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Die Wahrheit · 1900-07-20 · Heft 26 (20.7.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 26 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36. Die Wahrheit. Seite 9. sich am Grabe einfanden und die üblichen Gebete verrichteten. Auffallend ist es, dass das Grab bisher noch nicht mit einem Gedenksteine geziert ist. Wien. Sonntag, den 15. d. M., Vormittags, fand am Centralfriedhofe die Beerdigung des am 12. d. in Baden verstorbenen Publicisten und langjährigen RedacteurS der „Neuen Freien Preffe" Josef Oppenh e i m unter außergewöhnlich großer Betheiligung statt. Nebst den! engeren Redactionscollegen waren die Vertreter der hervorragendsten! inländischen und ausländischen Blätter, die Vorstände des Journalisten! und Schriftsteller-Vereines „Concordia" und anderer Fachverbände,! zahlreiche Gelehrte, Schriftsteller. Künstler und Vertreter aus allen! .Kreisen der Wiener Gesellschaft erschienen. Um 11 Uhr trug man den j Sarg in die Ceremonienhalle und stellte ihn auf die Estrade. Obercamor! --Singer, vom Chorpersonale begleitet, brachte die Trauergesänge zum Vor-! trage; dann gab Oberrabbiner Dr. Güdemann einen Rückblick auf den! -Lebenslauf des Entschlafenen. Der Verstorbene hat, sagte der Redner, j über Menschen stets in der liebenswürdigsten und humorvollsten W»ise -geurtheilt. Er lernte die Schwächen und Eitelkeiten der Menschen kennen und dennoch bewahrte er sich immer ein wohlwollendes und menschenfreundliches Grmüth. Das war ein Verdienst, welches hoch anzurechnen ist. Er ist immer bescheiden geblieben und war ein Mann vom lautersten! -Charakter. Namens der Redactionscollegen nahm drr Chef-Redacteur | Moriz Benedikt mit bewegten Worten Abschied von dem langjährigen j Mitarbeiter und Freunde, der als echter Journalist gestorben ist, deffen j Tagesarbeit erst endet, wenn die ewige Nacht herankommt. Hierauf I Hielt der Vizepräsident der „Concordia" Hermann Bahr einen tief i -empfundenen Nachruf. I Zlrag. Herr Phil.-Canv. Max Hoch aus Stecken, Rabbiner in Patzau, wurde am 11. d. an der hiesigen Carl Ferdinands-Universität zum Doctor der Philosophie promovirt. — Kürzlich starb hier das verdienstvolle Vorstandsmitglied der! isr. Beerdigungsbrüderschaft S ch n ü r d r e h e r. Die Beerdigung fand! unter großer Theilnahme auf dem hiesigen Friedhofe zu Straschnitz statt.! Äm 11. d. fand auf demselben Friedhofe das Begräbnis des Herrn! Leopold Sommer, Chefs der Firma Joh. Broda & Comp., statt. Er! war Vorstandsmitglied des Vereines für geregelten Gottesdienst der I Israeliten, Mitglied vieler humanitärer Vereine und erfreute sich hohen i Ansehens. — Der Obercantor der Smichower isr. Cultusgemeinde, Herr S. I a k o b o w i tz, hat seinen Posten verlasien und dürfte die Gemeinde Halb einen Concurs um Besetzung dieser Stelle ausschreiben. Als Rabbiner wurde Dr. Herzog. Rabbiner in Ungarisch-Ostrau, gewählt. Hepkih. Herr Eugen D a w i s o n, Obercantor in Teplitz, hat i ein breiartiges musikalisches Lustspiel „Der Müffiggänger", zu dem er sowohl den Text, wie auch die Musik verfasst hat. Das Werk soll in der kommenden Wintersaison an einer deutschen Bühne zur Aufführung gelangen.! Warienöad, S. Juli. Letzten Samstag Abends fand in dem Saale I ves Hotel „Waklhala" (Besitzer Herr Löwenthal) ein Vortrag des persischen j Arztes Abdullah Khessr in hebräischer Sprache statt. Die Uebertragnng! desselben beziehungsweise die Erläuterung führte Herr Prediger Grün! aus Wien in gediegener Weise durch. Die beiden Herren propagieren j den universellen Friedensbund, welcher von seinen Mitgliedern drei; Grundprincipien: Monotheismus, Moral und Menschenliebe fordert. Ein zahlreiches interconfessionelles Auditorium wohnte den interessanten philosophischen, religiösen und socialethischen Ausführungen bis zum Schluffe bei. u. A. Geheimrath Dr. Freund aus Breslau, die meisten! hiesige Aerzte und sonstigen Honorationen, wie Bürgermeister Dr. Nadler,! die Stadthräthe Dr. Dietl, Brenn und Hammerschmied, sowie Stadtverj ordneter Baruch rc. Srzivram. „Andre Redaction der „Wahrheit" Wien. Hochgeehrter Herr Redakteur! Ich ersuche höflichst um Ausnahme nachstehender Zeilen: Die letzte Nummer des hier erscheinenden Blattes „Horymir“ beschäftigt sich mit einer jüngst in Dobrisch gehaltenen Trauerrede unseres Rabbiners Herrn Dr. Link. Dieselbe wurde nämlich in einem klassischen Böhmisch gesprochen, wofür ihm die vollste Anerkennung ausgedrückt wurde. Wir böhmischen Juden, die in Herrn Dr. Link nicht nur einen tüchtigen Talmud-und Midraschkenner.sondern auch einen moderngebildeten Rabbiner verehren, glauben keine Fehlbitte zu thun, wenn wir auch auf diesem Wege ihn bitten, seine so schönen Chewra Kadischa-Reden auch ab und zu in böhmischer Sprache abzuhalten. Im Namen vieler Böhmischnationaler"' M. K. Der 1lil)ilift. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Bon Moritz Scherbe». «Nachdruck verboten.) <35. Fortsetzung.) Auch Hulda musste vor der kirchlichen Trauung das Christenthum annehmen, und das kostete sie nicht viel Ueberwindung. Deborah blieb von dieser Zeit ab dem Hause Wandelowicz fern. Aber Esther ging zu ihr, ebenso sehr aus eigenem Bedürfnis, als weil sie der alten Frau entgegenkommen wollte, die. wie sie wusste, sich nach ihr sehnte. Durch Esther erfuhr Deborah zu ihrer frohen Genugthuung, dass e» Alexander gut gehe, niemals aber fragte sie nach den Neuvermählten. Deborah hatte von den angedrohten Mitteln, mit welchen sie die in ihren Augen abscheuliche Verbindung verhindern wollte, nur die Entziehung der 5060 Rubel zur Ausführung gebracht. Aber die Veröffentlichung des in ihren Händen befindlichen. Gebhard Wandelowicz so sehr compromitirenden Documentes unterließ sie, trotzdem sie damit gedroht hatte. Tie brave Frau hätte es niemals vermocht, über einen fremden Menschen Schmach und Schande ju bringen, viel weniger erst über den Gatten ihres Esterchen. Das wusste vielleicht auch Wandelowicz und handelte demgemäß. Er hatte Alles daran gesetzt, ohne Deborah dem jungen Paare eine glänzende Einrichtung Herstellen und dasselbe für die erste Zeit auch pecuniär unterstützen zu können. 10. A u ch eine Heirat. Seit der Abreise Hulda's von Warschau war rin förmlicher Bruch zwischen den beiden Familien Wandelowicz eingetreten. Wir kennen die Veranlaffung dazu, wir wissen, dass Erich Groß durch seine, von ihm durchaus uicht geheim gehaltene Neigung für Hulda einen Lieblingsplan derjenigen seiner Verwandten vernichtete, von welchen er bis jetzt so wirksam bei seinem Studium unterstützt worden war. Der junge Mann mochte wohl dabei geahnt haben, worauf seine Wohlthäker hinzielten. In ihm selbst war sogar das Bewusstsein und die Erkenntnis vorhanden, dass schon die Dankbarkeit von seiner Seite es fordere, den diesbezüglichen Wünschen der Verwandten entgegenzukommen, wenn auch Frieda nicht das Ideal war, daS ihm vorschwebte. Er hätte sich wohl darauf hin und im Hinblick auf den Reichthum und die Stellung des Onkel Felix zu einer Verbindung mit Frieda entschließen können — da kam aber Hulda ins Haus. Sie sehen und für sie in Liebe erglühen, war das Werk von nur einigen Stunden. Er wusste bereits, dass er auf eine Erwiderung seiner Gefühle bei ihr rechnen könne, obgleich eS zu einer Erklärung zwischen Beiden noch nicht gekommen war. Er konnte nunmehr eine längere Trennung von dem Gegenstände seiner glühenden Leidenschaft nicht ertragen, und wir finden ihn daher schon nach einiger Zeit in dem Hause von Gebhard Wandelowicz. In der Familie seines Bruders in Warschau war man dieser Handlungsweise Erichs mit eifersüchtigen Blicken gefolgt, und wenn auch der Herr des Hauses weniger darauf achtete, so thaten es seine Gattin und Tochter umsomehr. Es waren zuerst kleinliche Züge der Rache, die es den Studenten entgelten ließen, dass er der Neigung seines Herzens folgend, sich auf die andere Seite geschlagen und das Haus, in welchem er bis jetzt so viel Wohlwollen und Liebe gefunden, abseits liegen ließ. Der monatliche Zuschuss, den er bisher von Onkel Felix erhalten, verminderte sich bereits um ein Wesentliches, und zum ersten Mal seit Jahren vergaß man diesmal den Geburtstag Erich's. In dieser Zeit der Aufregung und des Aergers geschah es, dass der Polizeiinspector Rutowski viel öfter als früher das Haus von Felix Wandelowicz besuchte. Nachdem er die 300 Rubel, die ihm außer der Erlaffung der Schuld bei Wandelowicz für die unterlaffene Reise nach Mitau gezahlt wurden, in die Tasche gesteckt hatte, fand er es angezeigt, seinen Beziehungen zu der jüdischen Familie die größtmöglichste Wärme zu geben; denn neben der systematischen Ausbeutung eines ihm neu eröffneren Credits verfolgte er noch einen anderen Plan. Rutowski hatte einen Sohn, der in Wilna als Officier bei einem Cavallerie-Regimente stand. Derselbe besaß neben den sonstigen vorzüglichen Eigenschasten, die bei jedem russischen Officiere anzutreffen sind, auch die, dass er viel Geld brauchte was offenbar der Caffe seines Vaters, die ohnehin an chronischer Schwäche litt, Gewalt anthun musste. (Fortsetzung folgt.)

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