Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-06-29 · Heft 23 (29.6.1900) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 23 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063036--00856-3067395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Hesterr.-Ungar. Gantoren-Ieitung. Nr. 23. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Jalirg. Zur Orgamsatiousfrage. Von Cantor JsidorSchwarz in Linz. (Fortsetzung.) Forscht man hierzulande nach einer ins Große gehenden Cantorenerziehungs-Anstalt, so wird man sie nirgends finden. Wer sich's indess nicht verdrießen lässt, emsig Umschau zu halten nach vorne und rückwärts, der entdeckt es leicht, dass wir da noch wie vor anno dazumal sozusagen aus den Handbetrieb angewiesen sind. Bei dieser Kleiuerzeuguug gelangen nur Halbfabrikate zur. Verarbeitung; und da bei ihr die Betriebskosten aus wenig, säst aus nichts zu stehen kommen, so haben ihrer in Stadt und Land eine Menge Leute sich bemächtigt, und sie decken damit nicht nur den heimischen Selbstbedars ganz vollstäitdig, sondern sie leisten noch erkleckliches Mehr. Darum auch erblicken wir Typen und keinen eitheitlichen Typus von Cantoren in Oesterreich-Ungarn. Man könnte sich darüber mit dem Einwand trösten, dass wir auch keinen einheitlichen Gemeindetypus daselbst haben, es steht dem aber etwas entgegen, worüber Alle zu gleicher Zeit stolpern, und das ist die ganz und gar unzureichende Vorbildung der Cantorats-Eleven. Es war bei uns Brauch und Sitte, dass derjenige, der ein Chasan, eilt Cantor, ein Vorbeter, oder wie man sonst noch den Sch'liach Zibbur der llrtradition zu benennen beliebt, werde» wollte, von Pick aus sich dem widmete, was fein künftiger Berus erforderte. Er lernte singen und Sangesart, sagen und Sageweisen, tönend pointiren und die Pointe gut vertonen, so gut und richtig, dass jeoer Mitbeler, ob am ho-orez oder jodea »’fas ewer, sich leicht dabei zurechtsand. Es war die gute, alte Meschorerimzeit, die Zeit des Sehnens und Wünschens, eine dauerlange Zeitspanne, in welcher Discant unb Bass, Tenor und Solosänger das Wort hatten. Aus ihr giengen Männer hervor, Zierden des Cantorenstandes, unverlvüstlich haftend in unser Aller Erinnerung, auch Mittelmäßigkeiten und Dutzendmenschen, die nichts mehr beseligte als das stolze Bewusstsein, Componisten zu sein voll Gesangspiecen sehr compositen Styles. Allein das ist verzeihlich wie jene Schwächen menschlich rührend sind, die die Menschheit nicht berühren. Man lernt im Amte, was des Amtes ist, wenn man stre t, sittlich-ernst mit Berufswürde zu amtiren. Und dass sie lernen und gedeihen die alte Gilde des echten Autodidactenthums, das beweist handgreiflich ihre respectable Ueberzahl, und das Unkraut, das auch da noch zuweilen sortwuchert, verstärkt die Regel um so kräftiger. Was sehen wir nun jetzt? Da kommt ein Sausewind jung und hosinungstrunken des Weges in die Stadt gezogen. Er führt mit sich sein eigen Ich und ein wenig Habe dazu. Sein Bestes ist, was er nicht hat, und was er zu haben vermeink Es ist nicht viel und ist nicht wenig; es ist etwas, das man Stimme nennt und das gar nicht stimmhaft klingt. Hier findet er, was er sucht, und noch ein Mehr darüber. Ein Freund geleitet ihn ins Nachbarhaus. Dort wohnt ein Mäcen. Der nennt der Glücksgüter nicht allzuviel sein eigen, wohl aber ein gutes Herz, weitmaschig und empfänglich für wahre und wahrhaft scheinende Kunsteindrücke. Eine kurze Probe folgt. Sol la si do re mi fa sol thut's oft schon allein, zuweilen erst eine andere Spielerei, dem Kunstjünger stimmlich gut gelegen. Herr Mäcenas wird nachdenklich, und richtig, er hat's! „Mil der Singerei im Großen ist ohnehin nichts mehr los. Sie verschlingt ihre Jungen gleich nach der Geburt, wie jenes^ Reptil, das kratzend am Stein sie zur Welt bringt, wenn sie nicht laufen, was sie laufen können. Sie bringt Dornen statt Rosen. Hunger statt Brot; und wer nicht gleich mit Anstand und Entsagen ourchzusallen weiß, der erholt sich beim zweiten und dritten Durchsall ebensowenig, wie ein Solist ersten und zweiten Grades im Chor der Statisten oder im Theaterchor. Werden Sie ein jüdischer Cantor, oder trachten Sie einer zu werden! Da daneben im Kümmelsemmel'scheu Hause wohnt ein gar freundlicher Herr. Dem erzählen Sie Ihr Anliegen, und das da - es ist meine Visit- Karte — wird Sie bei ihm bestens legitimireu. Das Uebrige gibt sich dann von selbst; und was sich nicht gibt-wir werden's schon machen." Nun geht das Studium au. Es beginnt damit, dass des Schülers Stimme den holden Tönen jener egla ha-arifa gleicht, die ein Sündenbock Kohols war in gut biblischer Zeit, in der Mittellage grauslich in die Breite geht und nach oben wie das Gekreisch einer quietschenden Brettersäge sich anhört. Sie wird geschult, geseilt, geglättet und ausgeglichen, manchmal leschem mizwa, des öfteren auch leschem welischmo; und was früher zu unterst war, gelangt solcher maße>t obenan. Es lyrt und flirrt, was bariton-dick sich gestern noch gab, und was von Naturwegen ins Sanfte neigt, wird zum colla parte geschlagen. Das geht im Sturmschritt wohl die zwei und drei Monden hindurch, bis das A ei-oval mit spöttisch lächelndem Munde, das 0 kreisrund ohne Gaumenanschlag, das E nicht möckerud und das J nicht spitz und schrill gesungen wird. In diesem Gemisch von gutem und schlechtem Singschulbrauch artet die beste Singstimme zur Unart aus, und die Klangeigenthümlichkeit, als rein individuelle Gottesgabe verpufft dabei in Knallen und Blitzen ohne Leben und lebendige Wahrscheinlichkeit. Nur wer vom Hanse ans ein Stimmkrösus ist, ein Kraftmensch und ein jodea nagen, gut beschlagen, geht bei ihm wenig deformirt von dannen. Das gilt vom Singen und von der kunstüblichen Art der Stimmbildung und des Singenkönnens. Jetzt heißt es, Chasonus lernen beim Chasen oder Cantor. Geräth der Glückliche in die Hände desjenigen, der all dies in einer Person vereinigt, so hat er Oel vom Berge Moria, das köstlich aromatische Schemen hamor löffelweise getrunken, und außerdem noch Nektar iinb Ambrosia. Aber er geräth nicht immer dahin, zumindest nicht mit einem Wurfe. Das war' zu schon gewesen und hat' nicht sollen sein. Dort, wo er hinkommt, Chasonus zn lernen, ist oft jede Stimme gut genug. Mlt es doch in den meisten Fällen, von L’cho dodi angesangen bis zum Schlussgebete der Sabbath- und Feiertage die Recitationsweise Sulzers einzuüben und einzutrichtern. Für die derbere Hausmannskost, von der, wie ich glaube, neunzig Procent aller Menschenkinder sich nährt, wird ab und zu Baer, Deutsch, Wodak, neuesteus auch Rosenhaupt rc. hergenommen. Glücklich, wer ein Blattleser ist von mehr Fertigkeit, um in der Kunst des richtigen Recitativlesens sich glimpflich durchzuarbeiten. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Anlässlich des 70. Geburtstagsfestes Sr. Majestät des Kaisers, wird am 30. Juni im Stadt-, Leopoldstädter- und Fünfhauser Tempel um 3 Uhr und im Tempel, Währing, Schoppenhauerstraße 3S um 3 Uhr 80 Minuten ein Festgottesdienst für die Schuljugend an Mittelschulen stattfinden. Wien. („F erienh.ei m".) Seine k. u. k. Apostolische Majestät haben dem Vereine „Ferienheim" in Wien allergnädigst zu bewilligen geruht, dass das von demselben in Tischnowitz, Mähren, neugegrünoete Heim: „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim". benannt werde. Die erste Abtheilung von 120 Mädchen ist bereits am 22. Juni im neuen Heim eingezogen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.