Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 27 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063040--00892-3067435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tveite 4. Nr. 27. The lvayryen. Rumänien? Hat sie auch ohne Unterschied der Parteistellung die moralische Abschlachtung der rumänischen Juden an leitender Stelle gegeißelt? Nein! Unter dem traurigen Titel: „Spenden" sammelt sie für die armen rumänischen Auswanderer, unter den Tagesneuigkeiten oder Localnachrichten tvird auch von dem Elend der armen rumänischen Juden erzählt. Und tvelche Stellung nimmt das europäische Concert zu der Judenfrage in Rumänien, was geschieht in den maßgebenden Kreisen, an leitender Stelle, wo mit feiner, bes onnener Hand die Fäden der Geschichte gesponnen werden, für die aus der eigenen Heimat gehetzten Juden und gegen die Verletzung der Menschenrechte in Europa? Die Tagespresse hüllt sich in undurchringliches Schweigen, die Kämpferin für Cultur und Gesittung hat für die Massacres in Rumänien keinen markerschütternden Schrei, das Wort erstirbt ihr auf der Lippen, dass es nicht in die Oeffentlichkeit dringe. Die vereinigten Mächte? Ihr Blick schweift in die Ferne, nach Ostasien, trotzdem das Böse viel näher liegt. Und die Diplomatie? Sie geht diesen Fragen scheu und ängstlich aus dem Wege, denn in China bedeutet das verletzte Völkerrecht „Colonialpolitik" und in Rumänien nur „I ubt n". Verletztes Völkerrecht, mit Füßen getretenes Menschenrecht ist's wohl hier wie dort, doch dno cum faciunt idem non est idem. Dr. H. Sigmundsohu. Die rumänische und galhische Hilfsaction. Die schreckliche Nothlage der rumänischen Juden und die große Ausdehnung, die die Auswanderungen ans Rumänien in den letzten Wochen genommen haben, mussten naturgemäß das Augenmerk der jüdischen Wohlthätigkeits-Organisationen vorzüglich nach dieser Richtung lenken, und vor der rumänischen Noth tritt das galizische Elend einen Augenblick in den Hintergrund. Das in Krakau erscheinende Blatt Zprsv/ieciliv/osö „Gerechtigkeit" warnt nun in einem „die Pariser Alliance und das galizische Hilfswerk" überschriebeuen Artikel vor einer Beeinträchtigung der galizischen Hilfsaction, und über Ersuchen der Redaktion geben wir die betreffenden Ausführungen, um denselben größere. Publicität zu verleihen, im Nachfolgenden anszüglich wieder: Die dreimalhunderttau'end brodlosen Juden in den galizischen Kleinstädten sind wahrlich die Bedauernswertesten ans Gottes Erdboden. Daheim im Lande, tvo sie in beständiger Noth ihr unglückliches Dasein fristen, regt sich selten das Herz eines maßgebenden Glaubensgenossen für sie; statt dass die Spitzen der Cultusgemeinden in diesem Barbarenlande zusammentreten und ernste Mittel zur Sanirung des fürchterlichen und himmelschreien! en wirtschaftlichen Elends Hunderttausender Glaubeilsbrüder in den Provinzstädten anwenden, beschäftigen sie sich mit vorbereitenden Machinationen zu den bevorstehenden Wahlen in verschiedene Körperschaften, um Mandate zu ergattern und nebstbei fette Wahlbcute einzustecken. Die führenden jüdischen Geschäftsleute in den größeren Städten Galiziens, welche die traurigen Verhältnisse ihrer armen Mitmenschen ja durchblickeu und für die schlechte Lage Anderer zum großen Theile Mitgefühl baden, sind hierzulande mit sich selbst beschäftigt, sie können kaum den eigenen Kampf um die Existenz überstehen. Und in der jüdischen Intelligenz wieder herrscht einerseits Apathie und andererseits gehen viele derselben mit den Gewaltigen der Cultusgemeinden Hand in Hand, um von den bei den Wahlen zu vergebenden Mandaten auch was zu erhaschen. Und so rührt sich keiner der Berufenen und Maßgebenden, um den nach Brod auslangenden hunderttausenden jüdischen Händen in Galizien zu helfen. Wie diese immense hungernde .jüdische Menschenmasse dadeim im Laude kein Mitgefühl findet, ebenso geht zu unserer Betrübnis auch das Ausland mit sichtlicher Antipathie und offenkundiger Erbarmungslosigkeit über dieselbe hinweg. Anlässlich der Auswanderungs-Bewegung jüdischer Handwerker aus Rumänien hat es in erster Linie die „Jüdische Presse" in Berlin für recht und billig gefunden, in ihrer Nummer vom 29. v. M. anzuregen, dass diejenigen Gelder, welche die B'nai B'rich Logen ausschließlich für das im Gründen begriffene Hilfswerk für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien munificenterweise gesammelt haben, zu Zwecken der rumänischen Auswanderung verwendet lverden sollen, und außerdem tvird in einem directen Ausrufe der Pariser „Alliance Israelite Universelle“ im gleichen Sinne plaidirt. Wir beugen uns vor der edlen Intention, welche die „Alliance" mit ihrem Vorhaben in dem in Rede stehenden Aufrufe an den Tag legt, fühlen uns aber zugleich als die langjährigen Verfechter der Interessen der hungernden Judenmasse in Galizien ebenso berufen, wie verpsiichtet, zu dieser Frage in aufklärender Weise Stellung zu nehmen. Die löbliche „Alliance" scheint dem eingefressenen Judenelende in Galizien gegenüber der momentaner! uno vorübergehenden Judenverfolgung in Rumänien den zweiten „Platz" aus dem Felde der jüdischen Humanität in der Welt anweisen zu wollen. Dieser Gedanke verwirklicht, rvürde ein schreiendes Unrecht im Bereiche der internationalen Mildthätigkeit involviren. Sehen wir uns die Lage der armen galizischen Juden gegenüber der Lage der rumänischen Inden im allgemeinen an: Unter einer Gesammtbevölkerung von 7 Millionen Einwohnern leben in Galizien 800.000 Juden. Bei 200.000 derselben sind gemäß den galizischen Verhältnissen wohlhabend; bei 300.000 vegetiren und finden ihr Auslangen in sehr beschränktem Maße; bei 300.000 Seelen sind absolut mittel- und erwerbslos; diese verleben Jahre und Tage in Roth und Elend, im Darben und Verhungern, und endlich lösen sich viele derselben alljährlich durch Krankheiten und zumeist durch evidenten Hungertyphus auf. In Rumänien leben unter einer Gesammtbevölterung von 6 Millionen Einwohnern blos 200,000 Juden. Diese jüdische Kopfzahl besteht aus reichen Leuten, einem Mittelstände und endlich aus Handwerkern und Arbeitern aller Art. Aber alle rumänischen Inden haben bei ihrer Minderzahl zur Bevölkerung anderer Confessionen und indem sie durchgehends acclimatisirt sind und in ihrer. Jugend entweder ein Geschäft, ein Handwerk oder eine gewisse Arbeit lernen, ihren Erwerb und sind nicht wie die galizischen Juden infolge ihrer dichten Bevölkerungszahl zu den Einwohnern anderen Glaubens, infolge ihrer Erziehuugsuud Beruflosigkeit, infolge ihres Fanatismus und Glaubensopitimismus und endlich infolge der allgemeinen Erwerbslosigkeit einer steten Hungercur anheimgegeben. Ohne die politischen Verfolgungen, welchen die rumänischen Juden theils durch die allgemeine Aufregung und Verwirrung ausgesetzt sind und welche auch durch die letzten Missernten in diesem wohlhabenden Lande hervorgernsen wurden, sind diese wahre Sardanapals den galizischen Juden gegenüber. Aber die politischen Verfolgungen in Rumänien werden wohl ebenso vorübergehen, wie die Ausweisungen in Russland, welche Anfangs des letzten Decenniums eine große Auswanderung aus Russland verursacht haben. Zur Zeit dieser Auswanderung hatte es den Anschein, als ob alle Juden Russland verlassen würden, aber im Ganzen sind etwa 40.000 Seelen, welche nichts zu verlieren hatten, emigrirt, während 5,160.000 Juden in Russland verblieben sind. Mit der jetzigen rumänischen Auswanderung wird es dasselbe Bewandtnis haben. Heimatsmüde und emigrationslustige Personen werden durch den Allarm, der für die rumänischen Juden in der Welt geschlagen tvird, auf Kosten der Humanität in die Vereinigten Staaten gelangen. Alljährlich wandern aus Galizien 3—4000 jüdische Handwerker aus; diese haben es nicht so angenehm. Sie müssen sich jahrelange auf Reisekosten vom Munde absparen, oft unterwegs in Arbeit gehen und sich plagen und rackern, bis sie das Reiseziel erlangen. Und weil die galiz. jüdische Emigration sporadisch vor sich geht und weil dazulande nicht so stürmisch wie in Rumänien allarmirt wird, schickt die Alliance weder 80.000 Francs, noch einen Vertreter her, der daselbst die Verhältnisse studieren möchte. Vielleicht werden unsere Worte der Alliance die Anregung geben, einen Vertreter nach Galizien zu schicken und diesen nicht an die Cultusrepräsentauzen zu weisen, sondern an solche Personen, tvelche ihn in den Bereich des galizischen Judenelends