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Die Wahrheit · 1900-07-27 · Heft 27 (27.7.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 27 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ais IDahrchsit Redaktion u. Administration Lezugrpr-ir:! Ganzjährig . . . fl. 12.— | Wien, IX/1. Novaragaffe 27. Unabhängige Zeitschrift fir jüöische! fl. |. österr. Postsparcassa Eheck-Eonto Nr. 848.251. Interessen. Halbjährig .... fl. j i Für Lultusbeamte: I nsirai« : so Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitng. Ganzjährig ... fl. w — Für Ausland: Abonnements- und Jnjertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Motto: .Das Siegel Gottes ist Mahrheit Ganzjährig ....;2 Mark 8 Rubel oder 18 Frcs. Nr. 27. Wien, 27. 3»li 1900 Inhalt: Duo cum faciunt idem non est idem. — Die rumänische und galizische Hilfsaction. Organisationsfrage. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Heimweh. — Ein Wort zu unserer Frauenfrage. — Zur Duo cum faciunt idem non est idem. Die ganze Culturwelt steht noch unter dem Eindrücke der Pekinger Katastrophe; Schmerz uub Empörung kochen in den Herzen; ein Schrei der Entrüstung, ein Schauer des Ensetzens geht durch die ganze civilisirte Welt; der Genius der Menschheit verhüllt schaudernd das Haupt angesichts der Massacre in China. So, oder doch ähnlich beginnen die Berichte der Tagesblätter über die Blutthat in Peking. Und doch hat auch die Greuelthat etwas Gutes zu Tage gefördert, sie hat das Solidaritätsgefühl gezeitigt, die Flamme des Zornes schweißt alle Nationen zusammen, das vergossene Blut kittet sie unzertrennlich aneinander. Alle Staatsklugheit schweigt, die Diplomatie zieht sich scheu zurück, alle Engherzigkeit schwindet, ein Zug der Einmüthigkeit weht durch alle Laude, nur e i n Laut wird vernommen, ein Wort gehört, das ist der Ruf: „Vergeltung, Rache für das mit Füßen getretene Völkerrecht". Die Kluft zwischen den Parteien ist überbrückt, ob clerical oder liberal, Judenfeind oder Philosemit, alle sind von dem Gedanken erfüllt, die fürchterliche Missethat zu ahnden. Und der Ausbruck des Zornes und des Abscheus, des Schmerzes und der Entrüstung ist gerecht, den es gibt keine Entschuldigung für den brutalen Fremdenhass und die cofessionelle Bedrückung, keinen Milderungsgrund für die bestialische Abschlachtnng von wehrlosen Weibern und unschuldigen Kindern. Uild wenn nun alle gesitteten Völker sich geeint, um das große Werk der Rache zu vollführen, keine Macht mehr zurückstehen will, um den Mord an dem geheiligten Völkerrechte zu sühnen Und das bezopfte Volk auszuschalten aus den Reihen derer, die Cultur und Gesittung verbrüdert, es einzureihen, wohin es gehört, unter die Entmenschten und Wilden, so empfindet kein Volk über das solidarische Vorgehen der Mächte mehr Befriedigung als wir, die Juden. Israel, das auf seinem beschwerlichen Gange durch die Weltgeschichte oft, allzuoft gefühlt hat, wie schmerzhaft der Hass gegen die Fremden, die confesfionelle Bedrückung ist; Israel, das im eigenen Lande fremd gebliebene, das im Vaterlande, das es mit seinem Herzblut getränkt, als Eindringling betrachtet und behandelt wird; die Juden, die das Brot der Fremde gegessen, sie fühlten die tiefste Befriedigung über die Vergeltung der himmelschreienden Missethat. Allein die Medaille hat auch eine Kehrseite. Vor zweiundzwanzig Jahren wurde den entrechteten rumänischen Juden angesichts aller Mächte vertragsmäßig Gleichberechtigung zugefagt. Die Anerkennung der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des rumänischen Staates wurde an diese Bedingung geknüpft. Es war Menschenrecht, Völkerrecht, das zu Berlin sanctionirt wurde, es war Forderung der Moral, die die Mächte gestellt. Doch wie wird in Rumänien das Völkerrecht gewahrt, das heilige Menschenrecht geachtet? Die rumänische Majestät, der Fürst aus stolzem deutschen Hause, sieht ruhig zu, wie der Berliner Vertrag gebrochen wird. Fast eine viertel Million treuer Unterthanen, die Heimatsrechte mit ihrem Gut und Blut sich erkauft, die mitgekämpft, mitgelitten, sie werden nun des Landes verwiesen, dem sie ihre besten Kräfte geweiht. Und für all diese treue Pflichterfüllung, für all die Vaterlandsliebe und Treue verlangten die Juden in Rumänien nichts, als auf der liebgewordenen Scholle in harter Arbeit ihr Brot genießen zu dürfen und ihren Kindern die Stätten der Bildung und des Unterrichts zu öffnen. Doch die rumänische Regierung ist unempfindlich für die Forderungen, die das Menschenrecht stellt, sie tritt das geheiligte Völkerrecht mit Füßeu, bricht die vertragsmäßigen Pflichten, und die rumänischell Juden, die nicht Fremdlinge sind, die das Heimatsrecht theuer sich erkauft haben, sie werden hinausgedrängt aus dem Vaterlande, in die Flucht gejagt, ins Exil getrieben, um mit leeren Händen in der ungastlichen Fremde zu kämpfen, um das kümmerliche Dasein zu ringen, oder zu verderben. Soll der Fremdling im Himmel wohnen und der Einheimische auf Erden wohnen, so lautet ein talmndisches Sprichwort, und sind die Juden in Rumänien weniger bedauernswerth, weil sie in der eigenen Heimat fremd, entrechtet, als die Europäer in China, weil dort das Gastrecht so schwer verletzt wird? Es ist ja wahr, wo es gilt, das verletzte Völkerrecht zu sühnen, da darf kein Opfer zu groß sein — und die Opfer an Gut uud Blut dürften ja nicht geringe werden — allein der Fremdenhass, die confessiouelle Knechtung wird in Ostasien, unter den gelben Köpfen, nicht schwerer empfunden, als in der Mitte europäischer Cultur und Gesittung. „Schutz dem geheiligten Menschenrechte", das verbündet ja jetzt die Mächte so eng mit einander, doch Schutz nicht allein gegen Boxer, sondern auch gegen Nationalisten. An den grausamen Verletzern des Völkerrechtes Vergeltung üben, ob es blutdürstige Ostasiaten oder entmenschte Europäer sind, das verlangt die Stimme der Vernunft für die heimatslosen, entrechteten rumänischen Juden. Doch wie werden die armen rumänischen Juden geschützt? Statt Völkerrecht, statt menschwürdiges Dasein, gewährt man ihnen — Almosen. Was thut die Tagesvresse, vie Cultnrkämpferin, die große, breite Oeffenllichkeit für die Inden in

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