Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 27 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Die Wahrheit. Seite 7. Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Präsident der israel. Cultusgemeinde, Herr kais. Rath H e i n r i ch K l i n g e r, hat einen mehrwöchentlichen Erholungsurlaub nngetreten. Die Leitung der Amtsgeschäfte hat für die Zeit der Abwesenheit des Präsidenten Herr Vicepräsident Dr. Gustav Kohn übernommen. Wien. (Ferienheim) In den letzten Tagen vollzog sich der -Wechsel der in den Colonien untergebrachten, erholungsbedürftigen Schulkinder, u. zw. kamen am 13. Juli 50 Mädchen aus Petrau und gingen am 17. Juli wieder eben so viele dahin ab. — In dem Heuer neu ervffneten „Kaiser Franz Josephs-Ferienheim" in Vvrklvster-Fischnowitz bei Brünn waren 120 Mädchen untergebracht, welche am 17. Juli hier einirafen, wogegen am 19. Juli wieder 100 Knaben nach demselben Bestimmungsort abgingen. — Eine Gruppe von 9 Kindern wurde zum Curgebranche ins Jodbad Darkau (österr. Schlesien) entsendet. — Das Aussehen der zurückgekehrten Kinder ist ein vortreffliches. Wien. (Mädchenraub in Galizien) Die Oesterreichisch« israelitische Union veröffentlicht folgende Mittheilung: Am 14. September 1899, dem jüdischen Versöhnungstage,' wurde die 16jährige Tochter ^Esther, der in Wola Szczucinska bei Tarnow wohnhasien Witwe Chane Weiser, während die Mutter in der Synagoge zu Szczucin weilte, von einem gewissen Francizek Smist aus Wola Szczucinska unter Beihilfe -es Jan Gadoski aus Wies Swiadrowka und des Michael Wibosek aus Wola Szczucinska gewaltsam entführt und in das Kloster der Felicianerinnen in Krakau gebracht. Chane Weiser begab sich zur Krakauer Polizei-Direction und bat. ihr zu einer Unterredung mit ihrem Kinde zu verhelfen, wurde jedoch zwei Wochen lang unter verschiedenen Vorwänden hingehalten. Der Referent, Polizei-Commiffär Tomasik, erklärte der Mutter, dass er sich um jüdische Angelegenheiten nicht kümmere. Endlich beauftragte ihn der Polizei-Director, die Frau in das Kloster zu begleiten. Man verweigerte ihr jedoch den Eintritt in das Kloster, während Commissär Tomasik eine volle Stunde darin verweilte. Dann wurde die Mutter gerufen und ihr mitgetheilt, dass ihr Kind sie nicht sehen wolle. Als sie trotzdem darauf bestand, ihr Kind zu sehen, stießen sie die Nonnen weg. Weitere Schritte zur Wiedererlangung ihrer Tochter hat Chane! Weiser nicht unternommen, da sie in eine schwere Krankheit versiel, die! einen großen Theil ihres Vermögens aufzehrte. Den Rest verlor sie durch! -einen Brand. — Die 15jährige Tochter Feigel, des Handelsmannes Elie! Mendel Siegeltude in Dobczyce, wurde vor einiger Zeit von zwei! christlichen Schneiderinnen aus Mszan zur Flucht aus dem Elternhause! überredet und in das Kloster der Felicianerinnen in Krakau gebracht.! Elie Mendel Siegeltude war einigemale im Kloster, man wollte ihn I jedoch nicht zu seinem Kinde lassen und empfahl ihm, zum Fürstbischof j zu gehen. Der Fürstbischof hingegen wies ihn an den Krakauer Magistrat. > Nach Angabe eines 20jährigen Mädchens Namens Gelb aus Swierczow,; dem es mit großer Mühe gelang, nach 3Vz monatlichem Aufenthalte aus j dem Kloster der Felicianerinnen in Krakau zu entkommen, werden daselbst j zwei jüdische Mädchen aus Russisch-Polen, Namens Altmann und Leder-! mann, festgehalten, die unausgesetzt jammern, dass sie sich aus dem! Kloster hinaussehnen.! Leitmeritz. Herr Sigm, nd Engl hat das Amt des Cultusvor-! stehers in unserer Gemeinde niedergelegt und sungirt gegenwärtig als ' solcher Herr Philipp Kirchner. j Lemöerg. (G a lizische I u st i z.) Der Präsident der Leinberger! Eultusgemeinde, Reichsrathsabgeorbneter Dr. Byk, hat an den Justiz- > minister ein Schreiben gerichtet, in dem er ihn auf das aufreizende und! den Staatsgesetzen geradezu hohnsprechende Plaidoyer eines Staats- > anwaltes aufmerksam macht. Der öffentliche Ankläger bei der vor j den Tarnopoler Gesch wornen wider den russischen Staatsangehörigen > Leib Kwasman wegen betrügerischer Crida am 12. Juli d. I. abgehaltenen Hauptverhandlung hatte seinen Schlussantrag folgendermaßen eingeleitet: „Nach dem gänzlichen Niedergange des Handels und Gewerbes in Galizierr verblieb uns blos der Kleinhandel, der sich in der schmutzigen! jüdischen Masse, die sich zu uns sogar aus dem Auslande eindrängt. - concentrirt; diese hat nicht blos den ganzen Adel um dessen Erbe gebracht, j sondern auch in den Städten und Dörfern die Bevölkerung jeglichen Ver-! mögens entblößt; sie haben sich wie ein Krebsschaden eingewurzelt, und! wir können sie in keiner Weise los werden. Ihre Religion gestattet nicht i blos, sondern sie gebietet, Betrügereien zu ihrer Erhaltung zu verüben j und dergleichen. Zu solchen Jüdlein gehört auch dieser Angeklagte!" Der rüdeste antisemitische Agitator könnte nicht ärger und provocatorischer sprechen. Und das durste ein Staatsanwalt, der Vertreter des öffentlichen Rechtes, bieten, ohne vom Vorsitzenden gerügt zu werden. Äerlin. (Rumänische Auswanderer.) In Ruhleben bei Spandau traf am vorigen Sonntag eine große Zahl rumänischer Juden ein, welche, in ihrer Existenz bedroht, vom Gesetze verfolgt und von Noth und Elend in ihrem ungastlichen Vaterlande heimgesucht, zum Wanderstabe gegriffen haben, um in der Fremde eine Zuflucht zu suchen. Unter ihnen befanden sich 150 Männer, zum Theil kernige Gestalten, welche in der Leibgarde ihren Militärdienst absolvirt haben. Meist waren es Handwerker, doch zählten auch einige'Studenten zu ihnen. Die Durchfahrt der Auswanderer war von der Breslauer jüdischen Gemeinde der hiesigen Verwaltung telephonisch mit der Bitte gemeldet worden, für die Speisung der Gruppe Sorge zu tragen, wie dies auch in Breslau geschehen war. Der Bite wurde sowohl seitens der hiesigen jüdischen Armencommiffion wie auch einiger Privater in bereitwilligster Weise und in reichlichem Maße entsprochen. Als bemerkenswerth muss erwähnt werden, dass die Zuwendung eines namhafteren Geldbetrages, welcher durch eine Deputation des hiesigen Vereins jüdischer Studenten augebotei: wurde, abgelehnt wurde. Sämmltiche Theilnehmer der Gruppe waren mit Eisenbahnbillets nach Hamburg und mit S chiffskarten von dort nach Kanada versehen. Der Durchzug der Auswanderer, welchen bald andere in vermehrter Anzahl folgen dürften, legt die dringende Verpflichtung auf, auch hier, wie es unter anderem jetzt in Frankfurt a. M. und seitens der israel. Gemeinden Bayerns erfolgt ist, ein privates Comitö zur Unterstützung der Unglücklichen znsammenzubringen, da die Durchführung der nothwendigen Maßnahmen lediglich innerhalb des Rahmens der hiesigen jüdischen Gemeinde ausgeschlossen ist. Heimweh. Erzählung von Eduard ftulfe. (33. Fortsetzung.) Ach was drückte es dem armen Josef das Her; ab, da er erfuhr wie es bei der Hochzeit seiner Schwester zugegangen. Und das alles Hab ich auf dem Gewissen, alle die Thränen, die sie vergossen haben, die Hab ich verursacht, und ich Hab das alles nicht verhindern können. Mutter! Schwester! ach, wenn Ihr mir nur in mein Herz hineinsehen könntet, Ihr wisst nicht, wie Ihr da drinnen eingeschlossen seid, Ihr wisst nicht, wie sehr gern ich Euch Hab. Ihr könnt es nicht wissen, denn Ihr urtheilt nach dem, wie ich an Euch gehandelt Hab, und nicht nach dem, was ich für Euch fühle. Das hätte man uns beiden, mir und meiner Schwester, wie wir noch Kinder waren, einmal sagen sollen, dass sie nicht auf meiner, ich nicht auf ihrer Hochzeit sein werde. Die Zähne hätte ich so einem aus dem Munde herausgeschlagen, dass er verstummt wär für immer; und doch, und doch ist es so gekommen, sie nicht auf meiner, ich nicht auf ihrer Hochzeit, jedes für sich allein, getrennt und losgelöst von dem andern, als wie wenn es niemals eine Zeit gegeben hält, wo wir beisammen waren und einander angehört haben! Er stöhnte bei Nacht auf seinem Lager, so dass Marie erschreckt auffuhr. Was ist Dir Josef? — fragte sie. Du schläfst nicht Marie? warum schläfst Du nicht? — fragte er zurück. Josef! — sprach sie weiter — ist Dir etwas? — und sprang von ihrem Bette empor. Bleib nur ruhig Marie! und ängstige Dich nicht! Es ist mir ja nichts; ich muss einen bösen Traum gehabt haben! Ich Hab die Hand vielleicht auf der Brust liegen gehabt. Schlaf nur ruhig mein Kind! Marie sah wohl ein, dass er sie nur zu beschwichtigen suche, und dass er seinen geheimen Schmerz vor ihr nicht enthüllen wolle; sie drang aber nicht in ihn, sondern stellte sich, als ob sie durch seine besänftigenden Worte wirklich beruhigt wäre. Aber ihre Seele füllte sich immer mehr mit düsteren Bildern und traurigen Ahnungen. Hätte sie ihr liebes Kind nicht gehabt, das herzige kleine Nannerl, das dem Vater so ähnlich sah, sie wäre unter der Last des Druckes, den ihr des geliebten Mannes unausgesprochenes Leiden verursacht, zusammengebrochen; aber dieses Kind war ihr Trost, ihr Glück, ihre Hoffnung, ihre Zuversicht, ihr alles. Wenn sie auch hie und da einen Moment wankend wurde, wenn sie sich in einer schwachen Stunde bei dem Geständnis ertappte, dass ihr diese Pein, den guten Mann leiden zu sehen ohne helfen zu können, ihn leiden zu sehen, ohne zu wissen warum? — unerträglich sei, und dass sie ihn denn nun endlich doch einmal ernstlich fragen, eine bestimmte Erklärung verlangen und ihn nicht eher loslassen wolle, bis er ihr die Quelle seines Kummers entdeckt haben würde; so brauchte sie nur einen Blick auf ihr Kind zu »verfen und dieser Blick genügte, um sie von jedem voreiligen Schritte, von jedem gewaltsamen Hinwegreißen des Vorhanges, hinter dem das dunkle Geheimnis verborgen lag, abzuhalteu. (Forts, f.) vis geehrten Herren Cantoren und Cultusbeamten werden ersucht, den Abonnementsbeitrag für das am 1. Juli begonnene Quartal, sowie den eventuellen Rückstand bestimmt am 1. August einsenden zu wollen, damit die weiteren Mahnungen unterbleiben können. Die Administration.