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Die Wahrheit · 1900-06-16 · Heft 21 (16.6.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 21 (16.6.1900)
Date
1900-06-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Hesterr.-Ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 21. Meitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Jalirg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Are Redaction Zur Organisatiousfrage. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz. (Fortsetzung.) Gibt es in Oesterreich Cantoreuschulen? Wir meinen systematisch organisnte und mit dem Oeffentlichkensrechte und alten seinen Consequeuzeu ansgestattete Anstalten, welche Candidaten bilden, die in allen Bernssdisciplinen einen ganzen Mann in Sach und Fach stellten. An Fachschulen dieser Art gebricht es in Oestereich vollständig, und ihrer gibt es auch selbst in dem an Volksbildnngsmitteln so überaus reichgesegneten Deutschland noch immer keine, oder, wenn man von den glücklichen Anläusen zur Heranbildung von Religionslehrern, verbunden mit einem Elementar-Gesangscurs für diejenigen, die stimmbegabt sind, absieht, so viel wie keine.*) Unsere Gemeinden müssen also, ob gern oder ungern, ein Auge zudrücken, um nicht das Flickwerk zu sehen, das sie sich mit jedem soeben neu ins Amt tretenden Cantore inwirthschasten. Dass sie nichts destoweiiiger sortfahren, An-! spräche zu stellen, die nur der Unsinn von einem Fachneuling fordern und für die größte Rücksichtslosigkeit einem selbst practisch ziemlich eingeschnlten Funcrionär ausbürden kann, ist dadurch erklärbar, dass sie damit Zweierlei erreichen: erstens eine dauernde Sesshaftigkeit des Cautors, die mit mancherlei Unzukömmlichkeiten, am Ende gar mit einem Scheinrecht ans Altersversorgung verknüpft sein könnte, zu verhüten; und zweitens dem Leutegerede, dass der Cantor zu wenig beschäftigt werde, einen Riegel vorzuschiebeu. Dass der Stellenmarkt trotzdem von jener Sorte von Bewerbern wimmelt, die mit Wenigem sich begnügen, ist nicht ihre Schuld, wohl aber die jener Leichtgläubigen, die da meinen, Nachsicht zu finden für partielle Berussschwächen und Rücksicht für solche, die ihre wirkliche oder eingebildete Forceseite bilden. Woher diese Concurrenzensälle sich recrntiren, wer die Ueberzahl jener berussschädigenden Anfängerschast vorgebildet, die wie Pilze aus regenfeuchtem Waldgrunde immer neu und immer mehr hervorschießt, um das in Ehren grau und alt gewordene Cautorenthum zu überwuchern und wuchernd zu verderben .... Wer? Wir wissen es, oder nein, wir wissen es nicht. Gibt es in Oesterreich Cantoreuschulen? Es ist etwas Eigenes mit dem öffentlichen Studium, welches die Welt je nach Bedarf und Nutzbrauch gut und glänzend, zumindest aber gradatim und derart zu belohnen weiß, dass des Studiums Ehren und des Bürgers Zehren gleich gut dabei wegkommen. Dem Cautorenthum als erstclaffigem Träger des gottesdienstlichen Bethauscultus ist seit Menschengedenken und auch bislang noch weder ein bevorzugter noch überhaupt irgend ein nennenswerther Raum im Rang und Gang dieses Studiums zugewiesen worden. Will Einer was werden und ist er in der That wer, so geht er auf gut Glück wo in die Lehr. Er geht des Weges, den nur selten Einer betritt, und muss von vorneherein das mitbriugen, worüber kaum der Hundertste ganz verfügt. Zum singen er geschickt muss sein, mit Gehör und Stimme rein und fein; in der Vätersitte nicht plebejisch uud wohlbewandert im Hebräisch. Er soll der Landessprachen *) Es darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass in neuerer Zeit der „Deutsch - israelitische Gemeindebund" bezüglich Gründung von - Eantorenschulen eine segensreiche Initiative ergriffen hat. (Die Red.) eine oder zwei correct und gut zu reden wissen, um als Mann unter Männern seinen Platz nicht zu missen. Damit allein ist der Wirkungskreis des werdenden Cantors nur andeutungsweise gekennzeichnet, denn noch harren seiner schon für den allerersten Anfang, des öfteren auch in Hinkunst, andere, minder wichtige aber nicht minder schweren Pflichten, die sämmtlich gekannt und wohlgeübt sein wollen für des Lebens herbe Nothdurst. Zu ihnen zählen: Schechita ubedika, Krias hatora wehamegilos, more hadas wehaemuna und noch manche Funktionsausgaben, die, weil männiglich bekannt, nicht eigens hinzuaddirt werden müssen. Und da man nicht gleich in Wien und Budapest oder in anderen volkreichen Landes- und Kreishauptstädten als Cantor angestellt wird, allwo es, wie die Leute meinen, nichts anderes zu thr^l gibt als zu singen und zu ore», die Muse zu pflegen und zu mnsiciren; und da die überragende Mehrzahl aller neuen Cantoren irgendwo und irgendwie den Anfang machen muß, so ist die vorstehend markirte, sehr umfangreich gezogene Grenzliniedes Kennens und Wissens für sie Alle richtunggebend. Dies ist also das buntscheckige Tableau von Nutzkenntniffeu, die man von dir verlangt, so du allen Ernstes Miene machst^ das Brot zu essen, das man im Cultusofen einer jüdischen Kehilla backt. Gepfeffert und gewürzt wird es höchstens noch dadurch, indem man dir in Aussicht stellt: „Sie können, wenn die Gemeinde sich ordentlich dafür einsetzt und wenn der Cnltusreserent bei der k. k. .Statthalterei in X. Ja und Amen dazu sagt, Dispensrabbi. unser Dispensrabbiner, von heute übers Jahr werden. Zu dieser nagelneuen Würde des Dispensrabbiner haben die Patentrabbiner herzbrechende Klagelieder in dis moll mit sechs Kreuzen angestimmt, die so stimulirend wirken, dass kleinere Gemeinden sich zwingen und zu dreien zusammenthun, um diese Blüte der nencodificirten Cultusordnung der Juden in Oesterreich als Zukunstspflanze in ihren eigenen Versuchsgärten auzusetzen. Wo soll der jüdische Cantor all die schönen und guten Sachen lernen, wenn die Gemeinden, die sie brauchen, nichts, rein nichts daznthuu? Können sie der Cantoren entbehren? Ja? Dann schnüre Jeder sein Bündel und lerne ein Handwerk. Aber sie können es nicht und dürfen es nicht; und so lange noch das Jndenthum dem Judenthum huldigt, wird der aus obqualificirtem Holze geschnittene Canror ihnen ein stets seltener werdendes Ding fein und bleiben, in dessen Ermangelung sie dastüuden, wie in einem Heiligthum ohne Priester und ohne priesterliche Bethansordnung. Dahin sind die Zeiten, wo jeder dal habajis den Almemor besteigen durste, mit Sicherheit und ohne Fehl diese oder jene Tefillah nach altjüdischem Sangesbrauch zu verrichten — dahin und gänzlich oder fast gänzlich verschwunden! Was von ihnen der Gegenwart noch übrig geblieben von echten Schrott und Korn, das ist in Dämmer- und Zwielicht j gehüllt wie eine blasse Jugendreminiscenz. Aber auch diese, wenn! sie in ihrer biderben Volksthümlichkeit und blühenden Altväter-! lichkeit noch wie dermal einst vorhanden wären, könnten den j Chasan eome il faiit nur schlecht und den modernen Cantor schon! gar nicht ersetzen. Wohlgemerkt. Dabei haben wir den Cantor j nur als Sangeskundigen allein im Auge, ohne seiner sonstigen j Nebenämter zu gedenken, zu denen sich ein „bal-bues“ nicht um | die Wischehrader Burg hergibt. j Was den Cultusgemeinden zu gute kömmt und sie der" Mühe überhebt zu thun, was ihrer heiligsten Pflicht entspräche, j das ist ein Ungefähr, ein Zufall, ein Jrrthum, so eine Art j laisser passer, aus dem sie Nutzen ziehen ohne Reu- und > Schmerzensgeld. Wir meinen den Schlendrian des Selbstunterrichtes, die privatfleißliche Maffenerzeugung, den selbstlosen Eifer berufener und unberufener Privatlehrer zur Bildung und» 4 v* n. % ma

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