Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 21 (16.6.1900)
- Date
- 1900-06-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Nr. 21. Seite 7. Gemeinde- und Vereinsbote.! Wien. Der „Verein zur Hebung der Getverbe in Wien"! erlässt folgendes Circular an die Gewerbetreibenden und Inj tmftiielleii :; Die Klagen und Beschwerden unserer Industriellen und > Gewerbetreibenden über das k. k. Gewerbegericht in Wien haben! sich derart gehaust, dass es unserem Vereine an der Zeit zu sein scheint, den Ursachen dieser Klagen nachzugehen. Zn diesem ' Zwecke erachtet es der Vereinsvorstand am geeignetesteii. durch; eine Umfrage bei den dem Vereine angehörenden Mitgliedern vorerst die bei diesem Gerichte am häufigsten sich zeigenden; Mißstände sestznstellen. Wir beehren uns daher an Euer Wohlgeboren mit dem höflichen Ersuchen heranznireten, den beiliegenden Fragebogen auf einem beliebigen Papier bis 20. d. ■ beantworten. Indem wir erwarten, dass Euer Wohlgeboren; Ihre Erfahrungen in den Dienst unserer Sache stellen werden, bitteri wir Sie, bis längstens 20. Juni Ihre geschätzte Meinung an uns gelangen zu lassen und zeichnen mit vorzüglicher Hochachtung. Für die Vereiiisleitnng: Der Präsident S. Brod, der; Schriftführer Alfred Kisch. 1 Gr. Kanizsa. Nach mehrjähriger Stagnation der seit : einem "Jahrhundert hier bestehenden Wohlthätigkeitsvereine:! Talmud Thora, Bikur Cholim, Sandekanth. Ner Tamid und Machsike Ewjonim, gelang es dem unermüdlichen Eifer unseres Herrn Oberrabbiners Dr. Ed. Nenmann dltrch rastlose Aufmunterung, mehrmalige Intervention und besonders durch seine zündenden Reden an den letzten Festtagen, die jüngere Genera-; ttoii für die Restaurirung dieser Vereine zu gewinnen, ihre akten! Tekanoth in zeitgemäße Statuten nmzusormen und die Verwaltung derselben in die Hände jüngerer Kräfte zu legen. Die am 10. d. abgehaltene Generalversammlnilg hat, indem sie Herrn Oberrabbiner au die Spitze des Talmud Thora-Vereines gestellt, die Wiedereinführung des seit dem j Jahre 1868 erloschenen Separatnnterrichtes für Bibel und i Talmudsofort zum -Beschlüsse erhoben. Ferner wurden als i Obmänner gewählt: für Talmud Thora Herr Moritz Halphen, für Bikur Cholim Herr Jos. Weiser, für Sandekaulh Herr B.! Oestreicher, für Ner Tamid Herr Emil Kohn und für Machsike Ewjonim Herr Albert Rothschild. Die Theilnehmer dieser Generalversammlung haben sich alle diesen Vereinen angeschlossen, ' so dass einem ersprießlichen Wiederausblühen dieser von den Urahnen unserer heutigen Generation gegründeten, gottgefälligen.! Institutionen sreudigst entgegengesehen werden kann. 6-. Berlin. Die israelitische Volksschule in Preußen, so schreibt : .die Allgem. Ztg. d. Jndenthnms, sieht einer wenig verlockenden : Zukunft entgegen. Es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob man diese so segensreiche wirkenden Anstalten nach und nach i gänzlich verschwinden lassen wollte. Schon jetzt machen sich die, Anzeichen geltend, die daraus hindeuten, dass nach einem bej stimmten System gearbeitet wird. So verweigern seit geraumer! Zeit einzelne Bezirksregierungen Lehrern an schwach besuchten; Volksschulen die definitive Anstellung, obgleich jene die zweite § praktische) Lehrerprüfung entsprechend den Forderungen der! „Allgemeinen Bestimmungen vom 15. October 1872' abgelegt j haben. Während man anderen (christlichen) Schnlverbänden zur j Bestreitung von Schullasten Staatszuschüsse in solcher Höhe! gewährt, dass die zu entrichtende Schulsteuer den Satz von 70! Procent nicht übersteigt, müssen die oft sehr steuerschwachen? jüdischen Schulverbände aus eine solche Vergünstigung verzichten;! man begründet gewöhnlich die ablehnenden Bescheide mit der j Motivirung, dass die vorhandenen Mittel anderweitig Verwen-! düng finden müssen. So kommt es denn, dass manche israelitische , Gemeinden mit öffentlichen Volksschulen 200—490 Procent j Schulsteuer entrichten müssen. Da ein Ausbringen von Abgaben j in solcher Höhe für die Dauer aber nicht angängig ist, so sind! die wenig leistungsfähigen Gemeinden gezwungen, die Schulen! auszulösen, eine Maßnahme, die von der Aufsichtsbehörde gern! sanctionirt wird. Auch in anderer Weise tritt das geringe Wohl-! Mollen einzelner Bezirksregierungen den israelitischen Lehrern an > Volksschulen gegenüber in die Erscheinung. Während man den christlichen Lehrern überall da. wo mit dem Lehramte ein Kirchendienst organisch verbunden ist —, § 4 des Lehrer besoldungsgesetzes vom 3. März 1897 — ein erhöhtes Gehalt, beziehungsweise eine besonders sixirte Stellenzulage gewährt, können jüdische Bo ksschullehrer zum Theil an den Bortheilen dieser gesetzlichen Bestimmung nicht theilnehmen. Eine Regierung hat aus ein Gesuch um Festsetzung einer Bergütigung sür Kirchendienst, beziehungsweise Genehmigung derselben als pensionssähige Einnahme dahin entschieden, dass dem Antrag nicht stattgegeben werden könne, da Synagogendienst kein Kirchendienst sei. Der vorerwähnte Paragraph spricht allerdings nur vom Kirchendienste, jedoch wird der Gesetzgeber eine derartige Auslegung nicht im Sinne gehabt haben. Mancher junge Volksschullehrer, welcher unter großen Opfern sich zu dieser Sellung emporgearbeitet hat, ist gezwrulgen, sein jetziges Amt zu verlassen und als „abhängiger" Religionslehrer, dem jede Aussicht aus eine Versorgung im Alter oder bei einer eintretenden Dienstunsähigkeit benommen ist, sein Dasein zu fristen. Aus den bevorstehenden Versammlungen sollen die 'Anstellungsverhältnisse der jüdischen Lehrer eingehend erörtert und über eventuelle Maßnahmen berathen werden. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (31. Fortsetzung.) Mitgefühl, wohl fand er es, ohne dass er's wusste; denn Marien konnte es nicht angehen, dass Joses leide. Wie tief sein Leiden war. das vermochte sie freilich nicht zu ahnen, aber sie sah, dass der Himmel seines Glückes von einer düstern Wolke umschattet sei. Dass der Tod des Vaters einen Sohn mit Traurigkeit erfülle, das ist nun eben nichts Unverständliches; sie begriff und ehrte seinen kindlichen Schmer; und störte denselben nicht durch zudringliche Tröstungen. Von der Zeit allein hoffte sie die Heilung sür diese Wunde, und so beschränkte sie sich daraus, ihm, so viel an ihr lag, das Leben zu verschönern und zu versüßen. Und in der Thal, wo die Liebe die Wurzel des Daseins bildet, was sollte da nicht ausgeglichen werdenWie ward er selig bis in sein tiefstes Inneres hinein, da ihm Marie mit glühendem Gesichte in holder Verschämtheit das Geständnis ablegte, dass sie sich Mutter fühle Da ging er mit Seligkeit und Verkümmernis im Herzen Tage, Wochen ja Monde lang umher, ging seinen Geschäften, welche jetzt die eines Landmauues waren, still und gelassen nach und harrte dem frohen Augenblick entgegen, der ihm erlösende Knude bringen sollte. Der Augenblick kam heran. Marie war eines Töchterchens genesen und Joses war außer sich vor Freude, da ihm die alte Brigitte das Kindchen zum ersten Mal eutgegenhielt. Ein theures Menschenleben war ihm abgestorben, ein neues Leben ward ihm jetzt geschenkt. Ach was ist das ganze Menschendasein! ein ewiges Kommen und Gehen! Geboren werden und sterben, und zwischen Geburt und Grab dieses arme Menschenherz bewegt und erregt von Freude und Kummer, Lust und Schmerz und immer, immerfort die große Unruhe mitten drinnen! Das Töchterlein wurde zur Kirche getragen und getauft. Die Freude des alten Niederhuber,} der Mutter Brigitta, des treuen Honza war unbeschreiblich, das Glück der Mutter unsäglich. Joses aber wusste nicht, wie ihm war; die Taufe des Kindes stimmte ihn ernst und traurig. Sonderbar! Er selbst, in der „Gasse" geboren und erzogen, hatte sich^ losgerissen von allen seinen theuren Jugenderinnerungen, losgesagt von seinen geliebten Eltern und hat ohne Zrudern und Zögern den Akt, der ihn zum Christen umwandelte, an sich vollziehen lassen, ohne sich dabei einen Vorwurf zu machen, ohne sich eines Unrechts bewusst zu sein. (Fortsetzung folgt.)