Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 21 (16.6.1900)
- Date
- 1900-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheit. reite 9. Schulung von Cullussuukliouäreu. die ihnen Cantoren in Hülle und Fülle zusühren. Man fragt nicht woher? man fragt nicht wieso? man lässt sich vom Strome in die Strömung tragen und fährt nicht übel dabei. Ins Mark getroffen tvird nur das Eantorenthum allein, dessen Werth entwerthet, beffeti Würde entwürdigt vor aller Welt dasteht. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Fräulein Elsa K o h n, Tochter des Landesschulrathes und Vicepräsidenten der israelitischen Cultusgemeinde Dr. Gustav Kohn, hat Pch mit Herrn Julius Heller, Gesellschafter der Fabriksfirma Heller und Teltscher in Proßnitz, verlobt. Baden Der einstimmig zum Präses-Stellvertreter der hiesigen 'Cultusgemeinde gewählte Herr Anton Schneider, welcher um die hiesige Gemeinde sich besondere Verdienste erworben hat, wurde zum Ehrenmitglieds der Cultusgemeinde ernannt und wurde weiters beschlossen, dessen Bild von einem Künstler auf Gemeindekosten für den Sitzungssaal anfertigen zu lassen. Bregenz (Vorarlberg). Die hier erscheinende amtliche „Vorarlberger Landeszeitung" veröffentlicht jetzt eine Serie von Artikeln „Beiträge zur Geschichte Vorarlbergs" aus der Feder des Landesrabbiners Dr. Tänzer, die in Fachkreisen sehr geschätzt und überaus lobend anerkannt werden. Vor wenigen Tagen wurde Herr Dr. Tänzer zum ordentlichen Mitglieds des „Wissenschaftlichen Clubs von Vorarlberg" ernannt, die erste derartige Auszeichnung, die hier einem Juden zutheil wurde. Der Tiroler Landesverein „Ferdinandeum" in Innsbruck und der Vorarlb. Landes-Museums-Verein in Bregenz wählten Herrn Landesrabbiner Dr. Tänzer bereits früher zu ihrem ordentlichen Mitglieds. Lemberg (Berichtigung). In dem letzten Berichte über den galizisch-jüdischen Gemeindetag wurde irrthiimlich statt des Herrn kais. Rath I a k ob Stroh ein hier unbekannter Storch genannt. Berti«, 6. Juni. Am vorigen Sonntag Nachmittag ist Frau Rabbiner Dr. Maybaum im Alter von 51 Jahren gestorben, heute ist sie «nter regsten Kundgebungen verehrender Liebe für ihr Andenken, innigster Theilnahme für den tiefgebeugten Gatten beerdigt worden. Frau Dr. Mahbaum, die das Leid der Kinderlosigkeit in Ergebung getragen, widmete das volle Maß ihrer Liebe der Fürsorge für fremde Kinder und für die Armen, die ihrem Herzen an Kindes statt galten. Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin, der dem Ehepaar Maybaum seit Dielen Jahren in Freundschaft nahe gestanden, zeichnete in der Verstorbenen nn deren Sarg das Bild ihres selbstlosen Wirkens, die hingebungsvolle Gattin und die Mutter der Bedrängten. In der Friedhofscapelle sprach Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher. Berlin. Der Minister des Innern hat in einem Rundschreiben an "die Regierungspräsidenten verfügt, dass dieselben bei Anträgen auf Namensänderung derartige Anträge für sich allein ablehnen können, dass sie dagegen in Fällen, wo die Anträge als erwägenswerth erachtet werden, dazu die Bewilligung des Ministers einzuholen haben. Wie die „Schl. Ztg." schreibt, soll die Verfügung durch die in letzter Zeit mehrfach in der Presse erhobene Beschwerde über Aenderung verschiedener jüdischer Namen hervorgerufen sein. Die „Berl. Corr." bringt die erwähnte Verfügung schon tendenziöser. Sir meldet, der Minister des Innern bestimmte durch einen Zircularerlass, dass künftig den Gesuchen um Genehmigung der Namensänderung der Personen jüdischen Glaubens oder Herkunft, Lezw. um Gestattung der von übergetretenen Juden bei der Taufe angenommenen Familiennamen nicht ohne vorher einzuholende Genehmigung des Ministers Folge gegeben werde. KoniH Die Kosten der Besatzung von Könitz wegen der antesemitischen Excesse betragen 3300 Mark täglich, welche hohe Summe die kleine Stadt auf Befehl des Kaisers Wilhelm tragen muss, weil sie die antisemitischen Excesse nicht zu verhindern musste. Bisher sind zwei Verhaftungen wegen Meineids vor- Henommen worden. Die Verhafteten hatten frivolerweise unter Beeidigung erdichteter Behauptungen jüdische Einwohner des Mordes an Winter beschuldigt. Der Ilihiliü. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen^ Leben Von Moritz Sitzerbel < Nach druck verboten.) (34. Vornetzung.) Die Geschäftsverhältnisse hatten bei Gebhard Wandelowicz seit einigen Jahren einen Rückgang genommen, der wohl noch immer von der äußeren Welt, um nur den Nimbus großer Wohlhabenheit nicht schwinden zu lassen, geheim gehalten, nichtsdestoweniger von dem angesehenen Kaufmann stark empfunden wurde. Was indeß das omninöse Schriftstück betraf, von welchem die Tante sprach, so machte dies Esther weniger ängstlich, als sie ganz gut wusste, dass schon ihr gegenüber die Drohung nicht zur Ausführung kommen werde. Sie erwiderte ihrer ihrer Tante, dass sie mit ihrem Gatten Rücksprache über die Sache nehmen werde, wiewohl sie sich kaum einen Erfolg davon verspreche. Und sie hatte Recht. Denn, als noch an demselben Abend Esther ihren Gatten von dem Einspruch Debora's betreffs der Verbindung Huldas mit Erich in Kenntnis setzte, fuhr der Mann wie von einer Tarantel gestochen auf. „Und das erdreistet sich das alte Weib mir zu bieten, und Du» Esther, hast die ungeheure Arroganz, die hierin liegt, nicht selbst herausgesunden und ihr dieses freche Verlangen nicht sofort in das unverschämte Gesicht zurückgeschleudert? Erich soll sich einem anderen Berufe zuwenden? Warum? — weil das verrückte Weib es will, weil ihr ein Schritt, der in unserer Zeit kaum etwas Auffälliges hat, als ein Verbrechen schwerster Art erscheint. Und wie? Hast Du ihr etwa Hoffnung darauf gemacht, dass wir auf ihren Einspruch hören werden?" „Ich habe ihr gesagt, dass ich mit Dir darüber reden werde, ja, ich versprach ihr dies erst dann, als sie von gewissen Mitteln redete, die sie zur Unteräützung ihres Veto anwenden könnte." „Mitteln? Was für Mittel mögen das sein? Ah, es ist die alte Geschichte mit — -- ich weiß, welchen Trumph sie auszuspielen gedenkt, wie sie mich zwingen will, das Glück meines Kindes von ihren Willen abhängig zu machen. Allein, sie irrt, wenn sie wähnt, dass ich mich dieser Pression beugen werde. Nein, ich werde es nicht! Ich bin heute ein Anderer als zur Zeit, wo sie mich mit dem verfluchtesten aller Geheimnisse zu beherrschen verstand, ich bin heute nicht mehr der Mann der blassen Furcht. Wohl, sie möge thun, was sie nicht lassen kann — aber Erich heiratet Hulda unter allen Umständen!" „Es ist noch ein Anderes, was dabei auf dem Wurf steht — es sind die 5000 Rubel, die für jedes unserer Kinder von ihr ausgesetzt' Hulda soll sie in keinem Falle erhalten, wenn sie den getauften Erich heiratet." „So — sie will auch das thun", sagte Wandelowitz merklich eingeschüchtert. Er hatte auf das Geld gezählt, umsomehr dies, als Erich arm und kaum die ersten Mitteln zu seiner Einrichtung besaß. „So, das will sie — und wo soll das Geld der Alten, die bereits mit einem Fuß im Grabe steht, schließlich hinkommen?" „Ich weiß nicht, was sie damit beginnen möchte. Du mußt aber jedenfalls zugeben müssen, dass wir eine solche Eventualität nicht außer Betracht lassen können, da Du selbst mir schon über die Mittellosigkeit Erichs Deine Besorgnis ausgesprochen^ und eine Unterstützung von Dir kaum in Aussicht zu stellen vermagst." Wandelowicz sann einige Augenblicke nach, dann sprach er entschlossen: „Es bleibt bei dem Beschluss. Mag die Alte machen, waS sie will. Erich tauft sich in der nächster Zeit, dass er zum Examen gelangt. Ich habe keine Sorge für sein späteres Fortkommen, er wird als Christ schon zu einer ergiebigen Anstellung gelangen. Die Kosten für die Einrichtung werden wohl auch noch aufzutreiben sein." Und dabei verblieb es. Bierzehen Tage darauf trat Erich zum Christenthum über und machte einen Monat später sein Staatsexamen. Die Verlobung des Paares kam nun zum Vollzug und die Kunde davon drang bis in die entferntesten Bekanntenkreise. In Mitau selbst wirbelte das Ereignis viel Staub auf. Es gab daselbst neben den vielen freisinnigen Juden auch genug Strenggläubige, die in diesem Doppelbruche mit der väterlichen Religion eine Ungeheuerlichkeit sahen, die in den Annalen der Gemeinde noch nicht verzeichnet stand. (Fortsetzung folgt.)