblößung des Hauptes beim Gottesdienste jedem jüdisch empfllldendell Gemüthe widerlich sei — aus diesen Umständen wäre seiner Ansicht nach ihr völliger Bundbruch zu erklären — ans der andern Seite redet er aber selbst einer Reform des Judenthums das Wort, in deren Lehrinhalt weder von Sabbath noch von Speisegesetzen auch nur die Rede sein darf. Wir sollten von unserem in diesem Belang allerdings nur laienhaften Standpunkte meinen, diejenige Richtung der Reform, die radikal genug zu sein, den Muth hat, um dem Dekalog einen von seinen zehn Fingern abzuschlageu und die übrigen je nach Gutdünken und Bedürfnis zu verstümmeln — sollte doch gegenüber jeu-ii gerügten Bräuchen tu der Berliner Johannisgasse etwas nachsichtsvoller gestimmt sein. Wenn man vom Sabbalhe wever reden noch lehren darf — was ist natürlicher, als den Sonntag in dessen Rechte einznietzen? Das Bedecken des Hauptes wiederum ist nur ein durch rnin'1 m geheiligter Brauch, und die zu Reformen von so einschneidender Art neigenden Inden können doch unmöglich in dessen Außerachtlassung sich so sehr bis ins Herz getroffen suhlen? Es soll indes nicht verkannt werden, dass in den vom Herrn Einsender angeführten Momenten ein Körnchen Wahrheit steckt. Durch die erwähnten betbeu Einrichtungen bekennt die Berliner Resormgemeinde klare Farbe. Auch der unkundigste und in religiösen Dingen unbefangenste Jude kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass es sich dabei eigentlich um einen Mummenschanz handelt, hinter welchem als eigentlicher Kern der protestantische Cultns steckt. Es dauert nicht lange — und die Situation ist völlig geklärt. Bevor an dein vermummten Kirchencultus sich erbauen und dabei der Welt gegenüber all die Rachtheile mit in den Katts nehmen, die an den Namen eines Inden — gleichviel welcher Spielart immer — geknüpft sind, lieber den eigentlichen ttttö echten Protestantismus und gleichberechtigtes Weltbürgerthum. Nicht so klar und ans den ersten Blick durchsichtig liegen die Dinge bei der Roformrichtung, die der Herr Einsender im Auge hat. Indem mau gewisse Aenßerlichkeiten, die das Judeuthttm kennzeichnen, ängstlich wahn, das Wesen jedoch ohne Rücksicht preisgibt, erschtvert matt dem ungeübten Auge für den Anfang den Ueberblick. Der Prozess wird sich jedoch früher oder später in der bezeichneten Richtung mit aller Nothwendigkeit abwickeln müssen. Die Religion ist mit Nichten, tute die Reform glauben machen will, ein modernes „Ausstattungsstück." Indem sie in Verkettnung ihres wahren Wesetts alle Heiligungsmittel preisgibt, die zur Ausrechterhaltung eines religiös-moralischen Einzel- und Familienlebens unerlässlich sind, muss sie — namentlich in Anbetracht der socialen und ökonomischen Verhältnisse, unter denen das Judenthum sich nun einmal betvegt — ihren Anhängern ob kurz oder lang schal und öde erscheinen. Die Consequenzen, wie sie eben gezeichnet werden, können nicht ausbleiben. Nun ja, höre ich fragen, tvie soll denn eigentlich der Lehrer das Problem des Sabbaths und der Speisegesetze bewältigen, angesichts der auch von dieser Seite nicht zu bestreitenden Thatsache, dass doch in sehr vielen Elteruhänseru diese Dinge zu dem längst über Bord getvorsenen alten Hansrath zählen? Heißt das nicht dem israelit. Religionslehrer, der doch ohttehin ein vielgeplagtes Wesen ist, das Problem der Jndensrage, an dem sich alle anderen berufenen Faetoreu vergeblich verflicht haben, noch dazu ainbürden. Unseres Erachtens ist das keinestvegs der Fall. Der Religionslehrer habe nur selbst eine im Feuer des Gedankens festgefügte, dem Sturm des Zweifels standhaltende Ueberzengnng — und die L>ache »vird in alle Wege gehen. Diese Frage lässt sich jedoch nicht als zusammengeballter Knäuel, tuie sie aufgeworfen worden, behandeln, muss vielmehr vorher ein »venig abgewickelt, d. h. auf ihre berechtigten M omente znrückgeführt tverden. Es ist zunächst noch nie etwas davon gehört worden, dass christliche Eltern dagegen Klage erhoben hätten, es würden iu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.