Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 19 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 10. Die Wahrheit. Nr. 19. Jeder von uns in seiner Macht, die sträfliche Indolen; und den stoischen Gleichmuth für Alles, was da kommen mag, abzustreifen, willig und gerne dem Rathe gehorchend aus verständig sprechendem Führermunde, es stünde wahrlich besser und hoffnungsvoller um uns und um unsere Standessache! Wie soll ein im Wohl und Weh des Cantorenvolkes besteingeweihles Organ vorwärts kommen, wenn die Mehrheit der Genossen, zu deren Gunst es sein Bestes stets einzusetzen bereit ist, ihm gegenüber wie Katz und Maus sich verhält? Kann ein Verein prosperiren, wenn er siebzig Mann und was darüber zu seinen Mitgliedern zählt? Woher, von wessen Hand und durch welche Führerschaft soll die neuangeregte, dringend gewünschte und dringlichst nothwendige Organisation organisches Leben erhalten? Das Cantorenthum — es kennt sich nicht; es lebt und webt chacun pour ßoi, Dieu pour tont. Es bastelt und wurstelt, rackert und schindet Jedermann sich für sein eigen Ich. Die Gemeinschast — sie ist ein Schall, das Gemeinschaftliche, das uns mit und in gleicher Bethätigung der ungleich schweren Tagesobliegenheiten allesammt uns vereint — wer mag, wer will noch etwas davon wissen? So umerwühlen wir mit eigenen Händen, was wir vor nicht allzulanger Zeit selbst geschaffen oder in einer glücklich aufwallendcn Gemnthsstimmung es haben schaffen Helsen. Und nur vereinzelte Stimmen werden laut, ersterbend schwach Klage darüber führend, dass wir Stück um Stück von dem Schwererworbenen in die Brüche gehen sehen. Das bischen Cantorenthum versnmpit und verschrumpst in seiner weltflüchtenden Zurückgezogenheit, es verknöchert und verkalkt sich immer mehr, immer tiefer in eine Versunkenheit, der nichts gleicher sieht als die rettungslose Hinsteuerung ins blanke Nichts. Man staunt über die Unverfrorenheit der Anforderungen, welche Gemeinden, die nichts heißen, wenig haben und dennoch etwas sein wollen, an ihre gottesdienstlich thätigen Funktionäre stellen, und wundert sich, dass es Leute gibt, sogar Cantoren oder solche, die sich nur so heißen, die Alles lhnn oder thnn zu können meinen für einen wahren Hungerlohn. Um des lieben Broves tvillen muss Jedermann sich redlich mühen, aber Jedermannes Sache ist es nicht zu können, tvas die Leistungspflicht heischt und zu leisten, was das Könnvermögen nicht zu bewältigeir vermag. Und immer mehr, immer stärker häuft der Zugang und Zndrang zu Aemtern sich, die der Hundertste nur zur vollen Zufriedenheit seiner Mandanten ausfüllt. Und sträubt sich Einer und bäumt sich auf wider die Last, die ihn schwer niederbeugt, dann Weh' urid Ach dem armen Sünder! Eine Legion, nach Hunderten zählend, wartet seiner, an seiner statt einzuspringen, um nach Jahr und Tag dazustehen wie der majorisirte Vorgänger. In diesem ewigen Wirbel des Kommens und Gehens von Leuten, die einen Cultus, den Gottescultus erwerbshalber und selten nur aus inneren frommen Drange pflegen, liegt der Krebsschaden des ehrlichen, seinem Berufe treu ergebenen Cantorenthums. Daran auch geht das Ansehen und die Würde jener Gemeinden zugrunde, die den Wechsel lieben des Wechselreizes halber. — Nun darüber lässt sich die jüngstmoderne Judenschaft kein graues Haar wachsen, auch dann nicht, wenn man ihr das bishen Judenthum mit völligem Unrecht und großem Affront als Spott und Hohn ins Gesicht schleudert, wenn man ihr sagt: Ihr seid Juden, um nicht jüdisch zu fühlen^; alle Ceremoniescheuheit und alle freireligiösen Allüren helfen Euch übers Judenthum nicht hinweg. Die das sagen sind freilich nur Antisemiten, Clericale oder höchstens noch andere goim, die Christen sind ohne um die Grnndlehren Christi sich einen Pfifferling zu scheren. Doch was ficht uns dergleichen an? Reden wir lieber von der Sache und zur Sache selber. Probevorträge en masse, wie sie bei uns anlässlich einer neu zu besetzenden Cantorstelle ganz und gäbe sind, gibts nirgends in der Welt, es sei in der profanen Geschäfts- und Theaterwell oder gar bei kirchlichen Vacanzen. Diese Art der Postenvergebung mit möglichst reichem Zulaufe ist ein Zug aus den sonderlichen Grundzügen des Neunzehner-Jahrhunderts, eine Zerr- und Spottgestalt des mißverstandenen Fortschrittes, die selbst vor dem gottgeweihten Hanse einer culturtragenden Altnation kcinen Halt macht. Alles was Schriften hat, vorschriftsmäßig petitionirt und den Mund recht voll zu nehmen weiß,' kommt in die engere Wahl und hat Aussicht berufen zu werden oder wird auch tatsächlich berufen. Je nach Wohlineinung und Vorschlag der Berufnngscoiiimission, beginnt der Reigen bei dem oder jenem. Es folgt ein Zweiter, ein Dritter, ein Vierter n. s. w., bis das Urtheil durch, ein Gegenurtheil so durchkreuzt und wankend dasteht, dass man in der Regel denjenigen acceptirt, dem ein Vetter, ein Schutzherr oder sonsteine wichtig und breit die Lage beherrschende Dignität gehörig vorgebettet. An Spesen wird nichts ersetzt oder nur höchst selten für das Allernotwendigfte Ersatz geleistet. Wozu auch? Wer einen Posten sucht, muss sich's kosten lassen, gleich viel ob er's hat oder nicht, ob er in seiner Gemeinde sich dadurch mißcreditirt und seine Stellung die Halbswegs sicher ist, völlig haltlos macht. Von diesem Gesichtswinkel betrachtet, erblicken wir nur jenes fiorante Cantorenmaterial, welches stets bereit ist, Stelle um Stelle um ein Linsengericht, zuweilen auch um eitel Nichts einzutauschen. Man hat es glücklich in der heiligen Mission des modernen jüd. Cantorenthums bis zu einer Art Strauch- und j Jndustrieritterthum gebracht; und dort, wo gestern noch ein würdiger Mann würdevoll seines Annes gewaltet, kann heute schon Einer wirken, der sonst ein Niemand und Thunichtgnt von Beruf ist. Das ist indess noch immer das Schlimmste nicht; die Vererber des Bösen und Verderber des Guten erstehen dem Cantorenthnm aus dem Nachwuchs, aus der Jugend und Blüte der cantoralen Amtsnachfolgerschast, mit der es sich gartrefflich experimentiren lässt und mit welcher sonst ernste und ganz reputirliche Gemeinde mit Vorliebe experimentiren. Nur ungerne seh' ich mich gedrängt, auf ein Gebiet zu übergreifen, dessen Mißton wie ein Spottecho hässlich und grässlich im Herzen Aller nachzittert, und das auch ich nur mit Zagen und Zaudern betrete. Zur Rechtfertigung und Begreiflichmachnng des Organisationszweckes muss Alles besehen und Alles durchhechelt werden, was sonst uns niedrig und widrig im Leben erscheint; und darum wollen auch wir den Nachwuchs prüfen, jenen Nachwuchs, der mitunter aussieht wie ein Auswuchs. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Carl Goldmark hat aus Gmunden an Baurath Stiaßny, als Präsidenten der Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von? Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums nachstehendes Schreiben! gerichtet: „Meine hochgeehrten Herren! Empfangen Sie meinen herz-! lichsten innigsten Dank für die große Ehrung und Auszeichnung, die Sie mir durch Ueberreichung der schönen Adresse anlässlich meines 70. Geburtstages bereitet haben. Ich bin mir des Wertes der sympathischen Gesinnung io hervorragender ausgezeichneter Männer vollbewusst. Herzlichst dankt nochmals des löblichen Vorstandes sehr ergebener Carl Goldmark." Wien. In der Familie des Herrn Ignaz Simon, eines Bruders des Cultusvorstehers Director Simon, wurde am 20. Mai das Verlobungsfest der^Tochter, Frl. Fanny Simon, mit Herrn Ernst Ehren, seid, Procuristen der Ersten Ungarischen Allgemeinen Assekuranz-Gesellschaft in Wien, begangen. Wien. Im Tempel 9. Bez., Müllnergasse, fand letzten Samstag die B a r w i z w a - F e i e r des jüngsten Sohnes des allverehrten Obmannes des Tempels, Herrn Gottl. Bettelheim, statt. Der Tempel war festlich beleuchtet und von zahlreichen Vorstandsmitgliedern, wie Bezirksausschuß Dr. Schnepp, kais. Rath Wilhelm, Commercialrath Neustadt! und vielen Gästen besucht. Herr G. Bettelheim erschien zur Thora und machte namhafte Spenden für verschiedenen Wohlihätigkeits» institute, worauf dessen Sohn Carl zur Thora gerufen wurde und die Haftorasehr hübsch und correct vortrug. Rabbiner Dr. Gelbhaus hielt die übliche Ansprache an den Barmizwa und Obercantor Kläger recitirte den Mischeberach.