Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 24 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063037--00865-3067405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. dir. 24. dahin berufen, um so die jüdischen Aerzte vor Erniederung, ja vor Vernichtung zu bewahren und den 800.000 jüdischen Seelen in ihren schweren Krankheitsnöthen eine vertrauenserweckende Hilseleistung zu sichern. Nur auf diese Weise könnte der semitische Gläubige an assemitische Heilkraft von seinem oft trügerischen Vertrauen auch gründlich geheilt werden. (Fortsetzung folgt.) Discite moniti! Das Ghetto ist wieder einmal actnell geworden. Man hat längst nicht mehr daran glauben mögen, dass es noch bestehe mit all seinem versteckten Leid, mit seinem scheuen Blicke, und die Dichter, welche in sein modriges Dunkel hinein leuchten, waren in Vergessenheit gerathen, ihrer Romantik schien veraltet, ihr Stoff unzeitgemäß, ihre Sentimentalität verspätet. Wer wollte sich kümmern um L. Komperts böhmischer. A. Bernsteins Posener, Ed. Kultes und I. S. Taubers mährische, Michael Klapps und Salomou Kohns alt berühmte Prager Judengasse, S. H. Mosenthals und Lehmanns warm empfundene süddeutsche Geschichten, Leo Herzberg Frank l’o und K. E. Franzos' meisterhafte polnische Skizzen und Ni-.der? Wer wollte noch wissen, wie D. Honigmoun die ihm verwandte schlesische und M. Goldschmidt die holländische Judeugasse ja nach ihrer Verschiedenheit und Eigenthümlichkeit tresfiich geschildert haben? Die alten Mauern sind geborsten und die Kette rasselt nicht mehr, kein gelber Radfleck und kein Leibzoll kennzeichnen gleich M. Mendelsohn den zäherr Nachfahr Ahasvers, kein blauer Schleier die moderne Großstadt- Jüdin, sie sitzen in Palast und Carosse, und die Lust, welche die andern Menschenkinder athmen, ist auch ihnen zu athmen vergönnt. Mit dem weithin gellenden Schrei nach lädsrta, Egalite, Fraternite schloß doch das achtzehrite, unb noch um die Mine des neunzehnten Jahrhunderts ging es wie ein Frühlingsschauel über die Lande und vom Neuem ertönte der Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die fortschreitende Cultur halte die Ghettomauern gestürzt, die uns „Mendel Gibbor" ein!! so lebensvoll geschildert hat: „Die Bauern uab die Juden lebten niid handelten nämlich sehr friedlich und gemütlich mit einander. 2Be«n dazumal ans Bällen, Abendgesellschasten und ästhetischen Zirkeln in großen Städterl immer noch, trotz der beflissensten Vornrtheilslosigkeit, eine gewisse Spannung zwischen zuvorkommenden jüdischert lind toleranten christlichen Mitbürgern herrschte, so fand zwischen Christoph uud Jtzig aus dem Dorfe, bei einer und derselben Schüssel Pellkartoffeln, das allerbeste Einvernehmen statt. Christoph brauchte ein neues buntes Halstuch, und Jtzig nahm dafür ein Bischen alte Schweinborsten, die Christophin suchte sich bei Jtzig Bänder aus und gab ihm gern ein Hand voll Federn mehr dafür, wenn das rothe Band recht hübsche gelbe Sprenkelchen hatte, und dabei kam's ihr gar nicht in den Sinn, dass es besser wäre, wenn sie zur Stadt fahren müsste, um daraus Reisegeld auszugebeu. — Und wie's mit Jtzig ging, ging's mit Jakob, und was dem Jakob galt, galt dem Joffes. Und all' das ohne ein Bischen, gebildete oder eingebildete Toleranz. Der Jude saitd beim Bauern Nachtlager und Quartier, so oft er kam. Er war nicht allein Geschäftsmann, sondern auch Zeitung und Briespost für den Bauern und wandelndes Mode-Journal für die Bäuerin. Auch in der Religion geuirten sie sich gegenseitig nicht, im Gegentheil, sie gingen sich dabei gern zur Hand. Wenn die Bauernsamilie in die Kirche ging, wiegte inzwischen der Jude das Kind und sah nach dem Feuer, und wenn der Jude sortging, übergab er getreulich der Bäuerin das Töpfchen, inwendig mit Kreide als „koscher" bezeichnet, damit sie es wohlverwahrt und gesondert aushebe, um die Gewisseusscrupel eines andern Glaubensgenossen zu beseitigen, der nach ihm dasselbe für sein Bischen warmes Essen benutzen wollte. Was konnte es unter solchen Umständen verschlagen, werm die hohen Behörden Rescripte machten, um Nebeln der Volkswirthschast zu steuern, wo die Wirthschast dem Volk ganz wohl gefiel." Man hat in neuerer Zeit den Weltschmerz des modernen Inden öfters lächerlich zu machen gesucht, nicht ohne Grunde Was kann denn bei dem modernen Juden, der sich nicht mehr als Jude fühlt und meist nur noch dem Namen nach einer ist, einen solchen Weltschmerz Hervorrufen? Nur bei dem Juden, früherer Zeiten, dem sein Volk und Glaube wahre Lebenselementa waren, und bei den wenigen versteinerten Ueberresten, wie bei der prächtig gezeichneten, allpatriarischeu Gestalt des Elijah im George Eliots ..Daniel Deronda" ist ein solcher Weltschmerz angebracht. Sobald sich aber der Jude derart modernisirt hat^ dass seine Volkseigenthümlichkeit verflüchtigt und sein Glaube zu einigen abstrakten Sätzen zusammengeschrumpst ist, entbehrt dieser Weltschmerz jeder Begründung. Denn die bürgerliche Emanzipation und das Streiten um einige das flache Leben betreffende Rechte ist, so wesentlich sie auch die materiellen Interessen der Betreffenden berühren mögen, doch immerhin eine so prosaische Wirklichkeit, dass sie der Poesie ganz bar ist. Die Zerstreuung über das ganze Erdenrund, die Jsolirung. seitens der Gesellschaft, die Ausstoßung aus der gesammten kulturellen Menschheit, der ganze Inhalt dagegen wühlender- Gefühle, das Leiden und Tragen der Schmach und des Druckes, und dieses alles um geistige Prinzipien, um den Glauben, mit dem intensivsten Bewusstsein, ein erkorenes Volk, ein von Gott selbst bevorzugter Stamm zu sein, ein Bewusstsein, das dem jetzigen Juden allerdings meistentheils verblichen ist,' wohl abei7 in den ehemaligen Juden kräftig pulsirte, ein himmlisches Königreich im irdischen Bettlergewande, eine verstoßene mit Füßen getretene Königsfamilie, alles dies gibt die fruchtbarsten Elemente ab, deren wahrhafte Vereinigung und poetische Lösung noch immer der Hand des Genius harrt. Gestalten, die mit dem politischen Tode des jüdischen Volkes die ganze Schmach des jüdischen Lebens, zugleich aber die ganze Innerlichkeit desaltjüdischen Glaubens, und unter diesem Gewicht das ganze Ringen des menschlichen Genius nach Licht und 8uft trügen, überlreffen an dichterischer Tiefe alle Gestalten der alten unb neueren Geschichte, weil sich eben diese Vereinigung nirgends wiederfindet. Da ließen sich alle Kämpfe des Menschen und des Lebens, des Himmels und der Erde, alle Glut der Empfindungen, alle Ueberspannungen der geistigen Kräfte bis an die Grenzen des Wahnsinnes und des Bereichs menschlicher Möglichkeit tragen. Das Judenthum muss Judenthum bleiben, wenn es poetisch sein soll. Die Welt ist praktisch geworden und die Menschen befassen sich sehr mit Classen- und Rassenfragen, ein. langst verklungener, ein lange verspotteter Kamps- und Hetzruf erscha'.'t wieder. Das Ghetto hat sich merklich erweitert, es heißt-das ganze Europa, vielleicht die ganze Welt. I. Z a n g w i l l entwirft ein satyrisch humoristisches Bild aus der alten Ghetlo.zeit unter König Georgs mildem Scepter, Max Viola beschenkt uns mit einem wahren Tendenzroman in des Wortes allerbester Bedeutung*). Weniger die Hauptfiguren als die Familie Feuerstein mit ihrem würdigen Qber-- hanpte, dem Pfandleiher Sigmund L. Feuerstein, und dem hoffnungsvollen Schwiegersohn, dem ehrenwerthen Med. U,liv. Dr. Rosenbaum, der unheimlich interessante Awrohom Euleben, der jüdische Dorsvhilosoph Brendel, der Dorfnarr Feiwel Prinz, der junge Raonl von Hartenstein, seine Schwester Charlotte mit ihrem Gatten deni Grasen Lodomerski, sind mit so meisterhaftem Griffel unb packender Treue gezeichnet, dass man förmlich versucht, ist Namen zu nennen .... ans dein .... Ghetto von . . von heute. Selbst die oft zu ausführlichen Erörterungen, in welche sich einzelne handelnde Personen eiulaffeu, siild so lebensvoll und interessant, dass man unwillkürlich ihnen bis ans Ende *nit gleich reger Aufmerksamkeit folgen mtlß. Wer denkt hiebei nicht an den Ingenieur Lederer und seine beißende Schildermtg der modernen jüdischen Ehe, d. h. jüdische Frau,, welche sage zehn Seiten umfasst. „Man lese und kaufe dieses Buch; ob mau sich belehren lassen oder auch nur unterhalten will, man kommt aus die Kosten." *) Dr. Gutmann, Roman von Max Viola. Schlesische Ver-- lagsanstalt, vormals I. Schottländer.