Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 28 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 28. von den Geislesheroen äb, welche unter Thränen, mit bebenden Herzen, von Scheiterhaufen, Galgen und Fürstenhass gefahrvoll bedroht, ani blutgetränktem Boden unbeirrt die Saat der Aufklärung bestellt haben, und glauben ungestraft die Jammergestalten, welche vom Fluche der Menschheit ins Dunkel ihrer Nichtigkeit getrieben wurden, wieder im Triumphe zurückführen zu können. So kommt dann auch wirklich alles wieder, wie es eben kommen muss. Nein. Toleranz, Gerechtigkeit, Gewissen snnd Glaubensfreiheit sind durchaus nicht von müssigen Gedankenküustlern oder von Religionsfeinden ausgeheckte Ideen, welchen die oloste Laune der Fürsten zuftimmte. Die Nothwendigkeit ist mit Blut besiegelt, ist durch hundertjähriges, weltgeschichtliches Experimentireu, bei welchem Nationen und Reiche im Schmelztiegel der Proben lagen, festgestellt. Lueger will in Staat, Stadt und Land siegreich durchdringeu. Nun er, wie auch die Korachiden in Frankreich und Russland, mögen sehen, wie sie bei Verletzung von Wahrheit und Gerechtigkeit die Erlösung des christlichen Volkes, die Revanche und die Zertrümmerung Englands durchführen. Vorläufig halten wir bei der Erneuerung der mittelalterlichen Kreuzzüge. Nicht ein Eiitsier-ler ist es heute, der die westlichen Völker in Fanatismus und Bewegung gegen die orientalischen zu bringen sucht; aber man lese die Zeitungen und man wird zur Annahme verleitet, dass nach Jahrhunderten die Worte jenes Einsiedlers durch phonographifche Kunst zum Wiederertönen gebracht werden. Dieselben Schilderungen orientalischer Gräuel, Pilgermord dort, Gesandten- und Fllmdenmord da, Christenthum dort, christliche Cultur da, Cchreckensbilder derselben Art da wie dort. Dabei ist diese Art Presse so byzantinisch und liebedienerisch, so verlogen und feige geworden, dass man ihr kaum noch etwas glauben kann, Bileam in Person. Wie oft sind schon in dieser Presse die HGesandten ermordet und wieder nach der Ermordung an» Leben bedroht worden, wie oft die Fremden niedergemetzelt und nachträglich wieder in peinvolle Bedrängnis gebracht. Da bläst die Presse au dem einen Tage in die Fanfare und posaunt die Einigkeit der Mächte zur Entflammung der Völker in die Welt hinein und sieht sich andern Tages bemüssigt zu melden, dass eigentlich noch die Hinterhältigkeit der Einzelstaaten zu besiegen sei. Freilich diese Zeitungen wissen wohl selbst nichts und geben nur Gerüchte wieder. Doch sollte Bileam wirklich nicht so klar wie jeder Vernünftige durchschauen, dass diese Gerüchte dem Jutrigueuspiel der Mächte entspringen, welche es darauf abgesehen haben, den europäischen Kreilzzug gegen China in Bewegung zu bringen, während England in Südafrika beschäftigt ist. Und die Presse gibt sich zum willigen Werkzeuge her, statt offen und ehrlich auf Grund dessen, was sie weiß, die Weltlage zu beleuchtet-! Nein, die Presse känipst seit Jahren nicht mehr für Völkerwohl, Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit. In Cuba hat sie eifrig gegen das freie Amerika für das verkommene Spanien Partei genommen, um ihm nach Möglichkeit die Züchtigung der Weltgeschichte ersparen zu helfen, die es so gründlich verdient hat. England ist zwar höchst engherzig und eigennützig, aber doch das vornehmste, gerechteste, gesetzestreueste und civilifirteste Reich auf Erden, und die Presse hat gegen dasselbe für die von den intriguanten Mächten aufgehetzten reactionären Boers Partei genommen, welche vermeinten, mit bileaniischen Phrasen und frommen Gebeten der Welt das traurige Schauspiel verschaffen zu können, dass auch ein England gleich eitlem Spanien unterliegen dürfe. Die Presse hat sich auch nie aufrichtig zu erforschen bemüht, welches denn eigentlich die reichen Hilfsquellen des ruchlosen reactionären Anarchismus sind, der die edle Kaiserin Elisabeth ermordete, und der mit solch fabelhaftem Glücke gerade gegen die freisinnigsten Herrscher und Machlsactoren operirt, wer seine Helfershelfer und Bundesgenossen sind, die ihn zum Werkzeuge benützen. So ist es mit den Anklägern und Zeugen im chiltesifchen Weltgerichte bestellt. Und die Richter? Das ist fürwahr keine Gottesschaar, die auszieht, um hier beleidigte Civilisatiou zu retten. Die Toga der meisteit dieser Weltenrichter ist befleckt. Russland hat seine Judengesetze, Frankreich seinen Fall Dreyfus, Mercier, Rennes, Deutschland seine Tivoli-Versammlung mit dem schmachvollen Rufe seines Adels, seiner Ritterschaft, „Judenrans", und auch Oesterreich hat feinen Fall Araten, Kuttenberg, Polna und Holleschau mit dem böhmischmährischen Feitsterklirren, voll Lueger und Schneider ganz zu. schweigen. Und das Weltengericht über China selbst, der Kreuzzug? Wird man da auch ehrlich die Sünden der fremden Gesandtschaften und die der Missionen untersuchen, welche im Gefühle ihrer vermeintlichen Ueberlegenheit im fremden Reiche die Gefühle der beleidigten Ehre und Religion von 400 Millionen Eingeborenen wachriefen? Zum drittenmale soll jetzt der Occident gegen den Orient zu Felde ziehen. Die beiden ersten Male hatte es einen gewaltigen Gegenzug vom Osten nach Westen zur Folge. Alexander der Große führte die Griechen siegreich nach Asien. Schließlich hat eine asiatische Religion den ganzen Occident besiegt und bleibend unterworfen. Im Mittelalter hat das vereinte Christenihum in einem der schauerlichsten Religionskriege zum zweitenmale den Orient unterwerfen wollen. Der Fanatismus schlug in Hellen Flammen aus, Europa blutete aus tausend Wunden, die Mütter verloren ihre besten Söhne auf dem verhängnisvollen Irrwege und auf dem asiatischen Schlachtfelde. Schon war auch das christliche Königreich in Jerusalem aufgerichtet, aber dem Islam ist damals wenigstens kein Haar gekrümmt worden, er wurde gestählt, gekräftigt und ermuthigt und pochte später auch schon an den Thoren Wiens, dem Peking der damaligen europäischen Christenheit. Daran erinnert uns die Presse ganz und gar nicht und auch nicht an all den Jammer, die Verarmung, die Blutopfer, welche die Kreuzzüge ohne jeden Erfolg gekostet haben. Sie hetzt zum neuen Kreuzzuge und schweigt von den nähern und weitern Gefahren eines solchen. Zunächst die Schädigung des Handels und des Verkehres, die Verarmung und der Ruin zahlloser Existenzen, im Weiteren die Gefahr eines Weltkrieges der Mächte unter einander in Europa selbst und zuletzt, aber nicht als das Entfernteste, das immerhin mögliche Unterliegen des occidentaleu Babylons vor China. Wohl mag vorerst die Fahne der Christenheit in Peking wehen, aber 400 Millionen Chinesen reißen sie leicht wieder hinab. Sie werden inzwischen kriegstüchtiger, fanatischer, hafsvoller, und der zweite Kreuzzug dürfte schon 100.000 Krieger erheischen, während im ersten 50.000 genügten, und so fort, bis Europa aus 1000 Wunden blutet, vor Wuth und Entsetzen starrt, und der Islam mit China vereinigt wie nach den Kreuzzügen auch noch den Gegenzug nach Europa zu machen sich versucht fühlen könnte, um da die beleidigte Cultur und Ehrlichkeit zu rächen. Was im Mittelalter geschah, ist doch auch heute genau unter denselben und noch ungünstigeren Umständen nicht ausgeschlossen. Was ist ein Kreuzzug? Ein Kreuzzug ist ein Cultur-, Religions- und Beutekrieg von Völkern, die sich für die Besseren halten, und das darf man mit dem Schwerte in der Hand, das man verheerend in ein anderes Gebiet trägt, niemals thun. Hui Lueger! wie triumphierst Du doch als Herr von Wien, wie triumphieren die Weltverderber, die Dich dirigieren, dev der momentane Weltengeist, der schon mit so viel Erfolg einen Kreuzzug anzetielt. Du ahnst nicht, welch' erbärmliche Figur mit Deinem Barrierettock in der Hand Du spielst, während die Weltgeschichte ein so mächtiges Gewölke über unserem Hanpte zufammenführt, welchem Blitze entfahren können, die grell genug die Bestrebungen der emporgekommeneu unheimlichen Mächte und deren Folgen beleuchten würden. Doch vorläufig wollen wir immerhin noch auf die Cultur Europas hoffen, die schließlich doch Wege finden wird, die besser und sicherer als Kreuzzüge nach China führen, um dieses große Gebiet der Civilisatiou und dem Fortschritte zu erschließen.