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Die Wahrheit · 1900-06-29 · Heft 23 (29.6.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 23 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23. Die Wahrheit. Seite 5. wenn Sabbathruhe und Feiertagsstimmung dem Kinde im Elternheim auf Schritt und Tritt begegnen, so hat der Schüler die Rüstung vom Hause aus mit sich gebracht und die Schule hätte nur darauf zu achten, dass die zarte Pflanze der Pflege nicht entrathe; wenn aber die häuslichen Wände kahl, der häusliche Herd voll ausgebrannter Asche ist, wenn die Eltern um Alles sich eher kümmern, als um ihre eigene Religion, was soll aus den jüdischen Schülern werden, die auch von ihren Religionslehrern das göttliche Manna vergebens erwarten? Ist es keine unverzeihliche, streng zu ahndende Sünde, wenn die Jugend heranwächst und kaum des hebräischen Lesens kundig ist; ist es nicht ein schreiendes Verbrechen, wenn die Kinder das Kaddisch-Gebet über ihre dahingeschiedenen Eltern, so gerne sie auch die Pietät bewahren wollten, aus Unwissenheit nicht rezitiren können? Ist eine solche Erziehung nicht verdammenswerth, die der Irreligiosität Vorschub leistet? Wer will die Verantwortung auf sich nehmen, wenn auf solche Weise die Reihen unserer Glaubensgenossen sich stark lichten, wenn man, müde des ewigen Kampfe,s seiner Religion, die nur Schmach und Druck im Gefolge hat, sich so schnell als möglich entledigt? In allen Lehrgegenständen sind die Herren Professoren äußerst strenge, doch in der Religion tragen sie ein solch laxes Benehmen zur Schau, dass man noch von Glück reden kann, wenn die Jugend den Religionsunterricht nicht als ein lässiges, lästiges Geflunker betrachtet. Zur Steuer der Wahrheit muss ich gestehen, dass in Ungarn zwar viel für die Religion geopfert wird, dass in den Landgemeinden die Jugend auch religiös erzogeil lvird, dass jeder Elementarschüler des Hebräisch-Lesens kundig ist, dass auch die Bibel im Urtexte so ziemlich gelehrt wird, so dass gar oft die Herren Professoren in der Großstadt voll Lobes sind, wenn sie vom Lande einen Schüler zu unterrichten haben. Doch warum sollten den größeren Städten nicht auchßmehr Gewicht aus Hebräischlesen und Bibel gelegt werden, warum sollte es Vorkommen, dass ein achtclassiger Gymnasialschüler sich in dem Bet buche nicht zurechtzufinden weiß? Da hatte ich vor nicht langer Zeit in Stuhlweißenburg einem Vortrag und zugleich einer Prüfung aus den Religionssächern angewohnt und war höchlichst erfreut, dass ich dort das Gesuchte gefunden habe. Der dortige Rabbiner, Herr Dr. S t e i nh e r z, übt sein Leh ramt im göttlichen Sinne aus. Wie herrlich versteht er es, dem Kinde die heilige Bibel beizubringen, aus jedem Satze wird die nöthige Lehre abgezogen, die dem Schüler Freude bereitet, und die er sich auch leicht merken kann. Wie präcis sind die Antworten, da weiß jedes Kind Bescheid über die vielfachen religiösen Ceremonien. Und die Schüler lernen hier auch ihre Religion lieben und achten und geben durch ihre Anhänglichkeit an ihren Oberrabbiner den besten Beweis, dass die Religionsstunde ihnen keineswegs eine lästige Bürde ist. So sollte jeder Religionslehrer sein Amt bekleiden, so müsste der Glaube in den Herzen der Schüler sich Eingang verschaffen, so müsste für die Zukunft vorgearbeitet werden. Denn, wenn der Jude schwach in seinem Glauben ist, wenn die Jagend zur Religion nicht. hingeleitet wird, wenn die Lehrer auf solch schnöde Weise eine ganze Generation dem Glauben entfremden, so wird das Judenthum bald nur ein Scheinleben führen, das den wilden Anfeindungen nicht Stand Hallen wird können. Jetzt liegt in dem Inden noch ein ererbter Ahnenstolz, der ihm die Waffen zur Vertheidigung liefert, die Heranwachsende, religionslose Jugend wird bei der ersten Gelegenheit ihren Glauben über' Bord werfen. Die Ferialtage wären so ziemlich geeignet, über so Manches nachzudenken, wie die Jugend auf die religiöse Bahn zurückgeleitet wird. Was im Jahre gegen Religion gesündigt worden, könnte in den Ferien wettgemacht werden. Die Eltern könnten ihren Kindern zum Zeitvertreib den hebräischen Leseunterricht ertheilen lassen, könnten sie in die Schatzkammern der heiligen Schrift führen lassen; denn ohne Glaubensstärke ist das Judenthum eine Name ohne Klang, ohne Glaubenssicherheit wankt der Boden unter unseren Füßen. Und der Jude bedarf eine Riesenmacht, um die Kolbenschläge aufzusangen, die ihm von allen Seiten ausgetheilt werden. Stehen wir daher treu zu unserem Glauben, beweisen wir, dass die Liebe zu unserer Religion in uns noch nicht erstorben ist. Die Zukunft des Judenthums ist aus unserer Jugend gegründet, möge sie daher jetzt im Glauben und stark in der Religion erzogen werden! Dunasöldvar (Ungarn). Rabbiner Dr. Sam. P a r t o s. Antisemitische Lügen. Unter der Ueberschrift: „Ein jüdischer Mädchenräuber" brachte die „Deutsche Zeitung" am 10. d. M. eine Schauergeschichte von der Entführung eines kleinen Christenmädchens durch Chortkower Juden. Das Blatt berichtet, dass am 26. Mar d. I. die sechsjährige Tochter Bronislawa der Taglöhnerin Julia Chlodnicka von dem Juden Hersch Fuhrmann geraubt und zusammen mir einer achtjährigen Bauerstochter aus Hozielnica, dessen Abgang die Eltern aus Furcht vor den Juden gar nicht angezeigt hatten, in einem völlig dunklen, leeren, entsetzlich verwahrlosten Raume gefangen gehalten wurde. Bei ihrer Auffindung durch die Gendarmerie waren die beiden kleinen Wesen blass vor Schreck, abgemagert, blutleer, von Thränen ganz aufgedunsen und vor dem ihnen drohenden Schicksal zitternd. He sch Fuhrmann sei eingezogen worden, aber schon am nächsten Tage aus dem Gemeindekotter entsprungen und seither spurlos verschwunden. Aus eine Anfrage des Abwehrbureaus der „Oesterreichisraelitischen Union" laugte am 19. d. M. folgendes Telegramm des Vicebürgermeisters von Chortkow ein: „Das Lügengewebe des Gewährsmannes der „Deutschen Zeitung" wurde heute amtlich aufgedeckt und die gerichtliche Untersuchung eingeleitet. Julia Chlodnicka gestand, a u f B e r a n l a s s u n g g e l o g e n zu haben." Am 26. d. M. sah sich die „Deutsche Zeitung" gezwungen, eine amtliche Berichtigung des k k. Bezirkshauptmannes von Chortkow, R. v. W y b r an o ws ky, zu veröffentlichen, aus welcher hervorgeht, dass allerdings die Chlodnicka eines Tages gegen 11 Uhr Vormittags nach Hause kam, ohne ihre sechsjährige Tochter Bronislawa dort anzutreffen, dass aber das Kind, welches aus Furcht vor Strafe wegen eines geringfügigen Vergehens sich den ganzen Tag herumgetrieben hatte, noch am Abend nach Hause zurückkehrte. Am nächsten Tage ließ sich die Chlodnicka von einem Eisenbahnbeamten durch einige Gläser Branntwein verleiten, die in der „Deutschen Zeitung" erschienene Fabel zu erdichten. Das genannte Blatt muss nun selbst erklären, dass es keine Ursache habe, die Thatsache des Artikels : „Ein jüdischer Mädchenräuber" aufrecht zu erhalten. Dr. Raphael Gotdberg. I Der Rabbiner der Ofner israelitischen Cultusgemeinde Dr. Raphael Goldberg ist in der Nacht von Freitag aus Samstag nach längerem Leiden, 58 Jahre alt, in seiner Sommerwohnung, Budakeßerstraße 27, gestorben. Dr. Raphael Goldberg wurde im Jahre 1870 von der Ofner israelitischen Cultusgemeinde zum Rabbiner gewählt. Er entfaltete eine außerordentlich rege Thätigkeit im Interesse der Hebung der Bildung und der Verbreitung der ungarischen Sprache in der Omer Cultusgemeinde. Seine Kanzelreden zeichneten sich durch geistigen Gehalt, warme Religiosität und hinreißenden Schwung ans.! Der nunmehr Verblichene wirkte in zahlreichen Mittelschulen I und im Ofner Pädagogium als Religionslehrer und entwickelte i auch eine rege litterarische Thätigkeit. I Dr. Raphael Goldberg wurde 1842 in Püpa als Sohn des jüdischen Religionslehrers Joseph Goldberg geboren. Das > Gymnasium absolvirte er theils in Püpa, theils in Breslau,

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