Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 20 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Seite 7. Die Wahrheit. von „Fremden" die Rede ist, ohne des Wortes „Jude" zu er-! wähnen. Aber wie bekannt, werden sämmtliche Inden, obwohl i ihre Urahnen bereits in rumänischer Erde ruhen, als Fremde behandelt, jedoch zu allen Pflichten der rumänischen Bürger her- | angezogen. Außer der Geldsteuer müffeii sie auch die Blutsteuer; leisten, und trotz der Bestimmung der Versassung, dass nur! rumänische Burger zum Militärdienst zuznlassen sind, werden! auch die „jüdischen Fremden" gezwungen, denselben zu leisten.! Während vor dem Berliner Congress und auck noch einige Jahre! nachher die Inden es in der Armee, wenn auch mir großen! Schwierigkeiten, bis zum Unterosficier bringen konnten, ist ihnen! seitdem in Folge eines Ministerial-Beschlusses jeder Ausstieg zur j niedrigsten Charge versperrt. Als gemeine Soldaten treten sie! in den Dienst, als gemeine Soldaten müssen sie — mögen diej selben sich noch so sehr auszeichnen — denselben verlassen und? bleiben die ganze Zeit über der Willkür der rohesten Kasernen-! gewaltigen ausgesetzt.! Es sandeu sich einige pflichtbewnßte, hochherzige Inden, j denen der Jammer ihrer Glaubensgenosse l zu Herzen ging, und j sie klagten den Brüdern ihr Leid. „Verräther seid Ihr!" schrie! anan vom Regiernngstische; „Fort ans nnserer Mitte!" und! man schritt sosort zum Erlass eines Answanderungsgesetzes, j welches der Regierung die Besugnis ertheilt, jeden unbequemen j „Fremden" d. h. Inden binnen vierundzwanzig Stunden als i staatsgesährlich über die Grenze zu schassen. j Dr. Gaste r, jetzt Rabbiner in London, und Dr. E. S ch w a r z s e l d, jetzt Secretär der J. C. A. in Paris, machten! den Anhang; sie zogen in die Fremde, viele solgten ihnen, und! dieses „Gesetz" hängt wie ein Damoklesschwert über dein Haupte! eines jeden Juden, wenn er sich zu rühren wagt, oder wenn er! dem Bezirks-Allgewaltigen (Präsecten) nicht angenehm ist. Er j muss über die Grenze; er ist ein „Fremder" in dem Lande, wo! er geboren wurde, wo er alle Bürgerpflichten ersüllte. Unser Patriotismus hals uns ebensowenig, wie unser , Klagen. Wir versuchten es durch Geduld und dachten, die Zeit,! die Alles heilt, wird, auch hier ihren wohlthuenden Einfluss ausj üben und unsere Leiden mildern. Wir wetteiferten, uns resignirl! in alle Ausnahmsgesetze zu fügen, lü.'Ureii uns die rumänische j Cultur arteignen, wollten unsere Kinder in die rumänischen Schulen; schicken, wo sie rrrmänisch denken und fühlen lernen, rrnd wollterr! beweisen, dass wir nützliche Bürger sind und uns nicht, wie die j Gegner behaupten, gegenüber dem Besuch rumänischer Schulen! und dem Contact mit den Rumäniern spröde verhalten. Sämmt- :;liche Unterrichtsanstalten standen uns offen. Unsere Kinder lernten! zusammen mit denen anderer Confessionen, und wir hofften, dass! der Verkehr uub die Intimität unserer Jugend mit der rumünischen sich auch auf die späteren Jahre fortpflanzen und dass i so die Cultur erwirken werde, was der Humanität, der Logik; And dem Rechtsgefühl nicht gelingen konnte. Aber nur allzubald! sollten wir eine bittere Enttäuschung erleben. Es wurde zur! „Reform" des Primar-Unterrichtes geschritten, und gleich die j erste Bestimmung des Gesetzes lautete: Fremde, resp. Juden,! sind nur dann zum Schulbesuch zuzulassen, wenn noch Platz vor- '< Händen ist (vor allem werden Christen ausgenommen), und auch! dann nur gegen Entrichtung einer Schultaxe ,;Fremdeutaxe" Leuannt, 30 Frcs. pro Kopf. Damit war die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Kinder vom Elementar-Unterricht ausgeschlossen. Den Knaben, deren Väter man noch zu den Manövern einberuft, wird gleichzeitig die Thür des Schulzimmers versperrt; mau ruft ihnen mit Malthus zu: „Macht Euch fort, für- Euch ist kein Platz mehr!" und das „Ihr seid zu spät gegekommen" wird in „Ihr seid Juden" variirt. Unsere Glaubensgenossen sind verurteilt, im Zeitalter der Cultur und Civilisation ihre Kinder im Dunkel der Unwissenheit aufwachseu zu lassen, und können j denselben in dem harten Kampfe ums Dasein nicht einmal die Anentbehrlichste Waffe der Elementar-Kenntnisse mitgeben! Der Jude soll eben völlig unwissend und dadurch macht- und wehrlos bleiben, damit man ihn um so leichter vernichten kann. Auch in ihrer größten Roth allzeit bereit, dem Staat zu dienen und zn leisten, ohne eine Gegenleistung von ihm zu fordern, wollten die rumänischen Juden sich selber helfen. Sie gingen daran, aus eigenen Mitteln Schulen zu errichten, indem sie Beiträge von den kaum mehr leistungsfähigen Glaubensgenossen sammelten oder die Fleischtaxe, die sogenannte Gabella, heranzogen. Aber wiedernm beeilte sich die Regierung in ihrer übereifrigen Fürsorge für die Juden, ihnen diese Selbsthilfe zu erschweren und unmöglich zu machen. Verschiedene vexatorische Verfügungen;. B. die, dais die Juden in ihren Schulen sowohl die christlichen, als auch die jüdischen Festtage feiern müssen, erfüllen den Zweck, die Privatschnlen zn vernichten, auf's Wirksamste. Die Regierung beabsichtigt jetzt sogar die Gabella, die einzige Einnahmequellen der Inden für den Unterhalt ihrer Schulen, Spitäler und anderer humanitärer Anstalten, anfznheben. (Bekaltntlich verbietet das rumänische Sanitätsgesetz die Aufnahme kranker Juden in den Staatsspitälern, gestattet ihnen aber, hilfesuchend vor den Thoren derselben zu verenden). — Hierauf ging es an die „Reform" des Gymnasial-, Realnnd Gewerbe-Unterrichtes. Dieselbe Bestimmung, welche die jüdischen aus den Elementarschulen ansschließt, prangt auch an der Spitze dieser Gesetze, nur sind die Maßregeln schärfer uns die Taxen „größer" (60 Frcs. für Unter-, 90 Frcs. für's Obergymnasium) und, da nur wenige Gymnasien vorhanden sind, sindet sich für Juden fast gar kein Platz. Der Gewerbeunterricht ist ihnen gänzlich verwehrt. Von jedem Berns ausgeschlossen und nur im Stande, sich als Handwerker oder im Handel fortzubringen, ist das Verlangen der Inden begreiflich, die Handelsschule zu besuchen. Flugs bestimmte die Regierung durch ein Reglement eine Taxe von 90 Frcs. für die Elementar- und eine solche von 150 Frcs. für die höhere Handelsschule und fügte noch die Beschränkung hinzu, dass höchstens 10 Percenr der Besucher Inden sein dürfen. (Hierdurch veranlasst, errichtete die Bnai Lrith-Loge in Jassy eine Handelsschule für Inden.) Aufruf der Alliance israelite. Theuere G l a u b e ns b r ü d e r! Seitdem die Alliance israelite gegründet ist, hat die israelitische Barmherzigkeit uns gestaltet, bei jeder Katastrophe, welche über unsere Glaubensgenossen hereinbrach, ihnen Hilfe zn bringen. Die grausame Lage der Israeliten in einem Theile von Rußland, in Rumänien und in Galizien legt uns heute die Pflicht auf, einen neuen und dringenden Aufruf an die israelitische Welt ergehen zu lassen. Man kennt die große Roth der Juden Ruß l a n d s. In einem begrenzten Bezirk, welchen zn überschreiten das Gesetz ihnen nicht erlaubt, sind ihrer an fünf Millionen, welche leiden und kämpfen; die schreckliche Concurrenz, welche ihre Anhäufung selbst hervorrnft, setzt die Löhne in ungewöhnlicher Weise herab. Zu dieser fortwährenden Duelle des Elendes ist dieses Jahr der Hunger mit seinen schrecklichen Folgen hinzu - gekommen. Die christlichen Bauern erhalten staatliche Unterstützungen, die Israeliten können nur ans die Hilfe ihrer Glaubensgenossen zählen. In o r e i ß i g Städten haben T a usende v o n Familien kein Stück Brot. Die A l l i a n c e hat ihnen schon bedeutende Hilfe zugesandt; in Rußland selbst hat mau Sammlungen veranstaltet; aber das Unglück ist so ausgedehnt, dass mehr als s e ch s m a l h u n d e r t t a u s e n d Francs nöthig sind, um den Hungrigen bis zur nächsten Ernte ein einfaches Stück Brot zu liefern. Mau kann sich kaum eine Idee der Lage von diesen an Allem Mangel leidenden Unglücklichen machen, die in Krankheiten verfallen, welche die gewöhnlichen Folgen dieses schrecklichen Elendes sind. In Rumänien ist die Stellung der Israeliten noch trauriger als iu Rußland. Seit langen Jahren hat die Alliance für sie die ihnen durch den Berliner Traktat zugesicherte Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte verlangt. Die rumänische Regierung hat die gegen die Mächte eingegaugeueu Verpflichtungen verletzt. Heute noch betrachtet sie die Israeliten als „Fremde" und behandelt sie als solche, obgleich sie seit mehreren Jahrhunderten im Lande