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Die Wahrheit · 1900-07-20 · Heft 26 (20.7.1900) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 26 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 26. Die Wayryen. spruch zu stoßen, dies nicht nur von Wien sondern auch von jeder anderen Großgemeinde ruhig behaupten zu können — andererseits könnte durch den Widerstreit der Meinungen in einer allzngroßen Körperschaft das Endunheil getrübt werden. Wir denken uns das Collegium anß einigen anserlesenell Männern zusammengesetzt, die gewissenhaft und objectiv die ethische Qualificatiou, die wissenschaftliche Capacität und die nötigen persönlichen und repräsentativen Eignungen der Candidaten prüfen und in diesem Sinne das Votum des Vorstandes unterstützen. Es ist gewiss keine leichte Ausgabe, für eine Großgemeinde wie Wien die geeignete Persönlichkeit zu finden, die nach allen Richtungen den höchsten Anforderungen entspricht. Das Ideal wird nie erreicht werden und man wird in dieser oder jen"r Beziehung zu Coueessionen bereit sein müssen, aber da es kein Geheimnis ist. dass der jetzt anzustellende Rabbiner dereinst zu den höchsten Aufgaben berufen sein wird, muß gerade seine Wahl mit der größten Vorsicht und Einsicht eingeleitet und der Maßstab seiner Fähigkeiten so hoch als möglich gestellt werden. Wir wollen keineswegs behaupten, dass rvir der vom Vorstande in Aussicht genommenen Persönlichkeit die nötigen Qnalificationen nicht zumuthen, und beabsichtigen auch nicht, gegen dieselbe aus irgend welchen Gründen Stimmung zu machen. Im Gegenthcile, er mag vielleicht wirklich der rechte Mann sein, aber gerade dann begreifen wir es um so weniger, dass der Vorstand die Ocffemlichkeit meidet, und wir möchten es ihm entschieden uahelegen, den Schleier des Geheimnißes zu lüften. In jedem Falle begrüßen wir es, dass die Angelegenheit nicht, wie geplant war, schon jetzt definitiv entschieden, sondern für den -Herbst vertagt wurde. Vielleicht wird bis dahin der Vorstand zu der Ueberzeugung gelangt sein, dass eine jo hochwichtige Frage nicht blos im Schoße des Vorstandes, sondern statutengemäß nur im Einvernehmen und mit Wissen der Gemeinde eine gedeihliche Lösung finden kann. In der Zwischenzeit wird sich auch für die jüdische Publicistik die günstige Gelegenheit ergeben, die Aufgaben des Rabbiners in einer Großgemeinde, mit besonderer Berücksichtigung der Wiener Verhältniße, in öffentliche Discuffion zu stellen. (Ein Wort jn unserer Fraueilsrage. Von Dr. D. Leimdörfer - Hamburg. Unabhängig von den in letzter Zeit vielfach besprochenen und auf die Israelitinnen angewandten Fragen, die die moderne Frauenbewegung zu lösen sich bestrebt, möchte ich in folgendem eine, vom volkspädagogischen Standpunkt aus betrachtet, höchst wichtige Sache berühren und meinen Glaubensgenoffinnen ans Herz legen. Wer sich ans die Zeichen der Zeit versteht, wird in der modernen Frauenbewegung ohne Zweifel den wirtschaftlichen Faktor als ihren Hebel oder ihre cau8a efficieBs ansehen. Individuelle Lebensinteressen, die Suche nach Brod, die Sorge für eine leidliche Zukunft schufen die Idee der Selbsthilfe und erweckten das Selbstgefühl sowie den Corpsgeist, an den kein Meuschenkreis in seiner Noth vergeblich appellirt. Ob sich die Frauen zu diesem oder jenem Berufe eignen, ob ihnen dem Manne ebenbürtige oder völlig gleiche Kräfte zu Gebote stehen oder nicht, ob sie, die Frau, in der „Gehilfin an seiner Seite" ihr höchstes Lebensziel erblickt, oder ob ihr „des Hauses Gebieterin" zu sein, als eine zu winzige Rolle gilt: das bleibe hier unerörtert. Die Thatsache, dass es viele Berufe giebt, zu denen die Frau bislang wirklich keinen Zutritt hatte, obgleich ihre Kräfte und Fähigkeiten sie fraglos für dieselben prädestinirt hatten; ferner die Thatsache, dass die Ehe viele weder zu Gehilfinnen noch zu Gebieterinnen des Hauses werden ließ'; endlich das Faktum der Entsagung und Borenthaltung mancher Rechte, gegen welche Ehre, Rechtsgefühl und Pflichtbewusstsein der Frau sich nicht ohne Fug auflehuen: diese Thatsacheu lassen sich nicht mit einen Federstriche abthun. Wohlthuend, ja geradezu imponirend wirkt der in die Erscheinung tretende Arbeitstrieb des modernen Weibes, und wenn nichts weiter als dieser Thatendurst. dieser — mau möchte fast sagen — männliche Drang nach Thätigkeit nnd redlichem Erwerb in einer Zeit, da Maschinen zahllose Menschenkrätte überflüssig machen, und andererseits, wo mit dem Kamp'e ums Dasein die'gesteigerte Genußsucht überhandnimmt, die einzige sichtbare Frucht der Frauenbewegung wäre, sie hätte wahrlich bei der Kürze ihrer Existenz Rühmliches geleistet. Aber nicht blos abstrakte Werte von weittragender volkspädagogischer Bedeutung, auch wirkliche Schöpfungen zur Beseitigung vielfachen Menschenelends verdanken ihr ihr Dasein. Mit ihren in die Augen springenden Segnungen haben sie der Hoffnung Nahrung gegeben, dass die Frau, um mit der Verfasserin der „Memoiren einer Jdealistin" zu reden, aufhören wird, ein Götzenbild, eine Puppe oder eine Sklavin zn sein, dass sie als ein bewusstes nnd freies Wesen im Verein mit dem Manne an der Vervollkommnung des Lebens in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat, in Wissenschaften und Künsten — kurz an der Verwirklichung des Ideals im Lebeit der Menschheit arbeiten wird. Allein alles, was diese Bewegung zu Tage gefördert bat und was sie in Zukunft bewerkstelligen wird, ist einem gewaltigen Umstande zuzuschreiben, nämlich dem Zuge der Einzelnen zur Gesammtheit, der Verbindung aller Sonderbestrebnngen und Sonderkräfte zu einem großen Ganzen, zu einer wohlorganisirten Einheit, mit einem Worte der Centralisation. Diese Einheit, die alles Besondere in das große.Allgemeine leitet, dünkt mir, ist ihr größter Segen. Denn sie bewahrt vor Zersplitterung und Schwächen der Zerklüftung durch Sonderinteressen; sie lässt bei der Vielheit der Arbeiten und Ziele den Gemeingeist als belebende Centralkraft walten, von dem der Unternehmungsgeist imb der Schaffensdrang sich viel reichere Unterstützung und Förderung versprechen dürfen, als wenn sie der Gesammtheit entbehrten. Die Centralisation macht die Individualitäten;u:n Gemeingut Aller, und das gefesselte Interesse der Gesammtheit ist die mächtigste Stütze für die Wirksamkeit eines gedeihlichen Jndividualschaffens. Auch die jüdischen Frauen, von denen etliche, mit hoher Intelligenz nnd Begeisterung für die hohen Ziele der allgemeinen Frauenbewegung reich ausgestattet, zum Theil an der Spitze und in der Centralleitung segensreich thätig sind, so ten nun daran denken, dass alle in der neuesten Zeit zur Erleichterung und zum besseren Fortkommen der israelitischen Töchter und Frauen geschaffenen Veranstaltungen dieser Centralisation meist entbehren und damit der starken Führerhand der Gesammtheit, die zu ihrer Erhaltung nnd Erweiterung unerlässlich ist. Wie sind in neuester Zeit z. B. die Haushaltungsschulen zur Heranbildung jüdischer Dienstmädchen, Köchinnen, Wäscherinnen u. s. w. entstanden? Einzelne Damen, Wohlthäter oder Mäcene in eitrigen Großstädten haben — vielleicht mit Opfern an Zeit, Kraft und Geld sie gegründet. Es waren Einzelbestrebungen humanster Art, die aber nicht nur den bedürftigen, auf ihrer Hände Arbeit angewiesenen Mädchen die Aussicht auf Brod, Auskommen und eirre Zukunft erschließen, sonderir auch der Gesammtheit nothwendige und nützliche Hilfskräfte für den Haushalt zuführen sollten. Ein in Hamburg ausgebiloetes jüdisches Dienstmädchen erweist sich alsbald als eine würdige Dienerin und brauchbare Stütze eines Berliner o^er Frankfurter Hauses*). Die Einzelnen arbeiten sonach für die Gesammtheit. Mithin erwächst der Gesammtheit gewissermaßen die Verpflichtung, über alles Lokale und Temporäre hinwegzusehen und Bestreb.nngeir und Institute zum Wohle der Allgemeinheit allüberall, wo sie anstauchen, zu unterstützen. Abgesehen von den Vortheilen, die sich für die Gesammtheit daran knüpfen, ist es schon ein innerer Zwang, eine moralische Nothigung für die jüdische Frauenseele, mit einer tieferen und wärmeren Empfindung für die auf sich selbst, meist *) Der Verfasser bezieht sich wohl zunächst auf die Verhältnisse in Deutschland, sie sind jedoch ganz dieselben wie in Oesterreich-Ungarn.

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