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Die Wahrheit · 1900-07-13 · Heft 25 (13.7.1900) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 25 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 25. Die Wahryen. Ich lege Nachdruck auf das Wort: „bei i h r e u Lebzeiten", denn diese Generation Millionäre kennt und liebt das Judenthum vom Elternhause und hat sich trotz der Assimilation doch noch ein Plätzchen im guten jüdischen Herzen aufdew ahrt, wo nur reines, angewandtes Judentum zur Sprache kommt. Die nächste Generation aber, die im assimilatorischem Schlamme aufgeschossen ist, gleicht der bekannten. Sumpfbinse, die ausgewachsen aus ihrem jungen saftigen Grün, zu einem hohlen fast- und kraftlosen Rohre emporwuchert, gut genug, um den Leidenschaften zu fröhnen, die Millionen im Quadrifolium Wein, Weib, Gesang und Spiel auszuleben und in Weihwasser und Jsob uuterzugehen. An unsere jetzigen Millionäre und diejenigen, die aus dem besten Wege sind, Millionäre zu werden, geht der Appell. Ihr Millionäre der assimilatorischen Intelligenz vereinigt Euch zu Großthaten, denn diese werden Euch Unsterblichkeit bringen wahrend mancher Leibessproß Euch Kummer und Verdruß, Verderben und Verdammnis eintragen kann. Der Unparteilichkeit halber müssen wir noch des auffallendsten Umstandes erwähnen, dass von conservativer Seite nichts pro bono publico geschieht, vielleicht deshalb, weil die Edelsten unter ihnen nicht mehr am Leben sind. (Fortsetzung folgt.) Unsere Linder'). Von A. Mirsky. Eine alte Frage, die immer neu bleibt, ist die Erziehungsfrage. Die besten Köpfe haben sich an der Lösung dieser Frage abgemüht, und noch immer ist es nicht gelungen, ein einheitliches System zu schaffen, wonach die gesammte Menschheit, ohne Rücksicht auf Nationalität, Religion, Staatsform, erzogen werden sollte, gesund an Körper und Geist, frei von Vorurtheilen und wellschmerzlichem Grübeln, lebensfroh und genügsam zugleich, nützlich sich selbst und den Mitmenschen. Die praktischen Amerikaner, die uns Europäern in so Manchem ^uvorgekommen sind, haben auch hier sofort eingesehen, dass alle diese Versuche, ein Weltsystem für das Erziehungswesen zu schaffen, zu jenen Utopien gehören, die sich so schön malen und so schlecht verwirklichen lassen. Sie thaten nun, lvas jeder Vernünftige in solchen Fällen zu thuu pflegt: sie verzichteten auf das Viele, um das Wellige zu retten. Die Ideale, die wir so gern unseren Kindern überliefern möchten, um all die geistigen Schätze, die auf uns von vergangenen Geschlechtern überkommen sind, zu erhalten und zu pflegen, dies alles ließen die klugen Iaukees außer Spiel als „sehr schön, aber nicht praktisch". Das heutige Erziehuugswesen des Amerikaners besteht einzig und allein in dem Bestreben, den neuen Weltbürger, so gut es geht, zu „acclimatisieren", ihn an die bestehende Weltordnung, ob gut oder schlecht, auzupassen, an den Umgang mit Menschen, wie sie eben der gute Gott geschaffen hat, zu gewöhnen, gegen alles Unheil, ohne zu fragen, woher es kommt, abzuhärten, — init einem Worte, das Leben so zu nehmen, wie es ist, und sich die Kunst auzueigncn, mitzuleben und mitzuwirken, wie eben Zeit, Ort und Uv stünde es erheischen. Zu diesem Zwecke wird der neue junge Weltbürger, kalim den Kinderschuhen entwachsen, in die weite Welt geschickt, um die Lebenskunst zu lernen und sich mit den nöthigen Mitteln zum bevorstehenden Existenzkämpfe zu versehen. Alles Uebrige wird ihm selbst überlassen: die Art selig zu werden, hat er sich selbst zu wählen. Es gehört bekanntlich zu den alltäglichen Erscheinungen in Amerika, bei einem Familienfeste sämmtliche Mitglieder versammelt zu sehen, von denen jedes einer anderen Coufeffion, einer anderen politischen Parteirichtung, einer anderen Weltanschauung huldigt. Völlig glcichgiltig und unbefangen überschaut das glückliche Familienoberhaupt diese babylonische, verschiedenen Welten angehörende Schaar und ^er obige Artikel wurde uns schon vor längerer Zeit zur yung eingesendet, wir haben ihn aber gerade für den Beginn «erien, wo der Erziehungsfrage ein größeres Augenmerk zugeird, reservirt. freut sich uuverhohlen, den alleinigen Zweck, den es durch Aufgebot so vieler.Mittes augestrebt hat, in so befriedigender Weise erreicht zu haben? Jedes Familienmitglied hat seinen Beruf, ist ein gemachter Manu, ein made man, der unerschrockenen Blickes in die Zukunft 'chaueu kann. Das ist die Hauptsache; für alles Uebrige soll der liebe Gott sorgen. Diesem System wird in den letzten Deceunien in manchen europäischen Großstaaten gehuldigt, besonders in Frankreich, wiewohl mit gewissen Eiuschräukungeu. Hier und da wird in Frankreich dem ahnungslosen Kinde etwas von nationalem Stolze, von der Priorität der Franzosen unter den civilisierten Völkern und dergleichen zugeflüstert, bisweilen auch der Weg nach Rom gezeigt, allein das geschieht nur im Vorübergehen, nebenbei; das Hauptgewicht wird auf die Erziehung nach amerikauischer Methode gelegt, dem Zöglinge die Möglichkeit und das Verständnis beizubringen, sich mit eigenen Händen seine Existenz zu gründen, sich womöglich zum Tageshelden cunzuschwingen und den Freudenkelch des Lebens in vollen Zügen zu leeren. Und dann — apres nous le deluge! Mit den farbigen Fräcken, geflügelten Damenhüten und sonstigen fecessionistischen Neuigkeiten macht auch die neue Erziehungsmethode von Paris aus die Runde um die Welt. Man acceptiert sie überall, ohne sich in eine nähere Prüfung einzulassen; es genügt, aus Paris zu stammen, um das Welt« bürgerrecht zu genießen. Man fragt ebensolvenig nach Gründen, nach Rechtfertigung dieser neugebackenen Methode, wie die gnädige Frau X darauf achtet, dass sie der geflügelte Pariser- Hut um zehn Jahre älter erscheinen lasst. Wir sind eben Knechte der herrschenden Mode und müssen uns in's Unvermeidliche fügen. Die ersten Adepte jeder neuen, aus Paris kommenden Lehre oder Mode sind — mit Erlaubnis unserer schönen Leserinnen — die jüdischen Mütterchen. Rasch die „Wiener Mode" durchblättern, die neuesten Tagesberichte aus Paris gierig aufsaugen, ein Besuch beim Friseur und bei der Modistin, eine Confereuz mit dem Hofmeister — das gehört alles zusammen, und wird in einem Zuge abgefertigt. Der „Pantoffelheld" nickt den Vorschlägen der wackeren Frau Gemalin gutmüthig zu und geht nach dem üblichen Handkuss — in's Geschäft oder zur Börse. Die Modistin, der Friseur und der Hofmeister müssen sich der Laune der „Gnädigen" unterwerfen, wie sich diese den Vorschriften des Pariser Salons unterwirft. Und die Neuerung ist da, genau nach dem französischem Muster zugeschnitten. Wie die Erzeugnisse der französisch-amerikanischen Moralfabrik aus sehen, ist jedermann bekannt, der mit den Zuständen der civilisirten Staaten vertraut ist. Wir haben sattsam Gelegenheit gehabt, die Tageshelden in Frankreich kennen zu lernen, wir haben sociale Erscheinungen miterlebt, die vor wenigen Decennien gar nicht denkbar erscheinen mochten. Und die Adepte dieser Lehre in den andern Ländern erweisen sich als überaus tüchtige, empfängliche Jünger . . . Ueberall hat die neue Lehre Schule gemacht. Eine Spazierfahrt z. B. vom Wiener Gemeinderath bis nach Polna würde dem Beobachter Existenzen vor Augen führen, die genau nach dem Pariser Muster zugeschnitten sind. Mercier, Beaurepaire, Döronlede, Courier heißen ins Oesterreichische übersetzt: Lueger, Schneider, Vergani, Baxa. Besonders grell, tviderlich, beschämend und erniedrigend tritt diese traurige Erscheinung in unserer Mitte zutage und wohlverdient trifft uns der Vorwurf: vwVY In den letzten Decennien hat sich bei uns eine besonders in den Großstädien häufig unzutreffende und den besseren Classen angehörende Jugend herangebildet, die genau zu charakterisiren erst den kommenden Be 'etristen Vorbehalten zu fein scheint. Es sind dies nicht die in Klausen ausgewachsenen, durch Roth und Ver« folgung ihrem Volke abgewandten Helden des Smolenski, noch die aufgeklärten Spötter des Brandes, noch die willenlosen Geschöpfe des Abramowitz, noch andere durch innere Vorgänge dem Judenthume entfremdete Jnvividuen, sondern eine ganz eigenthümliche Classe wohlerzogener Männer, die ihr Volk nicht lieben, weil sie von ihm nichts wissen, die von ihm nichts wissen

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