Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 20 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die WayrHsit Redaction u. Administra.ion Wien. II/l, Novaragaffe 27. Aliakhängige Heiischrifi fi'tr Mische ft f. österr. Postjparcasia Check-Conto Nr. 846.251. Aniere-sen. i Infttatc: 20 Heller per Nonpaieille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. ■ JRotfo: „Pas Siegel Gottes ist Wahrheit!" Ganzjährig . . . ft. 12-— Ij Halbjährig . ... ft. ii — | Für Lultusbeamte: ij Ganzjährig . . . Jt. 10.— || I; Für Ausland: jj Ganzjährig .... :2 Mark jj 6 Rubel oder 16 Frcs. I; Ar. 20. Wien, 8. Zuni 1900. Inhalt r Helfet Euren Brüdern! — Die Mädchenconfirmation. — Wenn wir nur echte Juden und nicht Kunstjuden wären. — Ein unlöslicher Cvnflikt. — Die Juden in Rumänien. — Aufruf der Alliance Israelite. — Beschränkung der Judenrechte in Russland. —'Litteratur. — Feuilleton: Heimweh. — Gemeinde- und Vereinsbote. -- Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. Helfet Euren Ärudern! Die in der letzten Generalversammlung der „Wiener Allianz" allsgesprochene Befürchtung, dass die Inden in Rumänien vor einer nothgedrungenen Auswanderung stehen und in kürzester Zeit hilfesuchend an unseren Thoren pochen werden, hat nur zu bald eine traurige Bestätigung gesunden. Durch pharaonische Regierungsmaßregeln und wirthschastlichen Nothstand werden Tausende von Glaubensgenossen aus ihrer Heimat vertrieben, und wir hatteri gestern Gelegenheit, im Bureau der „Israelitischen Allianz" eine Truppe solcher Auswanderer zu sprechen, 1 die aller Mittel entblößt, zumeist in beschwerlichen Fußmärschen den weiten Weg nach Wien zurückgelegt hat. Es sind fast durchwegs junge Leute, die in Rumänien ihre Militärpflicht erfüllt haben und trotzdem als „Fremdlinge" behandelt werden. Mit ihren kräftigen Armen hätten sie gerne nach jeder Arbeit gegriffen, um sich den kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen, aber alle Existenzbedingungen wurden ihnen mit grausamer Hand entzogen und sie waren gezwungen, nach dem Wanderstabe zu greisen. Gräßlich sind Schilderungen ihrer eigenen Leiden und jammervoll ist das Schicksal ihrer in Roth und Elend zurücki gebliebenen Brüder, die bald den gleichen Weg werden anlreten müssen. Man muss nicht Jude sein, sondern nur ein fühlendes! Menschenherz in der Brust haben, um angesichts solchen Elendes | zu thatkrästiger Hilfe angespornt zu werden. Die Israelitische! Allianz in Wien" hat eine umfassende Hilfsaction eingeleitet,; da aber ihre eigenen Mittel zur Linderung der großen Noth! nicht ausreichen, wendet sie sich im nachstehenden Ausrufe an! alle Glaubensgenossen, durch ausgiebige Geldspenden mitzu-; wirken au diesem Werke der Befreiung unserer Brüder aus , Not und Elend. Rasche Hilfe ist hier am Platze, und so appelj liren auch wir an alle, die den jüdischen Namen tragen, das > so oft gerühmte jüdische Herz zu bethätigen und die Hilfsaction! der „Allianz" kräftig zu fördern. Aufruf! Ein Nothschrei von mehr als zweimalhunderttausend, in; namenloses Unglück geratener Anden dringt aus Rumänien in i die Welt hinaus. Die Lage der Juden in Rumänien ist bereits j seit langem die denkbar traurigste geworden, seitdem man für! sie nämlich die Bezeichnung „Fremdlinge" erfunden, sie aller j bürgerlichen Rechte beraubt und ihnen nur die Erfüllung von; i Bürgerpflichten beließ. Inden ist als Fremden die Bethätigung i im Handel und Gewerbe unterbunden, und sogar der Zugang zu den Unterrichtsanstalteu wird der Heranwachsenden Äugend so gut wie vermehrt. Dieses Elend in ihrem Paterlande erfuhr durch die zwei letztjährigen Mißernten eine ungeheuerliche Steigerung. Während die Regierung für die Nichtjudeu Nothstaudsarbeiteu verfügle und unter die Hungernden Brot vertheilt, find Anden als fogenauute „Fremde" auf den Aussterbeetat gesetzt worden. Ueber 200,000 Anden sielen dadurch grenzenloser Verzweiflung anheim. Dringendst ist die Pflicht, zu helfen. Da an eine Auswanderung und Verpflanzung einer solchen Menschenmenge in fremde Länder gegenwärtig nicht zu denken ist, muss sich die Hilssaction zunächst darauf beschränken, die Hilfsbedürftigen in Rumänien selbst zu unterstützen, um es ihnen zu ermöglichen, die schwere Hungerzeil bis zur voraussichtlich günstigen Ernte dieses Jahres zu überdauern. Hiezu sind aber bedeutende Geldmittel erforderlich. Wir richten daher an alle Glaubensbrüder und au alle Menschenfreunde die inständige Bitte, unsere Hilssaction durch Geldspenden ausgiebig und ehebald zu fördern. Gaben übernimmt die „Israelitische Allianz in W i e u", I., Weihburggasse 10, und auch die Redaction dieses Blattes. Die Mädchenronfirmation. Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir uns so oft genöthigt sehen, gegen Misstände unsere Stimme zu erheben. Wir sind freilich nicht naiv genug zu glaubert, dass lvir in unserem Bestreben von großem Erfolg begleitet sein werden; denn leider steht dem ein Hindernis entgegen, das schwer zu beseitigen ist: die Indolenz. Es ist aber auch ganz unglaublich, was unserem Publicum heute zugemuthet werden kann, ohne dass sich sein Unwillen gegen Jene kehrt, die sich geradezu Eingriffe in ihre eigensten Rechte gestatten. So wenig wir uns aber auch Erfolg versprechen, so ivollen wir uns dennoch in unserem Borhaben, rückhaltslos und ohne Rücksicht auf Persönlichkeiten die Finger an wunde Stellen zu legen, nicht irre machen lassen. Wir hoffen doch allmälig das öffentliche Gewissen wachzurufen, auf dass Dinge, in denen wir und mit uns zweifellos viele Gemeindemitglieder eine Schädigung unserer religiösen Einrichtungen sehen,