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Die Wahrheit · 1900-08-10 · Heft 29 (10.8.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 29 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redartion u. Administration Wien. n/1. Novaragafse 27. Anakhängige Aeitschrifi für Mische fiWtgsfntt: Ganzjährig . . . ft. 13.— Halbjährig . ... St. A k österr. Postsparcafia Hntere^cn. Eheck-Conto Nr. 846.251. Für Lultas beamte: 1 1 n f« c a 11: Ganzjährig ... St. u».— j 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions» Ganzjährig .... 3 Mark { betrüge find in Wien zahlbar. Mott« : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit « Rubel oder iS Frcs.! Ar. 29. Wien, 10. August 1900. Inhalt r Anarchistische Studien. — Radikaleur — ein gefährliches Experiment. — Zur Judenfrage in Galizien. — Ein neuer Paulus Mayer. 2J Verschiedene Nachrichten. Anarchistische Studien. Von Landesrabbiner Dr.'T ä n z e r in Hohenems. Das entsetzliche Verbrechen von Monza hält alle Welt in Erregung, die „Propaganda der That" hat in ihren blutigen Annalen einen neuen Mord zu verzeichnen, Italien seinen hochherzigen König und die Menschheit einen auch auf dem Throne rein menschlich fühlenden Mitmenschen verloren. Der Anarchismus hat eigentlich bereits den Reiz der Neuheit eingebüßt, und wenn Sergei Netschajew, der Vater der „Propaganda der Thal/' mit derselben beabsichtigte, die Menschen durch ungeheuerliche Mordthaten zu entsetzen und aufzu« rütteln und die Auflösung aller bestehenden Ordnung herbeizuführen, so kann diese Speculation als eine vollständig verfehlte bezeichnet werden, schon deshalb, weil die so rasch aufeinander folgenden Attentate jeder neuen Schreckensnachricht das Lähmende und Erdrückende des ersten Entsetzens rauben. Ebenso wie mit Kannibalen in Afrika und Boxern in Asien hat die Cultur mit Anarchisten in Europa rechnen gelernt, und wenn die Anarchisten „der Thar" aus herostratischen Ruhm hoffen, so stellen sie bei ihrer stetig wachsenden Zahl schon allzu große Anforderungen an die Gedächtniskraft der Menschen. Kann doch heute schon nicht nur von einer Geschichte des theoretischen, sondern auch des praktischen Anarchismus gesprochen werden, eine Geschichte, die sich würdig und passend einfügt in die große Geschichte der menschlichen Verirrungen, und zu welcher unser sich so gerne human und gebildet nennendes Zeitalter noch manch lehrreiches Capitel liefert. Und Geschichte wird oft mit in Blut getauchten Federn geschrieben, wovon wir Juden ja genugsam zu erzählen wissen. Wollten wir für jeden Märtyrer um seines Glaubens willen die Institution der Heiligsprechung einführen, ich glaube, wir könnten nicht nur jeden Tag, sondern jede Minute des Jahres mit Heiligen belegen, ja wir würden mit diesen noch nicht ausreichen. Die Geschichte des Anarchismus, von Prouchon, dem Schöpfer des theoretischen, bis Bresci, dem jüngsten Vollstrecker des praktischen Anarchismus, ist in vieler Hinsicht eine sehrlehrreiche, sowohl in ihrer Entwicklung, wie in ihren Bestrebungen. Den Herd der anarchistischen Bewegung bilden die romanischen Länder Italien, Frankreich und Spanien, während im wohlthuenden Gegensätze hiezu Deutschland so keinen geeigneten Boden für die anarchistische Propaganda bildet. Diese ist ein Erzeugnis des Massenelends und der aus ihr hervorgehenden Unzufriedenheit, als deren Heilmittel die Socialdemokratie den extremen Collectivismus, die Anarchisten aber den extremen Individualismus ansehen. Ist aber das Massenelend in Deutschland ein geringeres als in den romanischen Ländern? Zeigt nicht vielmehr die rapide Entwicklung der Socialdemokratie in Deutschland, dass das Massenelend auch dort in gleich starker Weise verbreitet ist? Warum hat nun das gleiche Motiv in Deutschland die edlere Form der Socialvemokratie imb in den romanischen Ländern die ungleich rohere, fluchbeladene Form des Anarchismus erzeugt? Die Lösung dieser Frage scheint in dem verschiedenartigen Einflüsse zu liegen, der hier und dort die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten der Völker beherrscht, und vielleicht äußern sich hier die schönen Früchte der gesunden, freien Geistesrichtung in Deutschland mit der sie begleitenden geistigen Bildung und nüchternen Denkkraft, gegenüber dem in den romanischen Ländern Geist und Gemüth der großen Masse beherrschenden, bilduugsfeindliche» Drucke. Liegt hier nicht auch ein Erfolg des gerechten modernen Principes vor, Religion und Berstauoeskrast durch einander zu ergänzen, gegenüber dem veralteten, aber in vielen Ländern noch herrschenden Principe, jede Geistesbeweaung durch die Religion und deren Schergen knechten zu lassen? Die Geistesfreiheit mit der sie begleitenden Gemüthsveredlung und die Geistesknechtung mit ihrer unvermeidlichen Gemüthsverrohung stehen sich gegenüber. Wie Kain und Abel geben ja beide Principe vor, der Religion und Gott zu dienen, das eine mit Geistesknechtung, das andere mit Geistesfreiheit. Sollte aber jetzt nicht auch die mörderische That von Monza den Kainsfluch lvecken, das Berdammungsurtheil der die Menschen irreleitenden geistigen Knechtung? Oder werden all die tausend ehernen Zungen der italienischen Glocken das Rachegeschrei übertönen, das aus dem mit dem Blute des edlen Königs getränkten Boden von Monza hervor« dringt? Wer denkt nicht bei jedem neuen Königsmorde an Ravaillac, den Mörder Heinrichs IV? Wer denkt nicht an die Lehre vom „Zweck, der die Mittel heiligt," eine Theorie, die die Grundlage der „Anarchisten der That" und der — Jesuiten bildet? Die clericale Presse Italiens, wie nicht minder die anderer Länder, erblickt in dem Attentate eine Folge der Beschränkung des hl. Stuhles auf dem Batican. Als ob die Kirche mit ihrer politischen Machtstellung auch zugleich jeden Einfluss auf die Gemüther ihrer Heilsbefohlenen verloren hätte und das geeinigte Italien, ohne Kirchenstaat aber mit einem Heere von Kirchen» beamten, Seelsorgern und mit einer ungeheueren Zahl von Kirchen^

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