Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 20 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seil.- 4 Die tVayryeu. Nr. 20. wenigstens nicht widerspruchlos geschehen können. Anlass zu den vorstehenden Bemerkungen gibt uns die „Neuerung" des Vorstandes des Tempels im IX. Bez., Müllnergasse, die Mädchencoufirmation dieses Jahres mit dem Hauptgottesdienste am Schabuolhieste zu verbinden. Wir beabsichtigten anfangs, gleich bei der Mittheilung dieses Beschlusses Einsprache dagegen zu erheben, hielten jedoch damit zurück, weil wir abwarten wollten, wie denn diese samose Neuerung verwirklicht werden wird. Was wir nun am ersten Tage des Festes der Gesetzgebung erlebten, hat uns nur in dem Widerspruche bestärkt, der sich gleich anfangs regte. Um eventuellen Misverständnissen vorzubeugen, müssen wir von vornehereiu erklären, dass wir nicht zu den Gegnern der Mädchenconfirmation gehören, trotzdem wir uns dessen vollkommen bewusst sind, dass diese Ceremonie in keiner Weise traditionell begründet und einem fremden Cultus entlehnt ist. Wir fürchten nicht so sehr das Schreckgespenst des „chukkas hagoj,“ glauben vielmehr, dass man Gutes auch von Anderen entlehnen kann, selbst wenn der traditionelle Anknüpfnngspunkt nicht gefunden wird. Andere Zeiten verlangen andere Formen, nur müssen dieselben unfkren jüdischen Einrichtungen angepasst werden. Wir begreifen und billigen es, dass man auch bei dem Mädchen dem. Tage, an welchem dasselbe das zwölfte Lebensjahr vollendet und von welchem angefangeu es au die Erfüllung der religiösen Pflichten, soweit sie vom Weibe verlangt werden, gebunden ist, eine besondere Bedeutung beilegt und ihn mit einer weihevollen Ceremonie umgibt. Das beabsichtigt und bezweckt die Confirmation, die eigentlich eine Prüfung aus der Glaubenslehre darstellen soll. Sie sollte wohl für jedes Mädchen am Tage der Vollendung des zwölften Lebensjahres stattfinden, aber da dies gewiss schwer durchführbar wäre, so lässt sich gar nichts dagegen einwenden, dass an einem bestimmten Tage des Jahres alle Mädchen irgend eines Synagogenbezirkes an der Confirmation theiluehmen. Nur möchten wir Vorschlägen, diesen Tag nicht zur Zeit der christlichen Firmungen anzusetzen, da dies sowohl auf jüdischer wie auf christlicher Seite unnöthigen Anstoß erregt. Wenn weiters die Confirmation, trotzdem sie nicht den geringsten gottesdienstlichen Charakter hat, zur Erhöhung der Weihe des Actes in das Gotteshaus verlegt wird, rvird Niemand etwas Bedenkliches darin finden, ebensowenig als die Vornahme der Trauungen im Tempel bei nicht hyperorthodox gesinnten Juden Widerspruch erregt. Mit gutem Vorbedacht hat auch der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde Heuer wie alljährlich die Abhaltliug der Coufirmationen in den Gemeindetempeln für mehrere Sonntage bestimmt, damit die Eltern und Angehörigen der Kinder an der Feier theilnehmen können und durch die Anwesenheit derselbeit die festliche Stimmung gehoben wird. Aber wogegen wir uns mit aller Entschiedenheit wenden müssen, das ist die vom Tempelvorstande im IX. Bezirke eingesührte „Neuerung", die Confirmation mit dem Gottesdienste am Festtage zu vereinigen, eine Einführung, die nur der crassesten Unkenntnis unserer religiösen und gottesdienstlichen Gebräuche und einer ganz unbegreiflichen Resormsucht entspringen kann. Man wird gewiss daraus Hinweisen wollen, dass auch die Barmizwahfeier während des Gottesdienstes ftattfiubet, aber jeder halbwegs Verständige kennt den himmelweiten Unterschied zwischen Barmizwah und Confirmatiolt und wir glauben auch darum der Erörterung dieses Einwandes enthoben zu sein. Die Confirmation hat mit dem Gottesdienste absolut nichts zu thuu, und es kann, kein ärgerer Misbrauch gedacht werden als diese Vereinigung der Mädchenconfirmation mit dem Hauptgottesdienste am Festtage. Wer der Confirmation im IX. Bezirke am 1. Schabuothtage beiwohnte, die zwischen dem „Einheben" und dem Mussafgebete eingeschobeu wurde, der musste, wenn er sich nur etwas jüdischen Sinn bewahrt hat, zur Ueberzeugung gelangen, dass dieser Act mit seinem theatralischen Ceremoniell die Würde des Gottesdienstes und die Weihe des Tages der Gesetzgebung keineswegs gehoben hat. Ein derartiges Umspringen mit gottesdienstlichen Einrichtungen fordert zu entschiedener Zurückweisung heraus, und man weiß wirklich nicht, was schärferen Tadel verdient, ob das Wagnis des Vorstandes, ohne die Synagogenbesucher um ihre Zustimmung zu fragen, eine solche Einrichtung zu treffen, oder die Willfährigkeit des Predigers, derselben zuznstimmen, obwohl er in seiner Confirmationsrede sich vergebens anftrengte, das „Traditionelle" der Confirmation zu beweisen. Wenn wir nur echte Inden und nicht Kunstjuden wären. Dieser Ausruf entrang sich unwillkürlich meiner schwerbedrängten Brust, als ich in Nummer 18 dieses Blattes die Ansführnngen jenes geschätzten Mitarbeiters las, der unter dem Titel „Zur Linderullg der Judennolh" ans meinen Lemberger Bericht reflectirte. Echte jüdische Männer von antiker Tugend, durchglüht von der heiligen Gotteslehre und jüdischem Bewusslfeiu würden Wunder wirken und die gegenwärtig überaus gefährliche Situation zu mildern, ja in vielen Beziehungen sogar ganz zu beseitigen wissen. Mait bedenke doch, welch", genaue Vorschriften die göttliche Lehre für das jüdische Volk enthält. Wie die Fürsorge eines wam fühlenden Vaterherzens leuchtet es aus all den biblischen Gesetzen, welche sich ans die Pflichten eines jüdischen Bruders gegenüber dem aubcuii beziehen. Der geschätzte Mitarbeiter S. S. meinte, die Juden mögen in ihren Fabriken jüdische Arbeiter aufnehmen. Wie richtig gedacht, und welches großes Stück Elend könnte dadurch von uns genommen werden! Allein der Kunstjude will eben keine Juden, damit seine Kanzlei, seine Fabrik, seine Handlung nicht in den Geruch einer jüdischen komme. Das ist ja das elende Marannenthum der Gegenwart außerhalb der Grenzen des glanbenseinheitlichen Spanien. Der Jude selbst beschneidet und verstümmelt seinen ehrlichen jüdischen Nrmen, um ja nicht als Jude erkannt zu werden, und eben dieses jüdische Judenhassen führt zur Eliminirung der jüdischen Arbeiter aus den ihnen zukommenden Arbeitsstätten. Wir wissen sogar, wie lange noch dieser unnatürliche Zustand andauern wird. So lange, bis einige der jüdischen Kunstjuden von ihren christlichlichen Brodnießern erschlagen aufgefunden werden, aus Consequenz echtchristlichen Judenhasses. Wie viele Phrasen wurden da aufgebrancht, um die Boryslawer Arbeiter von ehrlichem, lebensgefährlichem Verdienst fern zu halten, und wodurch unterscheiden sie sich von den antisemitisch-arischpolnischen Praktiken, die es verstanden haben, die braven Familien von ihrem Broderwerbe zu verjagen, welche muthig dem I Tod ins Auge schauten, um nur das kärgliche Brod des Elendes | genießen zu können? Lächerlich. Die allmächtigen Schlachzizen! nahmen Rache an den armen Juden und verlangten von ihnen I die Ablegung einer polnischen Prüfung, wohl in der edlen Absicht, eine Augenblende hinzustellen, um dort wo ihr bestialisches Raffinement einsetzt, so und so viel Juden zum Hungentode verdammen zu können. Der Mustergeber jenes feinen Jesuitencoup s hat freilich nur die reichen Juden in Galizien abhalteu wollen, Latifundien zu erwerben, und verlangte vom Geldjuden auch die Beilegung eines Gymnasial;eugniffes. Damals hat man sich dagegen gewehrt, heute, wo tausende Arbeiterfamilien auf der Proscpriptionsliste stehen, lässt man es gewähren. { Ein anderes Beispiel. Ein jüdischer Baron in Wien, vermacht eines der herrlichsten und großartigsten seiner Besitzungen — vielleicht armen jüdischen Ackerbautreibenden? Gott bewahre. Er verschenkt es, um schönen, jungen Mädchen ein für allemal und für alle Zeiten ein fashionables Jungfernheim zu bieten. Hat der adelige Herr eine Idee, wie viele jüdische ehrenhafte Mädchen von achtbaren Eltern unter dem harten Kampfe ums Dasein bleich und welk wie Schatten einherziehen? Oder sind ihm die Töchter Israels minder berücksichtigungswürdig. Müssig alle diese Fragen. Die Antwort ertheilt die Affimilationsaera, ihre Lebens- und Erziehungsweise. Schwer fällt es, die unter ihrer Dressur blind- und lahmgewordenen auf den rechten Weg