Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 21 (16.6.1900)
- Date
- 1900-06-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063034--00832-3067369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 21. helfen, aber vergebens. Was geleistet werden konnte, war blos ein Tropfen im Meere. Man veranstaltete in Jassy unter den hungernden Handwerkern Brotvertheilungen. Die Scenen, welche sich dabei abspielten, werden Jedem, der sie gesehen, in schauvernder Erinnerung bleiben. Im Dunkel der Nacht schlichen die Schatten der sonst kräftigen, in den besten Jahren stehenden Handwerker über den langen, finsteren Hof des Vertheilungslocals: sie schämten sich, am Tage zu kommen, sie, die noch vor einem Jahre 30—40 Francs wöchentlich verdienten. Sie kamen bei Sturm und Wind in dünnen, zerfetzten Kleidern (alles Andere hatten sie bereits veräußert), um gesenkten Hauptes die kleine Gabe von 2—3 Broten zu empfangen. Der Schmerz, so tief gesunken zu sein, und die Freude, den Hunger ihrer Kleinen stillen zu können, kämpften um die Oberherrschaft. Ost kamen die Kinder, um an Stelle der vor Hunger und Kälte erkranken Eltern die Brotgabe zu holen. Keine Feder ist im Stande, diesen Jammer zu schildern, kein Pinsel könnte so düster malen, um das Elend zu versinnbildlichen. Die Noth schreitet mit Riesenschritten weiter, sie wächst iu's Ungeheure. Ein planloses Rennen, Retten, Flüchten hat begonnen; Jeder sieht die Erlösung nur im Allswandern. Alle diejenigen, die noch etwas besitzen, verschleudern ihre letzte Habe, ziehen über Len Ocean, nach Amerika, wo sie bereits Verwandte und Leidensgenossen haben, oder zerstreuen sich nach allen Richtungen der Windrose. Die doppelt Bejammenswerthen, die nichts ihr eigen nennen — und das ist die weit überwiegende Mehrzahl — ringen mit dem Hunger, verlieren in ihrer rathlosen Verzweiflung die Macht über ihre Sinne, gehen in's Ungewisie und glauben, durch wilde Flucht ihre Lage zu verbessern; gleich dem Schiffbrüchigen, der dem Tode des Ertrinkens zu entkommen meint, wenn er das sinkende Wrack mit der Tiefe des Meeres vertauscht, folgen sie jedem noch so unsicheren Rath, ziehen nach Anatolien. Cypern, Kreta, China ohne jedwede Vorbereitung, flüchten überall hin, wo die Hoffnung schimmert, eine Scholle Erde zu erlangen, auf der sie ruhig leben und sterben können. Vor einigen Monaten trafen 300 solcher Auswanderer aus Tulcea in Konstantinopel ein, ohne Nahrungsmittel auch für eincn Tag zu besitzeil. Der Sultan, der sich ihrer erbarmte, unterstützte sie, ließ sie nach Anatolien befördern und ihnen Boden zuweisen. Die Verzweiflung geht so weit, dass Viele, die nicht einmal das tägliche Brot haben, sich zusammenschließen, mit Weib und Kind aufbrechen, um, zu Fuß wandernd, die Stätte ihres Jammers zu verlassen. Auf den Landstraßen Rumäniens begegnet man ganzen Zügen erwerbsloser, hungernder Juden, die mit Weib und Kind sich ausgemacht haben, weil das Land, in dem die Gebeine ihrer Eltern und Kinder ruhen, in dem sie geboren wurden, gelebt und gewirkt, alle Bürgerpflichten treu erfüllt haben, der unveräußerlichsten aller Menschenrechte sie mit teuflischer Grausamkeit beraubt. Thränen in den Augen, reißen sie sich los von Eltern, Geschwistern, Freunden, wandern mittellos nach den Grenzen, in der Hoffnung, einen Hasen zu erreichen und einen mitleidigen Schiffsrheder zu finden, der sie zu ermäßigten Fahrpreisen an irgend einen fernen Landstrich bringt, wo sie Zuflucht erhoffen. Das ist gegenwärtig die Lage der Juden in Rumänien. Schwarzes Gewölk ringsum! Am ganzen Horizont kein Hoff' nungsstrahl einer Besserung zu erspähen. Hunger, Ratlosigkeit und Verzweiflung, wohin man sich wendet! Schleunige Hilfe ist erforderlich, um viele Tausende vom sicherem Untergang zu retten. Unsere winzigen Kräfte sind erschöpft, rath- und machtlos stehen wir dieser ungeheuren Summe von Elend gegenüber! Wir sind gezwungen, das Erbarmen der gesammten Judenschaft auzurusen, und wir hoffen, dass der Verzweiflungsschrei in allen fühlenden Herzen ein Echo werkthätiger Hilfe wecken wird. Die Exzesse in Könitz. Die Berichte der deutschen Zeitungen über die Zustände in Könitz geben Jkö Bild einer wahrhaftigen Revolte der von Berliner und einheimischen gewissenlosen antisemitischen Hetzern im höchsten Grade aufgeregten Bevölkerung in diesem westpreußischen Regierungsbezirke. Am Sonntag ist es in Könitz zu Plünderung und Brandlegung gekommen. Der städtische Mob, verstärkt durch die sonst gutartige, jetzt aber vollkommen verhetzte Landbevölkerung, hat zuerst einige in der Nähe der Synagoge gelegene Schuppen angezündet, sodann die Synagoge selbst vollständig demolirt,. um zuletzt dasselbe Zerstörungswerk an den Geschäften und Häusern der in der Stadt wohnenden Juden zu versuchen. Die preußische Regierung hat sich zur Verhängung des Belagerungszustandes entschlossen und damit den festen Willen bekundet, diesen anarchistischen Zuständen ein schnelles Ende zu bereiten. Ein Bataillon Infanterie hat der in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erschienenen Mahnung zur Besonnenheit den nöthigen Nachdruck verliehen. Keine Regierung kann sich den offenen Widerstand gegen die Staatsgewalt ruhig gefallen lassen, wie er hier geübt wurde. Der „Voss. Ztg." wird aus Könitz geschrieben: Schon am Samstag gingen kleinere Ausschreitungen voraus, und der Brand des Schuppens der Synagoge, durch den zugleich einige benachbarte Schuppen, darunter der des Fleischermeisters Hoffmann, zerstört wurden, hatte überdies aufreizend gewirkt, zugleich aber den Ruhestörern das Ziel ihrer Angriffe bezeichnet, indem die Synagoge nun nach der Straße zu freier gelegt worden war. Am Sonntag Vormittag, unmittelbar nach dem Gottesdienste, als eine Menge Landleute in der Stadt waren, brach der Aufruhr los. Die Massen eröffneten ein regelrechtes Steinbombardement auf die Synagoge, bei dem kein Fenster heil blieb, versuchten diese zu stürmen, obwohl einige Gendarmen bei dieser stationirt waren, und sie erreichten ihren Zweck auch, als die Gendarmeriepatrouille abgelöst wurde. Auch das Innere wurde demolirt, und nachdem hier der Wuth durch frische Gendarmeriepatrouilleu Einhalt geboten worden war, wandte sich der Pöbel gegen die Schaufenster der jüdischen Geschäfte. Vergebens boten die Behörden alles Mögliche auf, die Massen zu beruhigen, vergebens begab sich der Landrath, der persönlich sehr beliebt ist, immer wieder unter die Volksmenge und versuchte, sie zum Auseinandergehen zu bewegen. Man begrüßte ihn mit Hurrah und Hoch, aber kaum hatte er den Rücken gewandt, brach der Tumult wieder l?s. Die Polizei und Gendarmerie erwiesen sich als machtlos, den Beamten wurden die Verhafteten von der Menge wieder entrissen und die Polizei selbst wurde thätlich angegriffen. Der Bürgermeister, der Polizeikommissär und Andere sind mißhandelt worden, selbst der Berliner Kriminalkommissär Wehn, der einen der Hauptunruhestifter verhaftete, wurde gezwungen, den Verhafteten wieder frei zu geben; auch wurde er von dem aufgeregten Volke thätlich angegriffen. Endlich hat sich der Landrath genöthigt gesehen. Militär kommen zu lassen und zwei Kompagnien, die Abends aus Granden; eintrafen, haben die Ruhe wieder hergestellt. Die Krawalle scheinen aber auf planmäßigen Vorbereitungen zu beruhen, denn es ist selbst von den höchsten Beamten auffällig bemerkt worden, dass am Morgen des heutigen Tages eine große Anzahl von Radfahrern in die Umgebung fuhren und dann die Lanvleute viel zahlreicher als gewöhnlich in die Stadt strömten. Wenngleich jetzt das ei igerückte Militär wohl die Ruhe aufrecht erhalten wird, so sind doch die Drohungen der Exzedenten, dass sie die Juden todtschlagen und die Stadt an allen Ecken anzünden wollen, nicht leicht zu nehmen, und wir denken schlveren Herzens daran, was werden soll, wenn einmal das Militär wieder abzieht. Nur wenn die Regierung die Ruhestörer, welche sich ja der Staatsgewalt selbst widersetzt haben, exemplarisch bestraft, und vor allen Dingen die Rädelsführer und die Unruhestifter, die von Berlin in unsere sonst so friedliche Stadt gekommen sind, uns vom Halse schafft, kann man der Zukunft mit einigem Gefühl von Sicherheit von Leib und Leben entgegensehen.