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Die Wahrheit · 1900-07-27 · Heft 27 (27.7.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 27 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. dir. 27. Konsul Simon-Hannover und Eugen Rosenstiel-Berlin sowie einiger hervorragender Damen aus Frankfurt a. M. aus die Wichtigkeit einer Centralisatiou der humanen jüdischen Franen- Bestrebungen hingewiesen habe. Seit damals ist die Frage aktueller geworden, seit damals haben uns auch die Leistlingen der allgemeinen deutschen Frauenbewegung auf Grund und infolge ihrer Centralisatiou belehrt, dass der Grundsatz unserer Solidarität : „Alle Israeliten bürgen für einander", nicht nur als Motto der allgemeinen israelitischen Allianz seine Giltigkeit hat, sondern auch ganz besonders in der beregten Angelegenheit unserer Frauenfrage. Nach den obigen Ausführungen dürste es an der Zeit sein, die Gesammtheit der israelitischen Frauenwelt für die Idee solidarischen, einheitlichen Zusammenwirkens zu gewinnen, alle im deutschen Vaterlande mit Intelligenz, Wohlhabenheit und dem warmen Gefühle für die Ehre de» Jndenthums und seiner Bekennerinnen begabten und ausgerüsteten Frauen zu veranlassen, einen deutsch israelitischen Frauenbund zil begründen zur Wahrung aller Interessen ihrer arbeitenden Glaubensschwestern. Ohne den filidigen, organisatorischen Talenten unserer gebildeten Frauenwelt in Beziehung auf die Punkte der Ausführung und praktischen Verwirklichung unserer Ideen, der Gruppirung der Arbeit, der Organisation des Ganzen und Einzelnen irgendwie vorgreifen zu wollen, möchte ich nur auf die Art und Weise der Genesis und des Bestandes jenes großen Werkes Hinweisen, das die allgemeine deutsche Frauenvereinigung in ihrer Centralleitung hervorgebracht hat. Möge diese Anregung zu baldiger Vereinigung der auserlesenen Kräfte unserer deutschisraelitischen Frauenwelt zum Zwecke der Hebung und gedeihlichen Fortentwickelung aller Frauenarbeit, zur Beseitigung so mancher Mängel und Schäden und Ausfüllung fühlbarer Lücken führen und einen einflußreichen religiös-humanen Gesammtwillen schaffen, der rathend, stützend und helfend das Heil und die Wohlfahrt der Einzelnen, der Besonderheiten von Personen, Institutionen und Arbeitsgruppen begründete! Und alle diese Anregungen mögen nicht nur für Deutschland sondern auch für Oesterreich-Ungarn gelten. Zur Organisativnsfrage. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz. (Fortsetzung.) Nie hatte es mehr biblische Geschichten, Sitten- und Religionsbücher in Israel gegeben als heutezntage. Wir finden sie fast in allen Landesspracheit im bombastischen Kathederstyl, wahre Cabinetstücke der Linguistik, im Schwung und Trab des Hochschul-Doctrinarismus, aber selten oder gar nicht in jener erquickend einfachen Ausdrucksform der Bibel, die so recht für das kindliche Fassungsvermögen geschaffen ist. Sie scheinen einzig und allein zu dem Ende da zu sein, vom Schüler memorirt, vom Lehrer erläutert, erweitert, gekürzt oder ganz umgangen zu werden. Endlich beginnt man auch in Oesterreich zu dieser leidigen Wahrnehmung zu gelangen, und wenn man nur tastend und fühlend an diese Lebensfrage sich heranwagt, ohne das Kind beim rechten Namen zu nennen, so ist es darum, weil wir noch immer bis über den Hals im Fahrwasser der Assimilation stecken. Eine ganze Generation sammt Descendenz hat alle Wohlthaten der Verfassungsaera bis zur Neige durchkostet, und ihr ist schlecht predigen, dass die einzige Rettung im Sichselbst-Finden besteht, in der bedingungslosen Rückkehr zur Bibel und zur rationellen Berstäudlichmachung ihres heiligen Urtextes. Man kann nicht Jude sein und sich das Judenthum in einer Zunge vormachen lassen, die nicht die Sprache des Dekalogs ist, jene heilige Offenbarungssprache, die zunächst uns Israeliten die weltbewegende Gottesidee vermittelt, um dereinst tausend Millionen Bekenner« des Monotheismus vorbildlich zu werden. Was nützt das mechanische und noch so geläufige Lesen einer Betsprache, die man nicht versteht? Und gerade das Hebräische, in dem wir gemeiniglich das einzige Bindeglied aller Juden des Erdballs mit vollem Recht erblicken, ist spielend 'leicht zu er--- lernen, bei weitem leichter als irgend eine Sprache auf Erden, eine gut systematische Lehrmethode, woran es wahrlich nicht fehlt, vorausgesetzt. Noch sind wir nicht so weit, und es dürfte voraussichtlich noch eine Weile dauern, vielleicht auch noch Schicksalsunbiloen mehrerer bedürfen, bis wir dahin anlangen, in den säuern Apfel wieder von neuem zu beißen. Mit "den Assimilirungsversuchen ä tout prix, mit der ewigen Liebeswerbung um die Gunst der Menge, mit der Hintansetzung und Preisgebung so manch geheiligten Volksbrauches haben wir bis nun weder Glück gehabt noch irgend welche Anerkennung gefunden. In der Staatspolitik hat das Schlagwort vom Blitzableiter sich noch immer als treuer Helfer in der Noth betvährt. Man wirft der Menge einen Köder vor, dass sie ihren Heißhunger daran stillt, und bis die Giftzähne sich stumpf gebissen und dem Jrrthum die Reue folgt, haben die Opfer der Bolkswuth ausgeblutet, die Staatslenker aber jenes Ziel erreicht, gegen das bexr Volkswille sich stemmt. Die Judenfrage ist eine Staatsfrage. Ruht sie eine Weile, dass wir meinen, sie sei nicht mehr, sl> lauert sie wie die Bestie tief im Busche versteckt, um jäh und schnell ihr ahnungsloses Opfer zu überfallen. Vor dieser Frage gibt es unter Inden keinen Unterschied. Im Schimpftexikon der Judenhasser heißt der gebildete Israelit ein Geistesprotz, der wohlhabende ein Prasser, der arme und strenggläubige ein Parasit und alle zusammen eine asiatische Brut von Landschädlingen, die vom Marke des Volkes zehren. Dem Ultraclericalen gilt er als lebendiger Widerspruch der Kirche und des Kirchenregimentes, als Vererber und Verderber einer Tochterreligion, die niemals ans den Windeln der Mutter sich loszuschälen vermag, dem Deutschnationalen ist er wegen seiner Rasse und Classe in der Seele zuwider, und die Antisemiten, die Egoisten,, die Bauersänger und Leuteschinder, die Quintessenz derer aus dem Stamme Esau und oer Sippschaft Amateks, die ans den Schivächen und Gebrechen der Nächstmenschheit ganz allein Brod und Reichthum, Ehre und Ansehen ziehen wollen, erblicken im ihm den landfremden Eindringling, der es wagt, mit frecher j Hand ihre Kreise zu stören. Und das so blind und taub, stumm j und dumm gemachte Volk sagt Ja und Amen dazu. Uns nützt es also ganz und gar nicht, wenn wir der guten Nachbarschaft wegen uns so gehaben, als wären wir christliche Juden oder Judenchristen. Selbst in dem Täufling von heute, in dem Neophyten des zweiten und dritten Geschlechtes, welche ihr Renegatenthum um den Preis ihres Seelenfriedens erkauft haben, wittert das Volk den Juden und meidet nach Möglichkeit seine Gesellschaft. Täglich und stündlich kann man'shören: „Seitdem die Juden keine Juden sind, seitdem sie mit ihren Speisegesetzen gebrochen, wird das Wildpret und das? Schweinefleisch, werden alle guten Fleischstücke theuer und und theuerer." Solange man die christliche Nächstenliebe in der breitesten Volksschichte so corrumpirt, dass sie beim eigenen Ich anfängt und bei der Person des Nächsten aufhört, so lange man die sprichwörtliche Mildherzigkeit der Inden, die in Allein und Jeden confessionslos, unterschiedlos und parteilos sich äußert, mit der banalen Redewendung abfertigt: „hält' mans nicht, thät mans nicht", ist keine Aussicht vorhanden, den Antisemitismus als puren Ausfluss der Selbstsucht und des Fremdenhasses mit Stumpf und Stil auszurotten. Die Gottgläubigkeit allein, als fester Kern des reinsittlichen Seelenadels, als Urgrund aller wahren Menschenverbrüdernng, möge sie diesen oder jenen Cult als Hort und Schild zu ihrem Princip! erheben, hat es bislang nicht zu vollbringen vermocht. Nur der Staatswille und die überwältigende Machtfülle der Volksregieruug könnte dem mit Erfolg steuern, so ihr der Sinn für wahre Humanität kein Unsinn däuchte. Wir aber sollten, gleich unseren christlichen Nebenbrüdern, in Sachen der Religion und in Sectirersachen ein für allemal die Grenze ziehen: bis hierher: und nicht weiter! (Schluss folgt.)

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