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Die Wahrheit · 1900-06-29 · Heft 23 (29.6.1900) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 23 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Sie Mayryeil. Nr. 23, als wären sie bestrebt, möglichst wenig Raum einzunehmen, um ja nicht Hass und Mißgunst heraufzubeschwören, um sich die Duldung auf Stunden nicht zu verscherzen. Eine harte Zeit ist für die rumänischen Juden angebrochen. Dass die Inden in der Moldau und in der Walachei niemals ein sonderlich geneigtes Vaterland besaßen und dass sie nicht „Ursach' hätten, es zu lieben", ist genugsam bekannt. Aber die letzten politischen Wandlungen haben ihre Lage zu einer unerträglichen gestaltet. Seit dem December vorigen Jahres mögen etwa 16.000 rumänische Juden zum Wanderstabe gegriffen haben. In Trupps von 40 bis 80 und mehr Leuten treten sie die weite Reise an, deren Ziel Amerika ist. Keine gleißenden Goldträume hegen sie. Nur nach Arbeit geht ihr Verlangen. „Erdarbeiter in Canada", das ist das Ideal, dem sie mit hoffnuugsglänzendem Auge Ausdruck verleihen, und in ihren phantastischesten Zukunftsträumen schwärmen sie vom Geduldetsein . . . Ein Trupp von 66 Leuten lagerte unter der Reichsbrücke. Darunter befinden sich 15 Frauen und 6 Kinder. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, verschiedenen Ständen gehörten sie an, verschieden war ihr Vermögen, und auch au Bildung und Wissen sind sie aneinander durchaus nicht gleich. Heute eint sie gemeinsames Gegenwartseleud und gemeinsames Zukunstshoffen. Ein angesehener? Kaufman war der Eine. „Vor einem Jahr," sagte er mit bitterer Selbstverspottung, „o, da war ich ein respectabler Herr, da hatte ich 22,000 Francs im Vermögen. Heute kann ich nicht bis zu zwei Hellern zählen, und meine Frau dort unter'm Brückenbogen bläst in die Hände meines kleinen Mädchens, die der kalte Abendwind erstarren macht." Neben ihm steht ein mächtiger, breitschultiger Geselle. Eine harmlose Gutrttüthigkeit, die Niemandem etwas übelnehmeu kann, spricht aus seinen jovialen Zügen. Der Mann erzählt mit achselzuckender Gelassenheit, als ob, was er vor-- brächte, etwas Sachverständliches wäre, zum mindestens etwas Schicksalbestimmtes, Unabwendbares. Kismet, Kismet! „Den Krieg im Jahre 1877 habe ich mitgemacht. Dann bin ich Gendarm gewesen. Noch nicht lange ist es her. Vor dem Palais Ihres Gesandten bin ich gestanden und habe das Gewehr geschultert. Vor dem Hause vom Baron Aehrenthnl. Und ich habe meinen Dienst genau versehen. Der Herr Baron wird's mir auch bestätigen können. Da kommt ans einmal ein neues Ministerium. Aus ist's mit mir. Warum? frage ich. Warum darf ich nicht mehr Gendarm sein? Du bist ein Jud'! sagt man mir. Das war ich früher auch und war doch acht Jahre beim Militär, vier bei der Gendarmerie; da auf einmal postenlos. Jede Arbeit wäre mir recht gewesen, aber keine, gar keine Hab' ich kriegen können." Wieder ein Anderer, ein Handwerker: „Ich bin Anstreicher; die Leute wollen dem Inden nichts zu verdienen geben. Das ist immer die erste Frage: Bist du Jud'? Aber ich war ja beim Militär, bis zum Unterofficier Hab' ich's gebracht. Da hat man mich bei den Staatsarbeiten nicht zurückweisen können. Aber die Anderen waren mir, dem Juden aufsässig. Da hat Einer ein großes Holzstück gegen mick geschleudert. Drei Wochen bin ich krank gelegen, noch jetzt hinke ich." . . . Und so geht's fort, die ganze lange Reihe hindurch mit herzzerreißender Monotonie das strophenreiche Lied der Bedrückung, des Hasses, der Unduldsamkeit. Und so haben sie sich zusammengethan, um anderswo eine neue, eine gütigere Heimat zu suchen. Den elenden Hansrath haben die Aermeren losgeschlagen, und die Bemittelten haben all das Ihre zu Geld gemacht, unter schweren Verlusten. Was sie besitzen, es ist wenig genug, haben sie zusammengethau, den Weltgewandtesten haben sie zum „Präsidenten" erwählt. Der leitet die Reise, sieht darauf, dass mit den kargen Mitteln ordentlich Haus gehalten werde, und gibt sich redliche Mühe, den spärlich träufelnden Quell der Unterstützungen in das Lager der Auswanderer zu leiten. Dort, wo sie jetzt ihr Standquartier ausgeschlagen haben, wohnen arme Leute, bei denen selber Schmalhans Küchenmeister ist.' Aber es kommt schon vor, dass sich den fremden, verängstigten Leuten ein Mann nähert, ein Kohlenarbeiter, ein Tramwaykutscher, der selbst einen Hansen Kinder zu Hause hat und den Auswanderern einen Sechser in die Hand drückt. Oder es naht eine blasse, verhärmte Frau, und aus dem Tragkorb zieht sie einen Laib groben Brotes als milde Liebesgabe. Dann herzt sie die Kinder der Fremden, die „armen Hascherln", die so weit, weit fort müssen. Herzliche Worte der Anerkennung und des Dankes haben die Auswanderer für die Bediensteten der Dampfschifffahrt-Gesellschaft, vor Allem für den Hafencapitän König. Der gutherzige Mann hat dafür Sorge getragen, dass die Leute auf dem Schleppdampfer übernachten dürfen, und tvas sie ihm nicht hoch genug anrechnen können, die Weiber und Kinder wurden in einem Wartesaal gebracht . . . So arm sie sind und so elend, eine gewisse frohe Entschiedenheit und Enschlossenheit scheint sie Alle zu beseelen. Ihr Vaterland hat ihnen als letzte Liebesgabe — Vagabnndenpässe verabfolgt. Jeder, der auswandern wollte, musste eine Erklärung unterschreiben, des Inhaltes, dass er ein subsistenzloser Vagabund sei. Sonst wurde er arretirt und in sicheren Gewahrsam gebracht. „Sie schämen sich vor Europa!" erklärte der Intelligenteste unter ihnen dieses Vorgehen. „Aber nein, setzte er hiezu, „wir sind keine Vagabunden, keine Bettler, wir sind ehrliche Arbeiter. Unsere Glaubensgenossen in Amerika werden für uns bürgen, dass wir dem Staate nicht zur Last fallen wollen. Und wir werden ihre Bürgschaft nicht Lügen strafen!" Von anderer Seite wird gemeldet: Die aus Rumänien vertriebenen Inden, die ihr Lager unter dem Bogen der Kronprinz Rudolphbrücke ausgeschlagen haben, mussten die Nacht in einem Schleppschiffe verbringen, tvo sie, vor Hunger und Ermüdung erschöpft, eng aneinander gepresht kauerten. Die vielen kranken Frauen und Kinder, die sich unter den Bedauernswerthen befinden, haben unter der rauhen Nachtlust sehr zu leiden. Aller Mittel bar, hatten die Unglücklichen die Absicht, nach Amerika auszuwandern, um sich und den Ihren Unterhalt und Nahrung erwerben zu können, aber sie steifen sich nicht gerade darauf, über den Ozean zu kommen; die Leute sind größtentheils Handwerker und wollen überall bleiben, wo man ihnen Arbeit gibt. Die Alliance israelite hat der Colonie Fahrkarten bis Oderberg zur Verfügung gestellt, und Freitag 4 Uhr Nachmittags wird die Abreise mit der Nordbahn erfolgen. Die Bewohner der nahegelegenen Stadtheile unterstützten die Auswanderer durch Naturalien und wohl auch mit etwas Geld, soweit es ihnen eben die eigene Armuth gestattet. Die schöne Feriaheit. Nach harter, mühevoller Arbeit psiegen nun Lehrer und Schüler ihre wohlverdiente Ruhe. Heutzutage, wo man an Beide die größtmöglichsten Anforderungen stellt, wo die Lehrer ihre geistigen und physischen Kräfte in den Dienst der vaterländischen Cultur stellen, wo die Schüler mit Lehrgegenständen überbürdet werden, von denen kaum die Hälfte ganz verdaut wird; heutzutage, wo Alles nur zu klingender Münze eingewechselt wird, wo der Schimmer und der Glan; die Augen blendet, ist es nicht zu verwundern, dass auf Religion in den meisten Schulen nur wenig oder gar kein Gewicht gelegt wird. Die großen Gemeinden, welche über das nöthige Capital verfügen, haben wohl sogenannte Religionslehrer angestellt, die in zwei Stunden wöchentlich dem Kinde die Lehren über seine Religion beibringen sollen, doch wird zumeist die Stunde mit allerhand Tändeleien vergeudet, und wie oft geschieht's, dass die Schüler über den Lehrer sich lustig machen und letzterer die Zeit herbei sehnt, da er von solcher Tortur wieder befreit ist. Und wenn das Schuljahr um ist, so wissen die Schüler von der Religion ebensoviel als früher, oder gar noch weniger, denn anstatt die heilige Schrift ihnen im Texte vorzulesen, werden aus derselben Excerpte gemacht und die Religiousgeschichte soll den hebräischen Text vertreten. Und so wächst die Jugend heran, die über Ueberbürdung klagt und am allerwenigsten über ihre Religion sich Klarheit verschaffen kann. Wenn noch in der Familie ein religiöses Leben obwaltet, wenn die Eltern noch strenge darauf achten, dass ihre Kinder jüdisch erzogen werden, wenn sie im Hause Glaubensfestigkeit finden,

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