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Die Wahrheit · 1900-07-27 · Heft 27 (27.7.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 27 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27. Die Mahrheit. Seite 5. -führen. Dieser Vertreter würde gewiss zu der Ueberzeugung gelangen, dass es nicht nur unzulässig ist, Gelder, welche für Galizien in Deutschland gesammelt wurden, für Rumänien zu -verlangen, sondern dass es eine Pflicht aller philantropischen Änstalten in der Welt wäre, ihre Hauptthätigkeit auf die Bannnng des Judenelends hierzulande zu verlegen. Denn daselbst befinden sich 300.000 jüdische Seelen ohne jedweden Erwerb und ohne die Eignung emigriren zu können. Sie sind weder in der Tracht noch in der Denkw.ise enropäisirt und daher darauf -angewiesen, daheim im Geburtslande zu bleiben und sich Erwerben hinzugeben; und diese fehlen, und es müsste die Ausgabe der wahren Philantropie sein, die fehlenden Erwerbsquellen *u schaffen. Die löbliche Alliance in Paris, wie die „Jüdische Presse" in Berlin werden nach unseren vorstehenden Darlegungen zur Erkenntnis gelangen, dass die Frage der rumänischen Auswanderung bald von der Tagesordnung verschwinden wird, während die brennende gatiz. jüdische Frage ein Menschenalter zu ihrer Lösung erheischt. Und wäre es recht und billig, das für Galizien gesammelte «Geld für Rumänien zu verwenden? Jeder ehrliche Mensch wird Liefe Frage mit aller Entschiedenheit verneinen. Lin Wort ju unserer Frauenfrage. Von Dr. D. L e i m d ö r f e r - Hamburg. (Schluss). Auch aus dem lveitverzweigten geistigen und technischen Arbeitsfelde sehen wir unsere weibliche Jugend rüstig und erfolgreich vorwärts streben. Jüdinnen verdienen nicht nur als tüchtige Handarbeiterinnen in Ehren ihr tägliches Brod, besuchen nicht unr mit Erfolg Kunst- und Gewerbeakademien, um dann praktisch snr die Gesammtheit thätig zu sein, und auch, ohne das Frauenideal in der Ehe gefunden zu haben, ein glückliches und zufriedenes Leben ohne demüthigendes Bewusstsein der Abhängigkeit zn führen, sondern auch zahlreiche wissenschaftliche Institute zählen Jüdinnen zu ihren eifrigsten Jüngerinnen und Vertreterinnen. Aber auch da macht sich der Mangel an dem Gesammtinteresse der jüdisch-deutschen Frauenwelt fühlbar geltend. Zu wie viel tüchtigerem Schaffen würde die weibliche Jugend angespornt, fände sie in allen Kreisen Verständniss für die mühevolle Geistesarbeit, Würdigung und Beachtung des hohen geistigen Berufs, Förderung und Unterstützung in der Lernzeit, offene Herzen und Arme nach ihrer Beendigung. Die große Allgemeinheit müsste dafür Sorge tragen, dass unsere Lehrerinnen und Erzieherinnen, die ihre Kräfte bis zur Abspannung in den Dienst der Gesammtheit stellen, nie am Hungertnche nagen, niemals Gnadenbrod essen, im Alter oder in Invalidität gemeinsame, ihrem Stande entsprechende Versorgungsstätten, Heim, Obdach und Verpflegung darin finden, nicht durch die -Gnade, sondern durch das moralische Pflichtgefühl der Gesammtcheit. Jüngst hat man ein israelitisches Lehrerinnenheim in Berlin gegründet — das ist edel und schön, aber das ist das Werk Einzelner, Weniger für Einzelne. Was könnten aber die zahlreichen intelligenten und humanen Frauen in Deutschland leisten, würden sie zusammentreten mit dem Gedanken, allen Lehrerinnen ein gesundes und würdiges Versorgungsheim zu stiften. Einzelne, und wären sie noch so reich und edelherzig, sie werden nie und nimmer das leisten, was eine Gesammtheit hierin im Stande wäre. Es ist eigenthümlich, dass in Häusern der sogenannten -Aristokratie bei der Bewerbung um eine Erzieherin- oder Gouvernantenstelle oft selbst Minderbegabten Christinnen vor reich veranlagten, tüchtigen Jüdinnen der Vorzug gegeben wird. Die Jüdinnen scheinen ihnen weniger Feinheiten des Schliffes und des äußeren Anstandes zu besitzen. Das ist ein Vorurtheil, welches — wäre es begründet — sich um so leichter aus der Welt schaffen ließe, wenn die Gesammtheit der israelitischen Frauenwelt sich der gesammten Ausbildung vom Beginn bis zur Reife der jüdischen Lehrerinnen mit lebhaftem Interesse zuwendete. Wenn die Gebildetsten und Vornehmsten mit Rath und That zur Seite ständen und in dieser Gesammtheit Sitz und Stimme hätten, würden sie ven gebildeten und vornehmen oder als solche scheinenden Ständen — insbesondere den Aristokratinneil — den. Standpunkt klar machen, wie irrig und einseitig ihr Unheil ist, das der Jüdin die Fähigkeit abspricht, die es meist ungeprüft der Christin zuerkennt. Aber nicht nur im Interesse des Fortkommens tüchtiger jüdischer Lehrerinnen, auch noch im Interesse der Erhaltung unserer Religion und der Förderung des religiösen Geistes in den Familien ist es nothwendig, das leider eingewurzelte Vorurtheil gegen jüdische Gouvernanten oder Erzieherinnen zu bekämpfen. Denn Vielen ist es kein Geheimnis, dass die zu große Toleranz der jüdischen Hausfrauen dem Gedanken so selten Raum giebt, dass die christliche Erzieherin bei jahrelangem Umgang »md Verkehr mit ihren jüdischen Zöglingen oft von größerem Einflüsse auf Empfinden und Denket» derselben ist als die Eltern. Wie schmerzlich musste uns die Intoleranz berühren, die den Jüdiituen den Unterricht christlicher Kinder untersagte; mrd doch hattdelke es sich nicht um den Umgang, noch weniger um die religiöse Unterweisung. Wir dürfen nicht davon lernen, im Gegentheil: uns sind die Christinnen selbst in jüdischen Schulen zur Ertheilnng des Unterrichtes sehr genehm und willkommen. Die Wissenschaften sind interkonfessionell, und wir fürchten dirrchans keinen schädlichen Einfluss auf die Herzen jüdischer Kinder, wenn die Lehrkräfte christlich sind. Anders verhält es sich aber dort, wo die ganze häusliche Erziehung und selbst die Führung des israelitischen Hauses der Christin überwiesen wird. Wir haben genugsam erfahren, dass den jüdischen Töchtern der sogenannten besseren Stände unter dem Einfluß christlicher Güttvernatlten die Religion und alles jüdischreligiöse Fühlen und Denken abhanden gekommen, und dass die zwei Stunden Religionsunterricht, selbst auch die Konfirmation nicht im Stande waren, die Spuren jenes Einflusses zu verwischen. Viel an dem religiösen Niedergange, der zu Abfall und Fahnenflucht führt, ist auf dieses Schuldkonto zu setzen. Mehr als aller Antisemitismus von außen hat die mir der Unwissenheit Ha»»d in Hand gehende Gleichgiltigkeit in unseren Frauenkreisen, aber auch der ausschließliche Umgang und Verkehr mit Nichtisraeliten, von dem so manche Dame magnetisirt ist u»td sich dessen nicht genug rühmt, zu Wege gebracht, dass sich unsere , Töchter dem Judeukhum entfremden. Soll da nicht ein edler! Frauenbund thätig eingreifen, »vo es gilt, die Kenne des Idealen — und dazu gehört doch unstreitig die Treue zur Väterreligion; — in die empfänglichen Herzen der »veiblichen Jnge»»d zu; pflanzen? Fort also mit dem Vorurtheil gegen die Jüdin als; Erzieherin! Freilich müsste diese eine begeisterte Vertreterin ihrer Religion sein, um Begeisterung für dieselbe zu erwecken; 1 lernen müsste sie von der christlichen Collegin, mit gewissem; Stolze ihren Glauben zn bekennen und eifrig für ihn bei ihren! jüdischen Zöglingen zu propagiren. Auch das letztere aber dürfte : eine Gesammtheit leichter erzielen als vereinzelte Vorstellungen; oder Mahnungen. Noch eines: Bis vor kurzem begegnete man , vielfach der Meinung, die Jüdinnen »vollen nicht arbeiten; sie I sind als Dienstboten enttveder zu schwach oder sie lieben die; Bequemlichkeit, oder aber, sie fühlen sich zu collegial, schtvesterlich , und ebenbürtig ihren Herrinnen »urd Arbeitgeberinnen gegenüber.! Ob ein Körnlein Wahrheit in dieser Beha»lptung liegt? Möglich. Aber vermöchten nicht vereinte erziehlich eintvirkende Frauen- ' Hände auch hierin Wandel zu schaffen? z Man geht jetzt daran, die Ferienkolonie», die sich als i segensreiche Veranstaltungen der Neuzeit erwiesen haben, dlirch! sogenannte Hospize für schtvache, leidende israelitische Kinder j zu ergänzen. Auch hier tvird eine partielle Hilfe unmöglich das i schaffe»», »vas den vereinten Kräften der gesaminten Frauenwelt! ohne zu große Opfer »nöglich rväre. j Es war vor etwa zwei Jahren, als ich i»ach der Besich- 1 tigung des Mädchen Waisenhauses in Ems iu Gegentvart einiger! College»», darunter Oberrabbiuer Ury-Straßburg, Kirchenrattz ‘ Dr. Kroner-Stnttgart, Dr. Frank-Köln, fer»»er der Herrelt,

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