Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 26 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063039--00883-3067425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 26. And doch gelang es diesem Häuflein, die Fahne Israels hochzutragen und bis auf unsere Tage unversehrt zu erhalten. Das Gesetz schützt die Religionen als solche, ohne Rücksicht auf die Anschauungen der einzelnen Bekenner. Die Regierungen mögen schließlich den wichtigen Umstand in Betracht ziehen, dass die Religion im allgemeinen und die jüdische insbesondere die beste Bürgschaft leistet für Anhänglichkeit der Bürger an Kaiser und Gesetz. Mau möge die Annalen der Umsturzjahre durchblättern und die Juden, die sich an verschiedenen Complotten und Aufwiegelungen berheiligt haben, auf ihre Religiosität hin prüfen und man wird staunen, wie die brüske Abwendung von der Religion mit der Auflehnung gegen alles Bestehende zusammenfälltl Allein bei all ihrer Nützlichkeit und Ersprießlichkeit ist die Durchführung dieser Maßregel kaum zu erwarten. Man entschließt sich gegenwärtig zu neuen Verordnungen nur nach vorhergegangenen harten Kämpfen und brtugeiibeit mit Drohungen durchwürzten Forderungen starker Volksparteien. Und derartige Gesetze zu fordern, sind unsere aufgeklärten Brüder gar nicht aufgelegt. Es erübrigt demzufolge nur ein einziger aber gewiss zum Ziele führender Weg: die Gründung speziell jüdischer Volks- und Mittelschulen mit Oeffentlichkeitsrecht, in denen Hebräisch und jüdische Geschichte zu den obligatorischen Gegenständen gehören und die Zöglinge an jüdischen Feiertagen von geeigneten Lehrkräften über Wesen und Bedeutung der betreffenden Feiertage belehrt werden. Es ist dies gewiss keine leichte Aufgabe, aber bei entsvrechender Agitation ließe sich der Gedanke allmählig realisieren. Die Mittel wären leicht aufzutreiben. Jeder Jude, mag er zu den extremsten Freigeistern gehören, wird eine jüdische Anstalt mit gleichem Oeffentlichkeitsrechte einer allgemeinen vorzieheu und gern das zwei- und dreifache an Lehrgeld zahlen. Auch würde es an Spenden seitens hochherziger jüdischer Wohlthäter nicht fehlen, denn die segensreichen Folgen solcher Lehranstalten müssen jedem einleuchten, der Herz und Sinn für das unverfälschte Zudenthum hat. Kurz, der Gedanke ist realisierbar, nur fehlt die Initiative. Sara« Hirsch-Stiftung für Gatyien. In zwei stattlichen Bänden liegt vor uns der Bericht des Curatoriums über seine Thätigkeit im Schuljahre 1898/99 auf dem Gebiete des Schulwesens und des Handwerkes in Galizien und der Bukowina, sowie über die von der Frau Baronin Clara von Hirsch-Gereuth ins Leben gerufene „Baronin Clara von Hirsch-Kaiser-Jubiläums-Stiftung" zur Unterstützung von Knaben und Mädchen in Oesterreich. 9380 Schüler genossen nach dem Berichte in diesem Schuljahre den Volksschulunterricht in sämmtlichen 50 Tagesschulen, was einen Zuwachs von 2081 Schülern gegen das Vorjahr, in welchem die Stiftungsschulen voit 7299 Kindern besucht wurden, bedeutet. Die 33 Abendcurse waren zusammen von 1870 Schülern besucht. Somit ergiebt sich eine Gesammtfrequen; von 11250 Schülern. An sämmtlichen Stiftungsschulen wirkten 230 Lehrer. Die Stiftung war dank der Munificenz der seligen Frau Baronin von Hirsch, welche einen großen Theil der zu Schulbauten erforderlichen Mittel gespendet, zu Ende des abgelaufenen Schuljahres im Besitze von 25 für Schulzwecke vollständig eingerichteten Schulhäusern. Sechs weitere Häuser, dereu Ban, respective Adaptirungen im Zuge sind, werden mit Beginn des Schuljahres 1900/1901 geöffnet werden. Somit wird die Stiftung im Schuljahre 1900/1901 einunddreißig eigene Schnlhauser zählen. Ab und zu beginnen auch Schüler christlicher Confeffion die Stiftungsschule zu besuchen. Im abgelaufenen Schuljahre betrug die Zahl dieser Schüler 93. An jenen Stiftungsschulen, welche von einer entsprechenden Zahl christlicher Schüler besucht werden, wird auch ein Katechet für den Religionsunterricht aus Stiftungsmitteln beigestellt. Nachdem zu Beginn des Schuljahres 1899/1900 drei weitere Sliftungsschuleu und zwar die von Sassow, Gwozdziec und Stanislau das Oeffentlichkeitsrecht erhalten haben, besitzen dieses Recht nunmehr acht Stiftungsschulen. Die Stiftungsschulen wurden im Laufe des Schuljahres wiederholt von den k. k. Bezirksschnlinspectoren — einzelne nnch von den k. k. Landesschulinspectoren — sowie von den Jnspectionsorganen der Stiftung visitirt, und lauten die bezüglichen Berichte durchwegs recht befriedigend. Das Curatorium beklagt den Verlust seines Schulreferenten, Herrn Nechemias Landes, welcher im Februar 1899 nach kurzem Leiden verschied. Herr Landes bekleidete das Amt eines Schnlreferenten der Stiftung vom' 1. Juni 1893 bis zu seinem Lebensende, also nahezu 6 Jahre. Die Verdienste dieses Pädagogen werden unvergessen bleiben. Nach Schluss des 1. Semesters wurde vom Verbände der Stiftungslehrer ein Lehrertag nachs Kolomea einbernfen, welcher dem Curatorium nachher genehmigte Anträge betreffend Verbesserungen in dem Lehrplane stellte. Wie in den Vorjahren wurden auch im abgelaufenen Schuljahre eine bedeutende Anzahl von Absolventen der Stiftungsschulen bei Handwerkern untergebracht. Die Kosten für einen Theil derselben wurden, da die Stiftungsmittel erschöpft waren, von der Frau Baronin v. Hirsch bestritten. Der Stand der Handwerkslehrlinge stellt sich folgendermaßen: Nach Schluss des Schuljahres 1897/98 verbleiben in deu Lehre 529. Im Laufe des Schuljahres wurden 80 freigesprochen.' Nachdem ferner 56 Knaben, von denen 27 in Wien untergebracht waren, die Lehre verlassen haben, verblieben bei Meistern 397! Im Schuljahre 1898/99 wurden bei Handwerkern 329 unter i gebracht, somit betrug der Stand der Lehrlinge mit Ende des Schuljahres 1898/99 726, also um 197 mehr als im ver^ gangenen Jahre. Ferner wurden an 20 Zöglinge des Brodyei Waisenhauses behufs Zuführung derselben zum Handwerke und an 84 Handwerkslehrlinge in der Bukowina Stipendien gewährt, In der Schlosserwerkstätte zu Rzeßow waren im abgelaufenen Schuljahre 21 Knaben placirt, so dass inclusive der freiaesprochenen Knaben die Gesammtzahl der im Laufe de-: Schuljahres 1898/99 subventionirteu Handwerkslehrlinge 931 betrug. Weiters wurde eine Anzahl fleißiger Gewerbennl Fachschülermit Stipendien bedacht. In der Gärtnereischule zr Ahlem wurden 7 galizischen Absolventen der Stistungsschnler auf Kosten der Jewish Colonisation-Assoeiation untergebracht, Mit hoher Befriedigung bringt das Curatorium zur Kenntnis, dass die Baronin Clara v. Hirsch-Gereuth anlässlicl der Feier des 50jährigen Regierungs-Jubiläums Seiner k. n. k Apostolischen Majestät des Kaisers Franz Josef I., im Anschluss an die Schulstiftung des sel. Baron Moriz v. Hirsch, ein Stiftung zur Unterstützung von Knaben und Mädchen creir und derselben laut Widmungsurkunde dto. Paris, 22. Novembe, 1898 einen Betrag von fl. 1,500.000 ö. W. einheitliche Reut, zugewendet hat. Diese Stiftung führt den Namen: „Baronii Clara von Hirsch Kaiser-Jnbilaums-Stiftnng zur Unterstützung von Knaben und Mädchen in Oesterreich" und steht unter de Verwaltung des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung. Dur<?t diese neue Stiftung wurden zunächst die Auslagen für Bekleiduin. und Beköstigung armer Schulkinder, welche früher die Frau Baronin von Hirsch aus eigenen Mitteln bestritten, zum Theil! fundirt, zu welchem Zwecke 50"/o der nach Abzug der $;ri waltnngsipesen verbleibenden Einkünfte zu verwenden seien Ferner sollen 35^ der Einkünfte dieser Stiftung zur Errichtung von Arbeitsschulen und Gewährung von Stipendien behufs Eriverbsfähigmachung von Mädchen, insbesondere in Galizie is und in der Bukowina verwendet werden. Endlich sind je 7? dieser Einkünfte zur Gewährung von Reisestipendien für Ha: du werksgesellen behufs weiterer Ausbildung im Anslande und vo ir Stipendien für Kinder, welche zur Erlernung eines Handwerker körperlich untauglich sind, behufs Ergreifung eines andere! Bernfszweiges zu verwenden. Im abgelaufenen Schuljahre wurde aus den Mitteldieser neuen Stiftung bereits ein Theil der Kosten der Bekleidung und Beköstigung armer Schulkinder bestritten und wurden di Einleitungen zur Errichtung von 4 Mädcheuarbeitsschnlen: ii