Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 21 (16.6.1900)
- Date
- 1900-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21. Die Wahrheit. Seite 5. das Blut eines Christen, eine hämische, gotteslästerische Ver- | läumdung und weder in den Büchern des Alten Bundes, noch! auch in den Schriften des Talmud, den ich genau kenne und j eifrig durchforscht habe, enthalten ist."! Die Jude« in Rumänien. j ii. Im vorigen Jahre folgte die „Reform" des Universitäts j Unterrichts. Dasselbe Princip, wie die anderen „Reformen",; beherrschte auch dieses Gesetz. Der Besuch der medicinischeu! Facultät, der einzigen, welche von den Juden frequentirt wird, i da ihnen von den freien Berufen nur noch der als Arzt gestattet ist, wurde mit einer Taxe von 300 Frcs. für Juden belegt, wodurch dieselben thatsächlich von der Universität verbannt wurden. Die anderen Faculläten, die der Jurisprudenz, der Theologie rc. die kein Jude anfsuchen kann, wurden zum Schein mit einer unbedeutenden Taxe von 40 — 60 Frcs. belegt. Der Cynismus der Regierenden ging so weit, dass sie in das Gesetz die Bestimmung aufnahmen, dass österreich-ungarische Staatsangehörige aus Siebenbürgen und der Bukowina und Bulgarien aus Macedonien, welche dem rumäni'chen Stamm angeboren, nicht als Fremde zu betrachten find. Das hat null zur Folge, dass jüdische , Studenten in rumänischer Militär-Uniform (da mancher während j der Studiums-Zeit feiner Militärpflicht genügt,) als „Fremde" > Schultaxe zahlen müssen, während Qesterreicher und Ungarn, j (darunter sogar Reserve-Officire) nur ans dem Grunde, weil z sie Christen sind und rumänisch sprechen, dem rumänischen Sol- baten, wenn er Jude ist, vorgezogen werden!! Rumänien will auch ein Industriestaat sein. Es wurde; ein Gesetz erlassen, um die National-Jndustrie durch Steuer und Zollermäßigung zu fördern, und diese Begünstigung au die Bedingung geknüpft, dass in der Fabrik nicht, mehr als ein Viertel der Arbeiter jüdischer Nationalität sein dürfe. Der Staat monop.olisirte in seiner Gier nach Einkünften jedes consumfähige Gewerbe, u. zw. die Tabak- Zündholz- und Cigarrettenpapier-Fabrikation. Sofort wurden sämmtliche jüdischen Arbeiter beseitigt, den Juden der Handel mit diesen Erzeugnissen verboten. Dass die in diesen Berufen lhüligen Arbeiter in gräßlichstes Elend gestürzt wurden, dass die Zahl der Hungernden und unstüt Umherirrenden sich abermals vergrößerte, rührten : die großherzigen Negierungsgewaltigen nicht im Mindesten. Der Staat streckt täglich die Arme nach jedem den Inden zugänglichen Erwerb aus, verbietet ihnen. Producteu- und Effecten- Makler zu sein, erschwert ihnen den Erwerb als Spediteure und plant jetzt Gesetze, welche die jüdischen Schuster, Schneider, Maurer rc. treffen sollen. Die Regierung ist bereits a bout de forees; sie hat alles Mögliche gethau, wird vielleicht das nicht mehr Mögliche thun, um die Juden zu unterdrücken. Jetzt ist die Reihe an jedem einzelnen rumänischen „Patrioten", die Juden zu quälen, zu martern und an ihrer Vernichtung mitzuwirken. Theorie und Gesetze haben wir genug, sagen sie, jetzt wollen wir handeln. Es sind Anarchisten der Thar in West-Europa vorhanden, warum sollen im Osten Europa's nicht „Antisemiten der That" blühen? Wir haben doch gehört, dass man im Nachbarreiche vor einigen Jahren Juden todtschlug, ihre Habe plünderte, ihre Wohnungen demolirte, warum sollen wir nicht mit unseren jüdischen Mitbewohnern ebenso versahren? Die Kosten werden sie jedenfalls mit ihrer Haut bezahlen. So entstand unter dem Deckmantel der „rumänischen Cultur-Liga" ein Antisemitenbund, der mit den Slraßenexcessen von Bukarest (17. und 23. November 1898) debutirte, nach vollzogener Organisation seine Apostel nach allen Richtungen ausschickte, gegen die Juden hetzte, deren Boycottirung predigt und überall Erfolge erzielt. Gehören doch Staatsmänner, gewesene gegenwärtige und künftige Minister, fast sämmtliche Deputirte und Senatoren zu den hervorragenden Mitglieder, und leisten ihm doch sämmtliche Behörden Vorschub, um schneller an's Ziel zu gelangen, au die „Austreibung der Juden aus Rumänien Die Schreckeustage von Jassy (Mai 1899) waren die Wirkungen der systematisch betriebenen Minirarbeit. Nach unaufhörlichen Hetzreden ilnd Drohungen in den Borftädren und Dörfern der Umgegend beschlossen die Antisemitenführer (Uuiversitätsstudenten, Professoren und Beamte), den Jassyer Juden eine verschlimmerte und vermehrte Auflage der Bukarester Excesse zu liefern. Unter den Augen, ja, unter der Assistenz der Behörden wurden Manifeste vertheilt, wurden die Christen aufgefordert, sich mit Stöcken zu bewaffnen, um die Juden durchzuhauen, und Kennzeichen für die christlichen Häuser bestimmt. Die höchsten Behörden, der Präfect, der Polizeipräsident, Deputirte und Senatoren förderten dieses edle Beginnen, indem auch ihre Namen auf der Beitragsliste der „Manifestation" prangten. Gau; programmäßig erfolgte zur bestimmten Zeit irnd Strnrde die Ausführung der geplanten Excesse. Sie ausführlich zu schildern ist überflüssig. Die civilisirte Welt hat leider in letzter Zeit oft genug Gelegenheit gehabt, zu erfahren, wie es bei derartigen Gewaltsceueu, die der Raceu- und Natioualhass zeitigen, zugeht. Zertrümmerte Fenster, erbrochene Thüren, geplünderte Läden und demolirte H'nrser waren die Trophäen dieser antisemitischen Großthaten. Ein rumänisches Sprichwort lautet: „Wie bei uns ist's nirgends." So war es auch hier. Die Behörden zeigten eine erstaunliche Gleichgiltigkeit; Polizeibeamte wiesen dem Pöbel die jüdischen Wohnungen au, und mancher „patriotisch" gesinnte Gendarm schlug mit der Spitze seines Bajouets die Fenster ein. Der Staatsanwalt, welcher fürchtete, ihatsächliche Beweise zu erhalten, dass seine Intervention geboten sei. entzog sich dieser unangenehmen Aufgabe durch die Flucht. Man simulirte nachher eine Untersuchung, aber der Universitäts-Rector und der Minister schützten durch ihre Organe die Studenten, welche die Rädelsführer gewesen. Es wurde auch eine Farce von Gerichts-Verhandlung inseenirt, die aber eher einer Antisemitenversammlung glich. Hetzreden tvurden gehalten, man behauptete die Juden hätten provocirt und selbst die Fenster eingeschlagen. Das. Resultat war. dass der Staatsanwalt von der Anklage gegen die Urheber zurücktrat, und nur einige Strolche, alte Bekannte der Gefängnisse, zu unbedeutenden Strafen verurtheilt wurden. Dagegen lvarf mau „zur Sühne" mehrere Juden auf 3—6 Monate, vier andere auf 2 bis 3 Jahre in's Zuchthaus, da die Polizei behauptete, sie hätten Widerstand gegen das Einschlagen ihrer Schädel geleistet. Seitdem 16. Mai 1899gelangten sowohl unsere Glaubensgenossen in Rumänien als auch ihre Geschäftsfreunde im Auslande zu der Ueberzeugung, dass die Juden in Rumänien schutz- und rechtlos, in des Wortes wahrster Bedeutung, vogelfrei und ihrer Habe nicht mehr sicher sind. Allgemeines Misstrauen und ein allgemeiner Geschäftsniedergang begannen, und die ersten Schatten der Krise schlichen heran. Die Missernte und die finanziellen Verlegenheiten der Regierung verschärften die Krise, welche unter den Juden geradezu verheerende Verwüstungen anrichtet. Jeglicher Handelsverkehr stockt, Credite werden zurückgezogen, und die Situatiori der Juden, der Hauptbetheiligten, verschlimmerte sich tagtäglich. Sie haben Jahre lang das Joch der Unterdrückung getragen, duldeten jede O.ual, jede Verletzung ihrer Gefühle als Menschen, ohne zu murren, ohne zu klagen, wenn es ihnen nur möglich war, das trockene Brot für sich und ihre Lieben zu erwerben. Aber nun fehlt es auch an diesem Allernothwendigsten, und das denkbar gräßlichste Elend in jeglicher Gestalt lastet auf den rumänischen Brüdern. Tausende von Familienvätern suchen Arbeit und Brot, ohne sie zu finden Es ließen sich von der Nothlage, die feit vergangenem Winter herrscht und bis zur Stunde andauert, haarsträubende, herzzerreißende Capikel schreiben, die wie ein Schauerroman klingen, aber leider nackte, düstere Wahrheit sind. Säuglinge erfroren in den Wiegen, Eltern stahlen ein Brot, um den Hunger von 6—8 Kindern beschwichtigen zu können. Die Regierung, die als Wahlmanöver Mais aii die Bauern vertheilt, lässt die Juden verhungern und verkommen. Wir sind bemüht, uns allein;u l