Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 28 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seite 7. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Jüdische Emigranten ans Rumänien in Wie n). Von der Ueberzeugung durchdrungen, dass es in Wien noch! unzäh'ige hilfsbereite jüdische Herzen gibt, erlaube ich mir mit wenigen! Worten die Lage unserer unglücklichen Glaubensgenossen, der Emigranten I aus Rumänien, zu schildern. Es ist herzbrechend, Männer, Weiber und! Kinder aller Mittel entblößt, kaum mit dem Dürftigsten bekleidet in j ihrem Jammer zu sehen. Unter den vielen Tausenden Flüchtlingen befindet > .sich auch eine Gruppe Mädchen aus Galatz, die Alles, was sie durch! jahrelange, mühsame Arbeit erworben haben, verkaufen mussten, um fern! vom heimatlichen Boden für sich und ihre Angehörigen eine Existenz zu j gründen, und diese Unglücklichen können zu ihrem Endziele „Canada"! nicht gelangen. Die namenlose Verzweiflung der armen Heimatlosen, als! ihnen mitgetheilt wurde, sie müssen nach Rumänien zurückkehren, hätte! einen Stein rühren mögen. Müssen nicht ihre Klagerufe Widerhall in! jedem fühlenden Herzen finden? Jminer wieder drängt sich die Frage! auf: „Was würde mit diesen Mädchen nach Rückkehr in Rumänien > geschehen? Könnte ihnen denn in Wien nicht Hilfe zukommen?" Es sind | durchwegs nette, fleißige Mädchen, die arbeiten können und fich jeder! Arbeit freudig unterziehen wollen, um nur in Wien bleiben zu dürfen. j Manche von ihnen sind Schneiderinnen, Weißnäherinnen, Herrenschnei-; derinnen und Seffelflechterinnen; ferner sind sämmtliche Mädchen für! häusliche Arbeiten verwendbar. Diese Thatsachen ins Auge fassend, war ' der Verein „Moria" der sich dieser Mädchen gleich bei ihrer Ankunft in j Wien liebevoll annahm, bald entschlossen, den unglücklichen Glaubens-! genossen in Wien Arbeit und Versorgung zu schaffen. Es gelang auch, j mehrere Mädchen als Näherinnen oder Stubenmädchen in jüdischen! Häusern unterzubringen. Nun sind aber noch viele, die auf weitere Hilfe i harren, daher ergeht die herzliche Bitte an die Frauen und Mädchen, j sie mögen uns bei Unterbringung dieser obdachlosen Glaubensschwestern! behilflich sein. Ferner brauchen die armen Emigranten dringend Kleider,! Wäsche und Schuhe. Auch der unschuldigen Kleinen gedenket, denn sie! müssen das Nöthigste entbehren. Ich hoffe mich nicht getäuscht zu haben,! wenn ich mit Sicherheit annehme, dass keiner die Mithilfe an der | Bekleidung und Versorgung dieser unschuldig ins Elend Gestürzten ver-! ssagen wird. Jüdische Frauen und Mädchen helfet! Der! Der Segen Gottes wird Euch stets begleiten! Berta! Herrmann, Mitglied der „Moria". j Wien. Dienstag, den 7. d., findet die Trauung des Frl. Regine j Ossenberg mit Herrn Joab Friedmann, Sohn des Lectors M.! Friedmann, statt. . Kojetein. Mittwoch den 25. Juli hat hier eine Trauerandacht "zu j Ehren des vor Jahresfrist leider so früh verstorbenen Prof. D. Kauf- I mann stattgefunden, der fast alle Mitglieder unserer Gemeinde bei-! wohnten. Nach Vortrag des Minchagebetes durch Herrn Cantor Grünstein! bestieg Herr Rabbiner Dr. S. Rosenzweig die Kanzel, entwarf in! beredten Worten das Lebensbild des Verewigten, schilderte seine großen Verdienste um die jüdische Wissenschaft und gab in ergreifender Weise dem unersetzlichen Verluste Ausdruck, den das ganze jüdische Volk durch den jähen Tod dieses großen Denkers und Forschers, der das dunkle Mittelalter mit dem Lichte seines Genius beleuchtete, erlitten hat. Es bleibt ein Stolz unserer Gemeinde, dass der Verklärte hier das Licht Her Welt erblickt und hier seine Jugendjahre verlebt hat. Haöor. Der hochverdiente Präsident unserer Cultusgemeinde, Herr Dr. Friedrich G u t t m a n n, ist zum k. k. Bezirksschulrathe ernannt worden. Wrag. Die Obercantorstelle in Smichow wurde bereits besetzt, u. i zw. mit Herrn Otto G o l d b a u m, der seinen Posten mit 1. September j antritt. Herr Goldbaum gehörte bis nun dem Chorpersonale des hiesigen! deutschen Theaters und dem des neuen Tempels in der Geistgaffe an. j Saaz. Für die hiesige Cultusgemeinde wurde Herr D. A l t, bisj her in Klosterneuburg, als Cantor und Religionslehrer acceptirt. , Budapest, 30. Juli. Das Hilfscomitö für die aus Rumänien j vertriebenen Juden hat gestern eine Sitzung gehalten. Es ist Aussicht j vorhanden, für die noch hier befindlichen 350 jüdischen Flüchtlinge die j Kosten der Fahrt nach Amerika, welche sich auf etwa 32,000 fl. belaufen,! .auszubringen. Außer vielen anderen christlichen Persönlichkeiten erschien \ gestern auch der Piaristen-Prior Gabriel Magyar bei den Emigranten; und vertheilte Geld und Lebensmittel unter die Unglücklichen. Der Staatssecretär im Ministerium des Innern, G u l n e r, besuchte dieselben gleichfalls und eröffnete ihnen, dass die rumänische Regierung bereits die Zusicherung gegeben habe, allen Emigranten die Rückkehr zu gestatten. Dem widerspricht jedoch die telegraphische Nachricht, dass die zurückbeförderten jüdischen Emigranten durch Truppen am Ueberschreiten der Grenze verhindert worden sind. — Staatssecretär Gulner versicherte auch, dass die ungarische Regierung die strengen Massregeln gegen die Auswanderer nur getroffen habe, um zu verhindern, dass das Land von denselben überschwemmt werde, und dass ihr jede andere Tendenz ferne gelegen sei. In dem Augenblicke, wo die österreichischen und die übrigen auswärtigen Behörden die Auswanderer nicht mehr zurücksenden, werde ihnen die ungarische Regierung den Durchzug gerne gestatten. Dieselbe hat auch bereits den hier befindlichen rumänischen Juden eine weitere Frist von zwei Tagen zugestanden, innerhalb welcher das Hilfscomite die für ihre Weiterbeförderung nöthige Summe aufzubringen hofft Sonntag soll hier in einer von Social-Democraren und Anhängern der Unabhängigkeitspartei einberufenen Versammlung gegen die bisherige Haltung der Regierung Protest erhoben werden. — Ein weiteres Telegramm aus Budapest berichtet: Am 27. v. M. traf neuerlich ein Transport von 600 rumänischen Auswanderern in Orsova ein, die wegen Mangels an Reisekosten nicht die Erlaubnis zur Weiterreise erhielten und nach der Grenzstadt Verciorova zurückbefördert wurden. Da den Emigranten der Einlass nach Rumänien verweigert wurde, meldete daS Stuhlrichteramt den Vorfall an das Ministerium des Innern, von wo an das Gendarmeric-Commando die strenge Weisung zur Verhütung der Einwanderung nach Ungarn ertheilt wurde. Die Auswanderer campiren gegenwärtig in der Grenzstation Vodica, wo ihnen ein dreitägiger Aufenthalt gestattet ist. Sistek. Herr Ein. Roth, bisher Obercantor in Virovitica, wurde in gleicher Eigenschaft für die hiesige Gemeinde gewühlt und hat am 1. d. M. sein Amt angetreten. Aunzsau. (Pr.-Schles.) Unser hochverdienter und allgemein verehrter Prediger und Cantor, Herr M. T i n t n e r, feiert am 2. September d. I. das 25jährige Jubiläum seiner Amtsthätigkeit in der hiesigen Gemeinde. Aus diesem Anlässe sind mannigfache Ovationen geplant und auch von Seiten der städtischen Behörde wird eine Ehrung des Jubilars vorbereitet. Gewiss werden auch die Collegen dieses wackeren Gemeindefunctionärs den Jubeltag nicht unbeachtet lassen. Bukarest, 31. Juli. Der neue Ministerpxäsident Carp erklärte heute, er werde weitere Wühlereien der Antisemiten-Liguen nicht dulden. Die Regierung sei vielmehr eifrigst bemüht, das friedliche Zusammenwirken der Juden und Christen zu sichern. Sie werde eventuelle antisemitische Ruhestörungen nöthigenfalls mit Gewalt unterdrücken. Bukarest, 1. August. Die „Agence Roumaine" meldet: Die ausgewanderten Juden kehren in Massen zurück. Die rumänischen Behörden versehen sie unentgeltlich mit Hilfsmitteln und Geld für die Rückreise bis zu ihren Heimatsorten. Die Zahl der von den verschiedenen Ländern zurückgewiesenen Juden, welche in ihre hiesigen Aufenthaltsorte durch die Fürsorge und auf Kosten der Regierung zurückkehren, berrägt über 30 0. Die Vertreter Rumäniens in Wien, Frankfurt und Rotterdam intervenirten bei den betreffenden Regierungen, um die Ermächtigung zu erlangen, dass sich die Juden dortselbst bis zum Eintreffen von Hilfsmirteln, welche ihnen die Weiterreise ermöglichen, aufhalten dürfen. Die rumänischen Consuln werden sich auch mit den israelitischen und christlichen Hilfscomitös in Verbindung setzen und auch selbst Hilfsmittel beistellen. — Ein Rundschreiben des Ministers des Innern vom 30. Juli an die Präfecten ertheilt die Ermächtigung, dass sich die Juden in Marktflecken, selbst wenn sie den Charakter von Landgemeinden tragen, bedingungslos aufhalten können. Der Aufenthalt in wirklichen Landgemeinden wird allen Juden gestattet, welche dem Militärdienst Genüge geleistet haben und ein kleines, zur Ausübung eines Handwerkes oder eines sonstigen Gewerbes hinreichendes Capital besitzen. Eßrogim. Vom Exporthause Hermann Rath, Triest, liegt uns ein Preiscourant über Eßrogim, Lulovim und Hadaffim vor, der im Anhänge zahlreiche Anerkennungen von Rabbinern. Privaten und Händlern enthält und über die Leistungsfähigkeit und Coulance dieser Firma glänzende Zeugnisse liefert. Herr Rath bezieht seine Eßrogim aus Palästina, und unsere Glaubensgenossen, welche die Eßrog-Mizwah erfüllen, sollten gewiss nur Palästinenser Cedern gebrauchen, da sie hiedurch unsere Brüder, welche diese Frucht auf dem heiligen Boden cultiviren, in ihrer Existenz fördern.