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Die Wahrheit · 1900-07-20 · Heft 26 (20.7.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 26 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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X. lhe Lvahrheü. bette h. 1 ohne Aussicht auf Verheiralhung liub ohue Hoffttuug auf Staats- H oder andere Hilfe angewiesene arbeitende Jüdin, wo sie auch lebt, einzutreten. Ebenso ist es mit dem Beruf der Krankenpflegerinnen.; Auf Anregung der B'nei Brith-Logen und mit Hilfe der humaniären Frauenvereine sind sie ins Dasein getreten. Wohl sind sie noch vereinzelt, wohl sind es erst drei bis vier Städte, die ihnen eine Heimstätte aufgerichtet; aber schon die Altsänge ihrer Wirksamkeit offenbaren einen nnendlichett Segen für die weitesten Kreise. Sie werden, je mehr sich Jüdinnen zu barmherzigen a chwestern ausbilden werden, desto mehr SegensqueUelt für Alle erschließen und der gesammten Judenheit zur Ehre gereichen. Aber welchen Antheil nimmt denn die Gesammtheit der deutschelt grauen aus Israel an den Arbeiten, an der Schnlmtg, Ausbildung und Entwickelung dieser Berufe, an diesen ehrenvollen! Zweigen der Frauenarbeit? In vielen Gegendett weiß matt. I ahnt man nicht einmal, dass es jüdische Krankenpflegerinnen! giebt, und dass sich Damen unseres Bekenntnisses diesem schweren, j edlen Berufe mit Lust und Liebe und seltener Hingebung wid-! men. Würde die Gesammtheil der Frauenwelt ein lebhafteres! Interesse daran nehmen und dieser humanen Frauenarbeit allent- | ' halben ihre Kräfte leihen, es könnte weit mehr nach dieser Richtung hin erzielt werden (Schluss folgt.) Unsere Kuder. (Schluss.) Bon dieser Classe Inden wimmelt es heutzutage an allen j Handelsplätzen und überall wo es „praktische Menschen" gibt, i Für unsere Feinde sind diese Inden echte Semiten und eignen sich vortrefflich als Zielscheibe für ihre Angriffe. Sie bieten nämlich reichlich Stoff, um die gegen uns gemünzten Anschuldigungen zu demonstriren und zu bekräftigen. Ausbeuter, die nur ruf ihren Getvinn bedacht sind, Hohlköpfe, jedes Ideals bar. Egoisten, die ttur an sich und die Ihrigen denken, gemetnschäd- Üche Individuen u. s. w. Für uns hingegen, die wir uns einbilden, etwas mehr als zweifüßige, mit Intellekt begabte Thiere zu sein, und die wir ebensowenig auf unsere glorreiche Vergangenheit Verzicht leisten als die Hoffnung ans eine glücklichere Zukunft aufgeben wollen, für uns sind diese unsere Brüder leere Existenzen, inhaltlose Größen, nutzlose Anhängsel, und wir müssen uns schon beizeiten mit dem Gedanken befreunden, dass diese Sorte Inden es nicht lange mehr in unserer Mitte anshalten wird. Durch keine anderen Bande an das Judenthum geknüpft als durch Geburt, werden sie endlich, des für sie unnützen I.ind zwecklosen Kampfes müde, beti Angriffen der Gegner erliegen! und ans unserer Mitte verschwinden. Diesen Verlust ztt beklagen,! väre indess müßig, denn derartige Söhne gereichen ihrem Volke j keineswegs zum Nutzen. Dagegen würde es sich wohl der Mühe! oerlohnen, den Ursachen nachzuspüren, welche diese überaus beklagenswerthe Erscheinung zutage fördern, den Boden zu entdecken, auf welchem dieses Unkraut gedeiht, und Mittel und Wege j zu suchen, diesem Unheil vorznbeugen.! Der Hauptgrund unseres religiösen Niederganges ist in erster Linie darin zu suchen, dass wir uns in unserem religiösen! Wesen viel zu weit vom realen Leben entfernt und eine tiefe Kluft haben entstehen lassen, die unsere ideale Welt von der realen trennt. Die unmenschlichen Qualen, die wir durch Jahrtausende zu erdulden hatten, haben in uns die Freude am Leben j vergällt und alle unsere Ideale in ein Jenseits verlegt, von! welchem keine Brücke ins Diesseits herüberführt. Während unsere ' Nachbarn die ideale Seite ihrer religiösen Feste, wie Versöhnung, Nächstenliebe u. dergl., äußerst problematisch befolgen, dagegen die reale Seite derselben, Genuss und Freude, mit immer wachsendem Eifer pflegen, habeit wir Juden die schönen Farben von unseren üD* immer mehr verwischen lassen, Sitten und Bräuche, die mit den heiteren Festen verknüpft, die Förderung von Geselligkeit und nationalem Zusammenleben zum Zwecke haben, wie nnawn dw mbinoi nmi’ Sinty rran u. dergl., einfach weggestrichen. Unsere Kinder, die im Golttth geboren und erzogen sind und das brausende Lebensmeer um sich her rauschen und schäumen sehen, sind nutt darauf angewiesen, ihre unschuldigen, aber unentbehrlichen Zerstreuungen bei den Nachbarn zu suchen. Sie tanzen an Weihnachten in nichtjüdischen Kreisen, weil ihnen seitens ihrer eigenen Religion keine Gelegenheit geboten wird, ein jüdisches Fest mit Tanz und Musik zu begehen! Und wenn sich auch die Väter manchmal erlaubett, sich an einein jüdischen Festtage ausztttobeu, so werden die Töchter von diesen Ceremonien ferngehalten. Dagegen ist es unfern Frauen und Töchtern wohl gestattet, an nationalen Trauertagen mitzuweinen und utitzufasten. Dass unsere Töchter von einer derartigen Betheiligung an der Ausübung ihrer Religion nicht besonders erbaut sind und ihre» Müttern und Großmüttern, die sie sonst achten ttttö lieben, auf diesem Wege nicht folgen wollen, ist wohl begreiflich und verzeihlich. Es liegt aber in unserer Macht, diesem Uebel abzuhelfeit. Die Auffrischung all der in Vergessenheit gerathenen Sitten und Bräuche, die bei uns in den Tagen des nationalen Hochstanües mit den religiösen Festlichkeiten unzertrennlich verknüpft waren, würde in die müden Glieder unseres Volksorganismns neues Leben einhanchen und diejenigen verdorrten Pstanzen unseres eigenen Lustgartens erfrischen itub beleben, die, in Ermangelung eigener Säfte, die Wipfel traurig in die attstoßenden Nachbargärten hinüberhängen lassen . . Auch wir haben Feiertage, wo getanzt und gesungen und an denen Kinder beschenkt werdeit sollen, auch bei uns gibt es Feste, wo mäßiger Geitnss und ausgelassene Heiterkeit geradezu Vorschrift ist und als gottgefällig angesehen wird. Den großen jüdischen Gemeinden, ans deren Mitte in vergangenen Zeiten so viele Impulse zur Kräftigung und Veredlung unseres religiösen Organismus ansgegangen sind, würde es geziemen, den ersten Schritt in dieser Richtung zu machen. Rasch und bereitwillig werden andere Gemeinden diesem Beispiele folgen. Unsere Töchter, mögen sie sich inzwischen noch so weit von ihrem religiösen Boden entfernt haben, werden dieses Opfer leichten Herzens bringen. Die Folge dieser scheinbar geringfügigen Neuerung wird sein, dass wir uitserem Volke einen mächtigen Faktor seines culturellen Gedeihens, unseren Kindern ihre natürlichen Erzieherinnen, unseren Brüdern ihre treuen jüdischen Lebensgefährtinnen retten werden. Noch ein zweiter, nicht minder wichtiger Umstand bewirkt, dass unsere Kinder ihrem Glauben entfremdet werden: ihre Erziehung in den allgemeinen Schulen, in deiten sie gezwungen werden, fremde Feiertage mitzufeiern und ihre eigenen ztt vernachlässigen. Wenn auch den jüdischen Schülertt mitunter gestattet wird, an ihren Feiertageit von den Lehranstalten auszubleiben, so ist es eben diese oen jüdischen Schülern gewährte Erlaubnis, gegenüber der den nichtjüdischen Schülern auferlegten Pflicht, was unseren Kittdern die Achtung vor ihrer eigenen Religion benimmt. Das Verbot, die Religion öffentlich zu verletzen, sollte sich auf sämmtliche Staatsbürger erstrecken, welcher Religion immer sie angehören. Die Thatsache, dass die Mehrzahl der jüdischen Eltern ihre Kinder an jüdischen Feiertagen in die Schule schickt, berechtigt noch immer nicht zum Schlttsse, dass die Inden es mit ihrer Religion nicht so streng nehmen. Nicht die Bekenner, sondern das Bekenntnis ist maßgebend. Diejenigen Juden, welche ihre Kinder öffentlich die Religion verletzen lassen, zeugen von Kleinmuth, Selbsterniederung, Kriecherei und Heuchelei. Der steuerzahlende und alle Pflichten als Staatsbürger erfüllende Jude ist es seiner eigenen Ehre und der seiner Familie und seines Volkes schuldig, vor Niemandem den Nacken zu beugen und offen und entschieden seine Gleichberechtigung in jeder Beziehung zu verlangen. Wer sich aber mit der Gleichberechtigung auf materiellem Gebiete begnügt und seine idealen Güter kleinmüthig preisgibl, der ist ein unwürdiger Mensch, der sich selbst und seinem Volke zur Schande gereicht. Solche Individuen — und wäre ihre Anzahl noch so groß — dürfen keinesfalls als Maßstab für das Religionsgesühl der Juden dienen. Zn allen Zeiten waren die Bannerträger des Judenthums eilt eittziges Häuflein Männer, denen eine Unmasse Indifferenter und Gegner gegenüberstaaden. ß - ); B

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