Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 28 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 28. Judentaufen gefordert hat. Wie jeder Kundige weis;, kommen dabei ausschließlich die Berliner Zustände in Betracht. Es muss da denn doch schon weit gekommen sein, wenn man gar aus Seiten der natürlichen Förderer der Taufe Gegenmaßregeln plant. Ja, in gewissen, den oberen Ständen der Berliner Judenschüft angehörenden Kreisen ist die Taufe der Kinder im vorschulpslichtigen Alter zur stehenden Gewohnheit geworden, indes die Eltern, was man so nennen darf, dem Judenthume weiter angehören. Wenn sonst noch die Taufe wenigstens hinter dem Vorwände, Ausdruck einer Ueberzeugung zu sein, Deckung suchen könnte, so haben wir in diesem Vorgehen jüdischer Eltern — den Vcrrath in seiner nacktesten und krassesten Form. Möglich werden solche Dinge nur durch die Bereitwilligkeit, mit welcher liberale protestantische Pastoren solchem frivolen Spiel ihre Unterstützung leihen. Zieht man endlich noch die große Zahl der Mischehen in Betracht — in Berlin ist etwa jede 7.—8. von Juden eingegangene Ehe eine solche — die doch eigentlich nur einen etwas verschämten Hiutertreppenweg zum Austritt aus dem Judenthume bedeuten, so ist der etwaige zahlenmäßige Ueberschuß für Wien längst aufgehoben. Wenn daher die Taufbewegung unter den Wiener Inden in so angsterregenden, markerschütternden Formen erscheint, so ist das nur einem rein äußerlichen Umstande zuzuschreiben. Weil eben bei uns noch confessionelle Standesregister bestehen, führt die Statistik der unter Juden vorkommenden Uebertrittsfälle nirgends eine so deutliche und darum gerade so sehr auf die Nerven fallende Sprache. In Berlin, Budapest, New- Aork, London re. dagegen gelangen Uebertritte nur dann zur officiellen Kenntnis der Gemeindeleitung, wenn steuerrechtliche Folgen daran geknüpft sind, Taufen von Kindern sohin niemals. Unter gleichen Voraussetzungen dürfte sich der Percentsatz der vorkommenden Judentaufen in jenen Gemeinden kaum günstiger stellen. Die Gleichmäßigkeit der Erscheinungen beweist, dass die Ursache der überhandnehmenden Taufbewegung weder in der in Wien aufrecht erhaltenen Einheit, noch in der anderwärts durchgeführten Sprengung der Gemeinde zu suchen ist. Viel zu denken jedoch giebt die Thatsache, dass in den polnischen, russischen und rumänischen Großgemeinden, wie Warschau, Odessa, Berdytschew, Bukarest rc., deren Judenschast von „Europas übertünchter Höflichkeit" noch nicht allzustark angestrnißt ist, Taufen zu den ganz vereinzelt dastehenden Atlsltahmen zahlen. Dass also von der erwähnten, in Vorschlag gebrachten Maßregel der Sprengung der einheitlichen Gemeinde eine Gesundung des Judenthums nicht zu erwarten sei, dazu bedarf es nicht einmal erst aus der Ferne die Argumente herzuholen. Wir können ihrer in der eigenen Milte im Handausstrecken habhaft werden. Bekanntlich haben wir in einem Wiener Gemeindebezirk ein Bethaus, das mit allen Errungenschaften der Reform — selbst bis auf christliche Sängerinnen — ausgestattet ist, und daneben wieder ein solches nach streng orthodoxem Ritus. Dasjenige, was der Herr Einsender im „Jüd. Volksblatt" für ganz Wien erstrebt, ist dort bereits Ereignis. Ob nun jener Gemeindebezirk wegeti der gcringetl Zahl der vorfallenden Taufen allen übrigen ein leuchtendes Beispiel abgeben könnte, darüber fehlt es zwar au statistischen Angaben, aber wenn der Schein nicht trügen sollte, so wäre man viel eher geneigt, das strikte Gegentheil zu behaupten. Es entspricht ebensowenig den Thatsachen, wenn behauptet wird, dass der Berliner orthodoxen Separatgemeinde keine reformirie Hauptgemeinde gegeuüberstehe. Bekannt ist, dass letztere gerade das Feld bildete, auf welchem der Vater des Reformjudenthums, Abraham Geiger, eine umfassende Wirksamkeit entfaltete. Seine gesammteu Bestrebungen fanden dort die bereitwilligste Aufnahme. Wenn man heutzutage nicht gern unter der Flagge „Reform" segelt und statt dessen die etwas harmloser scheinende Phrase „Liberales Judenthum" eingetauscht hat, so ist das dem Umstande zuzuschreiben, dass erstere in jüngster Zeit etwas anrüchig geworden ist. Die Nachkommen all der einstigen Eiferer, Förderer und Verbreiter der Reform befinden sich gegenwärtig bereits fast ohne Ausnahme — im gesicherten Hafen der Taufe. Es müsste auch mit Wundern zugehen, wenn dem anders wäre! Ist doch die Reform recht eigentlich nichts anderes, als die Umgestaltung des Judenthums auf den Grundsätzen des lutherischen Protestantismus. Dieser Eindruck haftet dem Berliner Judenthume unverkennbar an. Interessant dabei ist nur, dass auch der Außenstehende keinen anderen Eindruck von der Sache zu gewinnen vermag. So ist es Thatsache, dass die preußische Regierung anfangs das Erscheinen der Zeitschrift für „Wissenschaftliche Theologie des Judenthums". durch welche deren Herausgeber Abraham Geiger seine Reformbestrebungen zu verbreiten suchte, wegen Sectiererei untersagte. Nach langem Zögern gab sie endlich, dem Drängen von Geiger's Anhängern Rechnung tragend, die Zeitschrift frei. Wie es im betreffenden Erlasse heißt, gab sie dabei der Erwägung Raum, dass es ihre Pflicht nicht sein könne, Bestrebungen zu hemmen, welche aus die Umgestaltung des Judenthums nach den Grundsätzen des Christenthums abzielen. Wenn daher der Reformproceß schließlich in der Taufe seine endgiltige Lösung findet, vollzieht sich in diesem Vorgänge nur — die Logik der Thatsachen._(Schluss folgt.) Wenn wir echte Luden, keine Lunstjnde« wären. v. Auf der für die Referenten des letzten jüd. galizischen Gemeindetages anfgeslellten Estrade erschien ein junger Mann, der angehende Advocat Doctor Josef Grünberg. Ein keineswegs fröhlicher Ausblick in die Zukunft spricht aus seinem mit Pathos vorgetragenen Referate, denn der Herr Berichterstatter hat mit bitterem Ernst die ganze Traurigkeit der Situation der jüdischen Intelligenz und den muthwilligen polnischen Weltschmerz des ergrauteu Vorkämpsers für die Polonisirnng der Juden in Galizien festgenagelt. Das Auditorium war tief bewegt bei der Darlegung des gewaltigen Unrechtes des nationalpolnischen, clericalseudalen Antisemitismus, welcher immer zum Worte kömmt, so oft ein Jude, mit noch unverwässertem Glaubensbekenntnisse, eine Anstellung oder Beförderung beim Staate, beim Lande oder in einer Gemeinde anstrebt. Wie viel Dosen von ganz niedriger Denk- und Handlungsweise gehören dazu, ganze Aemter von jenen Männern fernznhalten, die mit ihrem Steuergulden zu ihrer Erhaltung beitragen? Geradezu empörend ist aber der Chnismus, wenn ein Oberpole oder Oberjesuit den im Dienste ergrauten, jüdischen Beamten jahraus jahrein auf derselben Stufenleiter der Beamten mit dem Hinweis festbannt, dass ein Stück Papier noch immer zwischen ihm (dem Bewerber) und seinem Glücke steht. Und doch gibt es noch warmfühlende jüdische Beamte, die lieber Decennien auf derselben Rangstufe bleiben, als um den feuchten Papiersetzen buhlen. Inwieweit der Herr Referent zu den echten Inden und wie weit er zu den Knnstjuden gehört, haben wir hier nicht zll untersuchen. Thatsache ist, dass seine beredten Worte demjenigen Theile unserer Intelligenz galten, die echte Juden sind und bleiben wollen, und die ein ärmliches Dasein voll Charakterfestigkeit der Glückseligkeit der goldenen Krügen vorziehen. Es versteht sich von selbst, dass Männchen voll seiger Lebenslust nicht erst warten, bis Israels Gemeindetag den Muth findet, den Weg der Oeffentlichkeit zu betreten, um über die ihm zugefügte Ungerechtigkeit bei alleu Instanzen Beschwerde einznlegen. Derlei Assimilationseleveu nehmen rasch Raison an und zieben gemächlich die Consequenzen — Weihwedel und Weihwasser herbei. Echtisrael freilich wusste seit Jahrtausenden, welches Loos ihm unter den Nationen beschieden ist. Schon Urahn Jakob musste auf seiner Flucht nach den schweren Arbeitsjahren den Kampf mit mächtigen „Boxern" bestehen, die ihm das Fortkommen, selbst in nicht zu raschem Tempo mißgönnten. Israels „Sprungader" wird zu allen Zeiten von gewaltiger Hand gefasst und verletzt, so oft es zum Fortschreiten ausholt, und so hinken noch die spätesten Urenkel in aller Herren Länder.