Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 23 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23. Die Wahrheit. Seile 7. .Judenthums, über die Ethik, dessen Religion, Belehrung und Aufklärung gibt. Die Anträge 1 und 2 werden angenommen, desgleichen principiell der Antrag 3, doch wird derselbe behufs Ergänzung und Ausarbeitung detaillirter Vorschläge au die Rechts-Section rückgeleitet. Bei diesem* Anlasse wird auch über Antrag der I. Section beschlossen, sämmtliche Prediger und Vereins-Rabbiner zu ersuchen, bei allen sich darbietenden Anlässen insbesondere beim Verkehre mit der Jugend in der bisherigen Gepflogenheit, womöglich aber mit verstärktem Nachdrucke aus das Festhalten an dem angestammten Glauben hinzuwirken. lieber Antrag der III. Section (Res. Ob. Ing. von Mises) erfolgt die Ausnahme einer Reihe von Personen, liezw. die Vormerkung derselben zur Aufnahme in das Altersversorgnngshaus. Die Anträge der V. Section betreffend die Racheline Goldberger'jche Armen-Stiftung weiden im Sinne des Referates des Herrn Obersinanzrathralhes Dr. Nappaport angenommen. Herr Director Simon referirt über die von der II. Section beschlossenen Aenderungen des Lehrplanes für Volks¬ und Bürgerschulen. Es wird beschlossen, in dieser Angelegenheit vorerst noch mit dem Rabbinate das Einvernehmen zu pflegen. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um halb 9 Uhr geschlossen. Wien. (V e r e i n zur U n t e r st ü tz u n g jüdischer .-Kleingewerbetreibender.) Am 23. d. M. fand die diesjährige Generalversammln g dieses großen, wirklich nützlichen Vereines statt. Dem vom Obmann, Herrn F. Schneid, erstatteten Jahresberichte entnehmen wir Ziffern, die thatsächlich Erstaunen und Bewuitderung Hervorrufen. So hat der Verein im abgelaufenen Jahre an Krankennnterstütznngen allein die Summe von 13105 Kr. verausgabt, Unterstützungen in anderen Unglücksfällen 2224 Kr. verabreicht und, was das Wichtigste ist, an Darlehen für seine Mitglieder ca. 9000 Kr. ausgegeben. Wenn man bedenkt, dass der Verein sich aus lauter armen, dem Arbeiter- Stande augehörigen Juden recrutirt, und wenn man ferner bedenkt, dass dieser Verein leider von unseren besitzenden Glaubensgenossen -nicht der Weise unterstützt wird, wie andere Vereine, die bedeutend weniger leisten, so muss man der gegenwärtigen Vereinsleitung das Zeugnis ausstellen, dass sie mit diesen geringen Mitteln Eolossales geleistet hat. AllgemeineZustimmung in der Versammlung fand der Vorschlag des Obmannes, zum Ehrenpräsidenten des Vereines Herrn Richard Rappaport zu ernennen. Mit einigen kurzen Dankesworten übernahm Herr Richard Rappaport sofort den Vorsitz, um die Versammlung weiter zu leiten. Anlässlich Punkt 4 „Wahl eines neuen Ausschusses" traten wohl einige Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Mitgliedern hervor, die sich jedoch zum Schlüsse in -vollständiger Harmonie lösten. In den Vorstand wurden gewählt: Die Herren Back I. M., Biber Adolf, Ehrlich Bernhard, Eifermanu Sigmund, Fischet Julius, Grünberger Sans, Holzapfel Alexander, Klausner Saul, Korkes David, Pilpel Moritz, Reiß Benedict und Schneid Friedrich. Als Ersatzmänner die Herren Bels Isidor, Fischl Adolf, Guttenberg Schaja, Horn iLeon, Kaiser Berthold und Schlinger Michael. Nach Schluss der Generalversammlung blieben die Mitglieder noch in heiterer Geselligkeit längere Zeit beisammen, wobei dem neugewählten Ehrenpräsidenten, so wie auch dem neuen Gefammtvorftande mehrfache Ovationen gebracht wurden. Aerkm, den 21. Juni. Heute veranstalteten die Teilnehmer an dem vom D. I. G. B. eingerichteten Fortbildungskurse für Cantoren eine Schlussfeier. Als Vertreter des Bundes-Ausfchusses, der zur Feier geladen war, wohnte dessen Vorsitzender Herr Prof. Philippson derselben bei. Die Feier werlief in folgender Weise: Jeder der Theilnehmer am Cursus itrug unter Leitung des Herrn Cantor Friedmann ein synagogales Gesangsstück vor. Nach dem ersten dankte einer der Theilnehmer im Namen seiner Collegen dem D. I. G. B. für Lie Mühe und Kosten, die dieser durch Einrichtung des Cursus gehabt habe, hob hervor wie dem Bunde überhaupt die Dankbarkeit der gesammten jüdischen Lehrerschaft Deutschlands gebühre, weil er diese stets ideal unb materiell gefördert habe, wie dies ja eben diese Veranstaltung beweise. Zum Schlüsse wünschte der Sprecher, dass die Curse gute Folgen zeitigen, an Ausdehnung immer mehr gewinnen möchten, nnd so der D. I. G. B. seine Mühe belohnt sehe. Ein anderer Theilnehmer des Cursus sprach den Lehrern, Herrn Cantor Friedman», der die Feier leitete, und Herrn Musikdirector William Wolf, der durch eine Reise an der Theilnahme leider verhindert war, den Dank aus für die Nachsicht, die sie den Theilnehmern gezeigt, für die Hingebung an dem Unterrichtsgegenftande und für die Opfer an Kraft und Zeit, die sie dem Cursus gewidmet haben. Der Sprecher wies besonders darauf hin, dass die Lehrer bemüht gewesen seien, die Theilnehmer an der Hand der Singer'schen Broschüre, „die Tonarten des traditionellen Synagogen-Gesanges" in den Geist des alten Chafonus einzuführen, und ihnen zu zeigen, wie der ganze Synagogengesang sich um gewisse Tonarten grnppire. Nach einem Chorgesange nahm Herr Prof. Philippson das Wort, um in schwungvoller Rede darzuthun, wie befriedigt der D I. G. B. von dem Erfolge des Cursus sei, da er alte Melodien in moderner Form habe vortragen hören, und so in ihm die Hoffnung erweckt sei, dass der Gottesdienst durch seine würdigere Gestaltung der Grundpfeiler des religiösen Lebens werden möchte. An dem Cursus haben 10 Lehrer theilgenommen, die ihre Ansbildnng an den Seminarien zu Berlin Münster, Köln und Würzburg genossen haben. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (32. Fortsetzung.) Dass Jakob Löb nicht gerade zu den Wohlhabendsten der ..Gaffe" gehörte, darüber konnte sie in ihrem Gottvertranen sich bald hinausfetzen. Wie sagte sie? Ein paar Groschen weniger im Kasten? Auch gut! Darauf kommt es am End nicht an. Wird ihm Gott Glück und Segen geben, werden sich feine Kasten schon anfüllen! Aber dass ihr Wolf das nicht erlebt hat, seine Finkel zur Braut zu machen, dass dort draußen im Dorfe einer lebe, der ihrem Herzen so nahe stand und doch an der Herzensfreude seiner Schwester keinen brüderlichen Antheil nehmen kann — daS that ihr wehe, wie sehr sie auch gewohnt war, sich in allem in den göttlichen Rathschluss zu fügen. Es ging darum zwar noch immer heiter genug her bei der Verlobungsfeier, jedoch kam es nicht zu jenen jubelvollen Ausbrüchen, welche sonst bei ähnlichen Anlässen nicht unterdrückt zu werden pflegen. Die Stimmung der Braut und ihrer Mutter theilte sich auch den andern Anwesenden mit, nnd so war es ein ziemlich stilles „Bedingungenschreiben". Auch die bald nach der Verlobungsfeier erfolgte Hochzeit war nicht so lärmend und lobend, wie man es bei Hochzeiten in der „Gasse", au denen alle Leute theilnehmen, gewohnt ist. Musik durste freilich nicht fehlen, denn die beiden Brautleute waren ja ledig und nur wenn eins von beiden Witwe oder Witwer ist, unterbleibt diese. Wo Musik ist. braucht man selbstverständlich für die Tänzer nur» Tänzerinnen rricht zu sorgen, diese fanden sich denn auch zahlreich genug ein; aber es hatte alles einen so gewissen Anstrich von Traurigkeit, mau wusste selbst nicht wie. Jeder einzelne hatte das Gefühl, dass er seiner Lust die vollen Zügel nicht gewähren könne. Der Schalksnarr hatte diesmal ein schweres Spiel, es wollte ihm kein rechter Spaß gelingen, es wollte kein Witz zünden, er fühlte sich und seine Laune von einem Druck belastet, der nichts Rechtes herauskommen ließ, und wie Mutter und Tochter ehe man die letztere zur „Chuppeh" (Trauhimmel) geführt, sich umhalst und umarmt und Brust an Brust gedrückt geweint haben, das war etwas so herzergreifendes, dass die ältesten Lmte in der ,,Gasse" sich nicht entsinnen konnten, ein. ähnliches erlebt zu haben> (Fortsetzung folgt.)