Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 26 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Hesterr.-ungar. Kantoren-Aeitung. Nr. 26. Beilage zur Zeitschrift „Pie Wahrheit." 20. Ilchrg. Zur Organisationsfrage. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz. (Fortsetzung.) So ist es um den üblichen Lehrgang bestellt, Sänger zu bilden und Zukunftscantoren. Er entspricht zumeist dem marktgängigen Werthe jener Dutzendgenossen neuen und neuesten Zuschnittes, die im Punkte des Amtsehrgeizes und der persönlichen Werthschätzung keine größeren Ansprüche erheben als jene sind, die ihnen im reichen Maße zu Theil werden. Er ist, vergleichsweise gesagt, nicht schlechter und nicht besser als jenes Ergebnis, mit dem man Aspiranten für irgend ein Stndien- oder Handwerksfach schon nach wenigen Lehrwochen reif erklärt, selbstständig des Dienstes zu walten in einem ihnen zugewiesenen Thätigkeitskreis. Lässt man alle cantoralen Nebeufunctionen außer Betracht und zieht dabei nur das Eine ins Calcül, dass Singen und Dichten zu jener Kunstgattung zählen, deren äußeres Gefüge den allgemeinen Bau- und Gliederungsgesetzen unterliegt, dass sie von Innen he.aus und im innersten Wesen ein gut Theil von jenem Denk- und Empfindungsvermögen bloslegen, von welchen Sänger und Dichter beherrscht werden, so es Einer unternimmt, einem von Fall zu Fall gleichsam von selbst sich einstellenden Stimmungsbilde in Ton und Wort Ausdruck zu leihen; bedenkt man überdies den weiteren Umstand, dass nur Derjenige was Ersprießliches zu Stande bringt, dem alle grundlegenden Satzungen der Melodie und Motivenbildnng, beziehungsweise alle metrischen Bewegnugsgesetze des feinpoetischen Versmaßes gegenwärtig sind, so wird mau es leicht begreifen, wie dürftig und flüchtig jene Sangesbrüder vorbereitet werden, die berufen sind, dereinst Cantorendienst zu leisten, Vorbeter zu sein, denen es obliegt, eine Andacht heischende Gemeinde ans der Jrrnis und Wirrnis des sorgenschweren Alltagsgetriebes in die sorgenscheuchende Idealwelt des Sanges und Klanges, des Bittens und Beiens mit sich fortzureißen. Wohl ist des Cantors Gesangskunst nicht der Angelpunkt, um den sich ausschließlich Alles dreht. Zu ihr gehört auch Textverständnis und die textlich richtige Hervorhebung dieses oder jenes Betgedankens. Erst beide zusammengenommeu, getragen von jener menschlich innigen Gefühlsäußerung, die vom Herzen zum Herzen sich fortpflanzt, begleitet von einem schmiegsamen und ausdrucksfähigen Organ, dann erst und nur dann vermögen wir es, auf den Schwingen der Andacht ein andächtig Volk um uns zu scharen, dass still lauschend seine stumme Bewunderung uns zollt. Wer heute betet wie gestern und morgen wie heute, nach genau vorgezeichn.eten, mit des Schweißes Mühen schwer erbüffelter und darum nicht abbringbarer Sangesart, der darf sich nicht wundern, wenn die frommsten und zähesten Stammbesucher des Gotteshauses nach und nach mit dem Einwand ausbleiben, dass sie Alles, was der Cantor ihnen zu singen und vorzusagen habe, auswendig kennen und bis zum Ueberdruß satt haben. Hievon ist als Ausnahme nur das Bleibende zu abstrahiren, wozu wir in oberster Reihe den Traditionsgesang zählen, dessen ständige Wiederkehr kaum Jemand misten möchte, der da weiß, dass wir den Atavismus just in der Synagoge als eisernen Bestand der altjüdischen Liturgie lieben. Viel Gutes hat das zu Grabe getragene Saculum dem Judenthum gebracht. Das dürfen wir trotz aller Rückschläge und dem scheinbaren Wiedererwachen der schwarzen Reaction bei uns und rund herum am ganzen Occident nicht läugnen. Indes, während anders Völker und Stämme, groß geworden und erstarkt in der sonnigen Luft der Freiheit und des Selbstbestimmungs-! rechtes, achtungswerthe Anstrengungen machen, sich selbst lvieder zu erkennen und die Rechte Anderer aus purer Nächstenliebe abzuerkennen, geht das der intellectnellen Geistesrichtnng vorwiegend huldigende Judenthum daran, sich fort und fort zu reformiren, um bei dieser stetigen Umbildung seiner eigenen Volks- und Glaubenstradition unheilbare Wunden zu schlagen. Der Analphabeth der Ghettozeit, die sogenannten ame ha-arazim von Einst, die kol von bol und dorom von rodom nicht zu unterscheiden wussten, die ergötzlichen Kreuzelschreiber, die in höchst naiver Weise ihr ganzes Soll und Haben auf irgend einer verborgenen Wandfläche in Strichen und Nullen gekritzelt hatten, wussten im Tempel, im Gebetbuche, im Ceremonial und im jüdischen Gesetzesbrauch besser Bescheid, denn mancher gabai chedesch und Kehille-jarden der allgelobten Jetztzeit. Er kannte es vom Sehen, vom Hören, vom Neben, er hat miterlebt, m'tgeübt, mitempfunden, im Elternhanie, bei Verwandten, im bescheidenen Umkreis anspruchloser Nebenbrüder — überall, wohin die Füße ihn trugen, Leute zu sehen, b’ne tora oder auch seinesgleichen, war er Mensch unter Menschen, Freund unter Freunden, lernte er des jüdisch Lernenswerthen genug, ohne es theoretisch zu kennen. Die Neuschule mit ihrem sechsstündigen Tagesunterricht hat hierin Wandel geschaffen, gründlichen Wandel. Man weiß beileibe nicht, wie einem der Kopf steht, was im Hirne dauernd einzunisten und was, wie durch ein grobdurchlochtes Sieb, durch - sickern zu lassen. Und die Wahl fällt nicht schwer. Man behält für des Lebens Lebenswerth, was Brot und Ehren verspricht, und setzt dem Seelenheil das Zeitliche voran. ,,Dass mein Sohn ein Rabbi werde, dass wünsche ich nicht. Wenn die Noth ihn drückt, möge er das Beten lernen und was sonst dazu gehört. Bis dahin bin ich mit dem zufrieden, was er in zwei Religionsstunden wöchentlich sich davon aneignet." So der Tenor all dev Väter, die da meinen, ihren Söhnen und Töchtern die bestmögliche Erziehung angedeihen zu lassen, und nur im Punkte der Religion nicht den Muth haben, ihnen mit guten Beispiele voranzuleuchten. Ist es da verwunderlich, wenn Intelligenzen des Nähr¬ und Wehrstandes, Handelsbeflistene und Kaufherren, graduirte Männer mit akademischen Wahrzeichen, denen nach altjüdischer Gesetzesvorfchrist der Noronn-Titel gebührt, rathlos im Siddur umherblättern, nach der Stelle suchend, ans welcher der Vorbeter soeben vorträgt lind welche Gemeinde und Cantor wechselweise respondiren? Ist es verwunderlich, frage ich, wenn man sieht, dass sie ganz und gar nicht wissen, ob und warum man bei modim und korim sich verbeugt, bei kodosch und boruch sich vom Sitze erhebt und von Lorobu bis nach Keduscha kein profanes Wort, ja rein nichts reden darf? Ach, wie schwer, j wie unsäglich mühevoll denkt sich die jüngste Generation des! achtjährigen Schulzwanges das Geläufiglesen der heiligen, hebräj ischen Betsprache, den Grund und Kern der jüdisch-religiösen Glaubenslehre, das Betceremonium und die licht- und die leuchtvollen Väterbräuche des altjüdischen Symbolismus, die Millionen vor uns ohne viel Federlesens sich angeeignet und die heute Hunderttausende bei uns zu kennen uub werkchätig anszuüben, nicht für nothwendig finden. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie«. Freitag, den r. d. M., jährte sich zum ersten Male der Sterbetag des ObercantorS der Wiener Cultusgemeinde, Josef Goldstern, aus welchem Anlasse die Kinder, Frau und ein Bruder des Verblichenerr