Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 28 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28. Die Wahrheit. Seite 5. Müssig ist die Frage, warum diesem Menethekel stets zu j begegnen ist und weshalb unser Origiualglaube zu leiden hat, l während die Bekenner seiner Ablegerreligion aus einer so glatten! Bahn durchs Leben gehen. Bringt denn der Idealismus unseres i Bekenntnisses dem Denken und Fühlen eines öffentliben Func-! tionärs irgendwelche uukensche Gedanken, oder gibt es Männer j von strengerer Auffassung des ihnen anvertrauten Berufes und! Amtes als einen idealen Inden, tvelcher schon in den ersten! Zähren seines Lebens gelernt hat, die sinaitische Moral hoch-! halten, die da lautet: „Du darfst keine Bestechung annehmen.! denn Bestechung macht Min:-! " O wie klingt unseren jüdischen - Beamten noch in den spätesten Jahren ihrer staatlichen Functionen als Moral der heiligen Thora in die Ohren, was ihnen in der > dumpfen Klause, im (Meäer von ihren Melamdim eingeprägt! wurde! - Die materielle und moralische Rückstellung geht aber im Zeit-! alter des Materialismus unserer Intelligenz zu sehr ans Herz, dass sie sie Hinnahme, ohne zu murren, als dass sie diesen Druck - nicht durch Hintergedanken wettznmachen suchen würde. Man! greift daher zum äußersten Mittel, zum Weihwedel. Heute noch Jude und Secretär, morgen schon Christ und ein goldener j Kragen und Rathsrang. Allein dieses Verrücken der Grenze! zwischen Moral und Charakter bringt nicht jeder fertig. ' Diese laxe Moral kann eben nur bei jener Sorte von Juden; Geltung erlangen, welche ihr jüdisches, iä 68t menschlisches Gewissen an den verschrumpften Brüsten der Assimilation genährt; haben, die den jüdischen Religionsunterricht als Nebengegen-! stand abthun und das jüdische Gewissen seelenblind und seelen-; taub gestalten. Schulen, denen die häusliche Erziehung zum 1 Judenthum wie das Waldesecho zurücktönt, Religionsunterricht.; welcher mit zwei Gulden per Zeugnis befriedigende und mit fünf Gulden vorzügliche Resultate fürs Zeugnis liefert, diese .unjüdische Erziehung reift ja auch derartige Purzelbaumcharaktere, ■ reif für die Seelenkäuferei. Genügt eine derart laxe Moral unseren Brodgebern, dann j ist es freilich zu bedauern, und dann darf jeder Seelenschacherer sich das Wort des heiligen Jgnazins von Loyola auch als Bade-; mecum für's Leben mitnehmen, das da lautet: „Non ölet", i Allein wir Inden als österreichische Staatsbürger, denen patriotische Treue kein muffiger Schall ist. wir Juden, denen die Non olet-Charaktere ein dem Judenthume angethaner Schimpf j gelten, fühlten uns verpflichtet, am Gemeindetag gegen die Ber^; leitung zum moralischen Verbrechen Protest einzulegen, und dieser Aufgabe wurde der Berichterstatter Herr Dr. Grünberg j gerecht. Inwieweit der Herr Berichterstatter dem Notjudenthum : mit seiner sehr sorgfältigen Arbeit zu Hilfe kam, lässt sich freilich nicht constatiren. Mir scheint, diese Epoche, in welcher das Judenthum seine ganze Seelen- und Charactergröße im! -Kampfe ums Dasein gegen die angestammte Uebermacht der Welt zu bekunden hätte, eine der ungünstigsten Phasen der jüdischnationalen Lebens zu sein. Die Schuld oder richtiger das Deficit an Energie und innerem Feingehalt muss unbedingt auf Conto der assimila-! torischen Freimacherei gesetzt werden. Weitab von der Schreckens^ zeit des Mittelalters liegt unsere Intelligenz in Verzückung über die gewaltige Machtfülle der Kirche. Gab es im Mittelalter wohl auch eine ziemliche Zahl von Juden, welche vor der Wahl zwischen Scheiterhaufenglan; und Kirchenglanz gestellt, letzteren vorzogen, so blieben sie im Herzen und in der Praxis dennoch Juden, welche früher oder später ihr Geheimjudenthum am Scheiterhaufen gesühnt haben, oder aber gegebenen Momentes zum Judenthum in aller Form zurückkehrten. Heutzutage hat die Assimilation das jüdische Heiligthum aus unseren Herzen geraubt, und der Notjude ist fürs Judenthum für Allezeit verloren. , Manche Väter warten nicht einmal den Moment der! winkenden Glücksgüter ab und lassen ihre Kinder schon frühzeitig in! Len Schooß der allein selig und reichmacheuden Kirche aufnehmen, j Wozu also den Kampf mit den mächtigsten Factoreu für ein solches Phgmäengeschlecht? Demgegenüber müssen wir aber alle jene älteren jüdischen Staatsbeamten, welche Jahrzehnte hindurch wegen Mangel an Charakterlosigkeil übersprungen und übergangen wurden, lobend hervorheben. Im Hinblicke darani. dass diese Männer Niemandem zu liebe, sondern nur zur seelischen Selbstbefriedigung handelten, wollen wir die Namen derselben verschweigen und uns zum Anträge selbst wenden. (Fortsetzung folgt.) China. Alte Bilder, neue Kurden. Von Dr. M. L. Stern. Kein ausrichtiger Culturmensch dürfte es uns verargen, lvenn wir angesichts des allgemein verabscheuten chinesischen Barbarismus Schlüsse zögen auf den Culturzustand der meisten europäischen Völker. Darauf haben wir es jedoch zunächst nicht abgesehen. Der Vergleich wäre auch nach zwei entgegengesetzten Seiten hin nickt ganz zutreffend. Hier in Europa macht man es etwas planvoller, verschmitzter, heuchlerischer, scheinheiliger und nicht so barbarisch lvie in China. Der Jndenhass erscheint auch ettvas gemildert durch die anerkennenswerthe Hochsinnigkeit der gegenwärtig herrschenden Fürsten, die es wohl empfinden, dass die Majestät des Thrones von dem tiefsten Kothe des Antisemitismus denn doch nicht beschmutzt werden darf. Aber der Hass an und für sich, der Hass lvegen Abstammung und Religion, die ein Volk zu lieben und zu verehren sich verpflichtet bält, ist die größte Sünde der Völker, ist das Grausamste und Quallvollste, das Menschen und namentlich die Juden zu ertragen haben. Andererseits aber ist dieser Hass auch gar nicht Fremdenhass wie in China. Wir haben ja in Europa jüdische Friedhöfe und Grabsteine, die in das Jahrtausend hineinrageu, und selbst wenn alle Inden hier hinausgedrängt würden, müssten die übrigen Bewohner doch noch den jüdischen Stand küssen, wollten sie verehrungsvoll ihre Lippen auf den Boden des geliebten Vaterlandes drücken, dessen Staub mit dem Staube unserer Ahnen vermischt ist. Lässt sich da noch von Fremdlingen und Fremdenhass reden? Noch bei weitem ungleicher ist es mit dem Religionshasse bestellt. Zugegeben, wir Juden wären hier Fremde, habe» wir nachweisbar gegen die Religion der einheimischen Majorität Geringschätzung bekundet? Haben wir jüdische Missionen aufgerichtet, welche schon an und für sich die ärgste Geringschätzung und Verdammung der eingeborenen Religion bedeuten? Geben wir nicht mit Missachtung der eigenen Religion an unseren Sabbath- und Feiertagen Arbeit und Verdienst den uichtjüdischen Einheimischen? Stören wir ihre Ruhe und Andacht au ihren religiösen Feiertagen? Nein, fürwahr, der Antisemitismus aller Gattungen, ob er sich in das Gewand des Clericalismus, des Jesuitismus, des Feudalismus, des Nationalismus, des Agrarierthums oder sonst noch kleidet, ist mit dem chinesischen Barbarismus nicht recht zu vergleichen, da er ja vielfach noch bösartiger ist. Nicht die Judenfrage im Besonderen ist es, welche uns die Feder in die Hand drückt, das Wort auf die Zunge drängt und dem Herzen die Klage erpresst, sondern das tiefe Weh um die allgemeine Weltlage, um das große Leid, das uns Allen in Asien wie in Europa droht. Die Thorheil der Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit bringt einmal wieder d i e mittelalterlichen K r e u z z ü g e in Sicht! Der chinesische Barbarismus wird dem Gerichte nicht entgehen. Wer aber sind die Ankläger? Wer die Zeugen? Wer soll richten? Da wird sofort unsere alte Bibel, ebenso wie die mittelalterliche und neueste Weltgeschichte actuell. Alte Bilder tauchen fratzenhaft verzerrt in neuen Farben empor. Bileam, Peter von Amiens, Amon und Moab, Korah aller Arten, d i e Kren;; ü g e, die Türkenkriege! Leichten Sinnes lassen sich die Völker von den Errungenschaften der Jahrtausende wieder ablocken. Sie glauben ungestraft die Erkenntnisse verläugnen zu können, welche durch Jammer und Elend, durch unbeschreibliche Zerrüttungen unb gnadenvolla Verjüngung gezeitigt wurden. Leichtsinnig wenden sich die Völker