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Die Wahrheit · 1900-06-22 · Heft 22 (22.6.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 22 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit. Seite 7. j Nettnngscomite, welches, von der hiesigen Gemeinde mit Wärme I > unterstützt, für einen würdigen Empfang wie auch für die Weiter-! befördernng unserer armen Brüder die nöthigeu Vorkehrungen! traf. Was thaten aber unsere Leuchten? Es ist dies heute schon j z ein allgemein bekanntes Geheimnis. Sie intervenirten bei der j! politischen Behörde, sie möge auf der hiesigen Bahnstation dem! \ Anssteigen unserer unglücklichen Brüder Hindernisse in den Weg > 1 legen, ja dasselbe womöglich zu verhindern suchen. Und so kam > ' es, dass die eintreffeudeu Auswanderer, einerseits von einer!! großen Zahl der hiesigen Juden, andererseits aber auch von j I einem politischen Beamten, sechs Gendarmen und zehn Wachleuten > j auf dem Bahnhose erwartet wurden. Der Zug fuhr in die Sta-! ) tion ein, wurde aber sofort von Gendarmen umzingelt. Es folgten! s heftige Auseillandersetzungen, die Jüngeren schlugen Lärm, die! Aeltereu weinten, Alles lief wie toll umher; es half aber gar! nichts. Unsere vor Hitze und Hunger zusammeubrechenden Brüi der mussten sofort die Weiterreise antreteu. Der Vorfall hatte! schon"so manches Nachspiel. Es haben größere Demonstrationen! stattgefunden und es herrscht noch fortwährend eine allgemeine j ] Äufregnug.! Wttdapest Die als Preisrichter exmittirteu Professoren, > Dr. Wilhelm Bacher und Dr. Heinrich Bloch, sowie Dr. jur. j Franz Mezey haben in der jüngsten Directionssitzuug der ung.!! Israel. Literatnrgesellschaft ihr Referat dahin abgegeben, dass! j die höchst bemerkenswerthe Arbeit: „Ueber die Organisation der >; europäischen Juden" den Preis von 1000 Kl oueu erhalte. Nach j Eröffnung des betreffenden Mottobriefes ersah man, dass der Verfasser der ausgezeichneten und ungemein belobten Preisschrift der gelehrte Dr. Ludwig Veuetianer, Oberrabbiner von Ujpest ist, was mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen | wurde. [ i Heimweh. j Erzählung von Eduard Kulke. j (32. Fortsetzung.) j ) >-"rruv—ouung iikau - einsruld cyrtftltcher Eltern, ein neu-! '! geborenes Kind ohne Bewusstsein und ohne Wahl in die Kirche,! J 1 und er der Vater dieses Kindes fühlte tief, wie sich sein Inneres . j gegen diese Handlung auflehne, fühlte schneidend die Bisse des . j Gewissens, und — mußte schweigen, und konnte sein Her; nicht e i ansschütten au eines Menschen Brust, vor eines Menschen Seele. t | Ach wie anders wär ihm zu MWh gewesen, wenn er sein i Kind nun hätte hintragen dürfen zu seiner Mutter, zu seiner j j I Schwester, wenn er es ihnen hätte Hinhalten dürfen und sagen! >,! können: Seht da, nehmt es, ich habe Euch ein theures Leben | geraubt, ich habe Dir den Gatten, ich habe Dir den Vater :! entrissen; nehmt es, nimm Mutter ein Enkelkind, nimm Schwester , . es ist Dein Bruderkind! nehmt dieses neue Leben als Ersatz . i für das abgeschiedene. In dem Lächeln des unschuldigen Kindes t i wird Euch ein neues schönes Leben erblühn und Ihr werdet t noch glücklich sein! — Ach, wenn er den Trost gehabt hätte,; so hingehen, so mit den Betrübten und Verlassenen reden zu! dürfen! Wie weh war ihm ums Herz, dass er das nicht konnte! [; Marie beobachtete ihren Josef mit stillem Kummer. Sie . j merkte ihm an, dass er etwas auf dem Herzen habe, was er , ihr zu verbergen suche. Dass seine Traurigkeit noch immer in t dem Tode des Vaters seinen Grund habe, schien ihr nicht das i richtige zu sein; denn die Zeit söhnt ja doch alle Menschen mit; solchem Leid ans, der Natur kann Niemand sich entziehen, und i dem Ernst ihrer Forderung weichliches Hinbrüten entgegenzusetzen. anstatt sich mannhaft auszuraffen, wäre kindisch, und das > Trauerjahr um den Vater ging ja bald zu Ende! t Nein, das konnte es nicht fein; eine Düsterkeit des Gemüthes, die mit der Zeit sich nicht verliert, muss eine beständig . fortwirkende Nahrung haben, muss eine Ursache haben, die den Schmerz immerfort aufs neue anfacht. Aber was sollte diese Ursache sein? Sollte Josef in der Ehe sich nicht glücklich fühlen? . Marie war weit entfernt, einem solchen Gedanken Raum zu t geben. Josefs Liebe zu ihr war nach der Hochzeit nicht schwächer geworden, ja sie hatte selbst au jener Zärtlichkeit, wie sie sonst nur der Jüngling dem Mädchen, selten aber auch der Gatte seiner Gattin zu beweisen pflegt, nichts eingebüßi. Josef war gegen sie nach wie vor immer der liebende, zärtliche Mann, derer früher gewesen war. in feinem Benehmen gegen sie hatte er sich lticht geändert, und doch war er ernst nnö traurig! warum? Dass er etwas wie Reue wegen feines Uebertritts zum Christenglauben empfinden sollte, das tauchte wohl wie eine Ahnung in ihr auf; allein sie konnte einem solchen Gefühle nicht so viel Bedeutung zuschreibeu, um sich daraus seine Mißstimmung \n erklären. Josef war freiwillig Christ geworden, ohne dass ihn jemand dazu überredet, und er hat seinen Entschluß gerne ansgeführt; er hat seit feinem Uebertrilt auch als guter Christ gelebt, ging jeden Soilutag so gut wie die andern zur Kirche, und ließ^ auch nie durch ein Wort oder auch nur durch eine Andeutung merken, dass ihm am Christenglauben irgend etwas anstößig sei, oder dass er sich darin nicht ganz heimisch fühle. Und doch war er ernst Ulld traurig! Gar manchmal regte es sich schmerzlich in ihr, wenn sie bedachte, dass er sie als seine Geliebte, als sein vor den Eltern ihm angetrautes Weib doch seines Vertrauens würdigen und ihr die Ursache seines geheimen Kummers mittheileu sollte; allein ihr besserer Geist siegte bald über solch kleinlichen Verdacht und sie bewunderte daun sogar, wenn sie ihn so stille durch die Stube gehen oder bei der Wiege sitzen und sein Kind betrachten sah, in seinem Schweigen den Adel seiner Gesinuungeu, die Großmuth seiner Seele und die sittliche Kraft, die ihn fähig machte, die Bekümmernis seines Herzens mit sich allein herumzutrageu, ohne sich zu offenbaren und in solcher Entäußerung Erleichterung und Trost zu suchen. Finkele trennte von ihren und der Mutter Kleidern die schwarzen Bänder, die Zeichen der Trauer, herunter; denn das Trauerjahr war zu Ende, und Freude sollte jetzt einziehen in das Herz das Mädchens. Ach, die Freude war keine ungetrübte! Ja, wenn der Vater das erlebt hätte, da wärs freilich anders gewesen. Der aber lag draußen auf dem .Guten Ort" begraben in W kühlen Erde, und die Erinnerung an den Hingeschiedenen dämpfte den Seelenjubel, vertonst ein Mädchen durchglüht, wenn es mit dem Geliebten der Deele sich verbinden darf. Finkele sollte Braut werden, und Jakob Löb, seit lange der Gegenstand ihrer geheimen Wünsche und Neigungen, ihr Bräutigam. Die Verlobung stand nahe bevor. Wer hätte nicht schon die Ersah - ruug gemacht, dass in Familien, wo man mit einem Kinde Unglück gehabt hat, dem andern zurückbleibenden mehr kein Wunsch versagt wird, ja, dass man ans Furcht vor einem zweiten Unglück sich nicht genug beeilen zu können glaubt, dem zurückbleibeudeu Kinde die innersten, geheimsten Regungen des Herzens von der Stirne abzulesen und ihnen Wirklichkeit zu verleihen. So war es auch hier. Es ist noch die Frage, ob wenn alles den ganz gewöhnlichen Lauf gegangen wäre und sich nicht so außerordentliches ereignet hätte, Finkel dem Geliebten ihrer Seele so ganz ohne Kampf verbunden worden wäre; denn Jakob Löb war zwar ein tüchtiger Jung, aber nicht so wohlhabend, dass er auf Wolf Ochsenhändlers Tochter hätte Anspruch machen können. Sicher würde der Vater, hätte man diesen Antrag gemacht, sich die Sache überlegt haben, ehe er auf denselben eingegangen wäre, und die Mutter hätte sich gewiss eher auf die Seite des Vaters als der Tochter gestellt. Heute war das freilich ganz anders. Die Mutter brauchte es nur merken, dass Jakob Löb ihrer Tochter nicht gleichgiltig sei, und sie ward dessen eifrigste Auuehmerin und alles,Weitere gestaltete sich ohne viel Hiuzuthun wie von selbst. Insoweit konnte Finkel allerdings von Glück sagen, sie stand am Ziel ihrer Wünsche; allein dieses Glück, durch welche Opfer hat es erkauft werden müssen! Einen Bruder musste sie sich aus dem Herzen herausreißen, den Vater musste sie in die Grube fahren sehen! Dies waren Gedanken, welche einen düsteren Schatten auf den Himmel ihrer Freuden warfen. Uno auch die Mutter, wie konnte eine echte und rechte Freude in ihrem Herzen aufkommen? (Forlsetzmtg folgt.)

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