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Die Wahrheit · 1900-06-01 · Heft 19 (1.6.1900) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 19 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seite II. Koket. Am 13. Mai verschied hier nach kurzem Krankenlager Herr Heinrich Löb Kohn im Alter von 87 Jahren. Der Verblichene war ein Muster von Ehrlichkeit und Biederkeit, seine Frömmigkeit war grenzenlos und trotzdem er nicht mit Glücksgütern gesegnet war, unterstützte er, indem er seine leiblichen Bedürfnisse einschränkte, in reichlichem Maße die Armuth, besonders aber verschämte Armuth; außerdem setzte er seinen ganzen Einfluss bei seinen Bekannten ein, um sie zur Wohlthätigkeit anzueifern, was ihm auch in zahllosen Fällen gelungen ist. Wehmutsvoll blicken die Tempelbesucher auf seinen Sitz hin. den der Verblichene seit frühester Jugend Tag für Tag auch bei der schlechtesten Witterung, wenn er nicht durch Krankheit verhindert oder verreist war, auffuchte, und als er im letzten Jahre erblindete und nicht zu bewegen war, den Tempelbesuch aufzugeben, ließ er sich von einem Schulknaben täglich führen, wobei er am Ziele angelangt, dem kleinen Führer ein Geldgeschenk in die Hand drückte. Das Leichenbegängnis gab Zeugenschaft, welche Verehrung und Achtung man allgemein dem Heimgegangenen zollte, und kein einziges Mitglied unserer Cultusgemeinde unterließ es, dem theuren Verblichenen die letzte Ehre zu bezeugen, und trotz des strömenden Regens blieb Jeder bis zum Schlüsse der Bestattung. Der Sarg wurde in das Gotteshaus getragen, wo Herr Rabbiner Adolf Weiß in einer ergreifenden Trauerrede die Verdienste des Verstorbenen um seine Gemeinde und das ganze Judenthum schilderte. Auch der älteste Sohn des Dahingefchiedenen, Herr Jacob Kohn, hielt dem Vater einen warmen Nachruf. Auf dem Friedhofe sprach Herr Rabbiner ,Dr. Groß aus Lundenburg. Die cantorale Function versah Herr Cantor ,Blau in erhebender Weise. ßroat.Kreutz Am 27. Mai feierte der hiesige Kaufmann und Sparcassen-Director, Herr Mirko Breyer, der sich in allen Kreisen großer Werthschätzung und Verehrung erfreut, das 25jährige Jubiläum als Vorsteher unserer Cultusgemeinde. Die vielfachen, dem Jubilar dargebrachten Ovationen fanden ihren Abschluss in einem Festmahle, das die israel. Cultusgemeinde Mittwoch Nachmittags dem Vorsteher zu Ehren veranstaltet hat. Eine illustre Gesellschaft hatte sich eingefunden. Das Bankett nahm um 2 Uhr Nachmittags unter Klängen der hiesigen Stadtinusik seinen Anfang. Erschienen waren: der Bürgermeister, der Bice- Bürgermeister v. Kiepach, Bezirksvorstand v. Trnsky, Bezirksrichter Semitekelon, Chef des Postamtes Vetrovic, die israel. Vorstände der Belovarer und Kvpreinitzer Cultusgemeinde, unserer Rabbiner Dr. Engel mit dem gesammten israelitischen Gemeindevorstande. Den ersten Trinkspruch brachte Herr Graff, kön. Bezirksadjunkt, auf Se. Majestät aus, den zweiten brachte Herr Goldschmidt, k. u. k. Reservelieuteuant, auf Se. Erc. den Banus aus. Herr Mirko Breyer brachte einen geistreichen Toast auf die Stadt Kreutz und einen sehr schmeichelhaften Toast auf unseren Rabbiner Dr. Engel aus. Herr Anton Katz, Sparcasse-Director brachte einen Toast auf den Jubilar aus. De» Höhepunkt erreichte die Festesstimmung, als der Rabbiner Herr Dr. Engel das Wort ergriff. Derselbe sagte, zu dem Jubilar gerichtet: „Ihre an Arbeit und Erfolgen reiche 25jährige Laufbahn enthält eine Reihe hervorragender Verdienste. Mit grenzenloser Begeisterung unvergleichlichem Eifer haben Sie stets zum Wohle der Gemeinde gearbeitet, keine Anstrengung, keine Mühe und keine Zeit scheuend. Ihrem nie erlahmenden Eifer verdanken wir unseren herrlichen Tempel mit seiner glänzenden Einrichtung. Ihrem mühvollen Bestreben den schönen Gottesdienst. Indem ich als Echo der allgemeinen Anerkennung Ihnen den wärmsten Dank ausspreche, wünsche ich Ihnen, dass die Gnade Gottes Sie noch lange leben lassen und Ihr Werk stets von Erfolg gekrönt sein möge." Vorsteher Breyer dankte in bewegten Worten für die ihm dargebrachten Ovationen. Dem Bankette gieng ein Gottesdienst im Tempel, voran, dem der Oberzespan und Vicegespan zu Belovar- Rabbiner Tauber und alle Obgenannten beiwohnten. Nach dem Gebete von Obercantor Buxbaum hielt Rabbiner Dr. Engel eine gediegene Rede in kroatischer Sprache. Stunde der schmerzlichen Erregung, des Kummers und des Grames gebracht. Frcmma hatte allen Anstürmen der Eltern und Geschwistern, Alexander aufzugeben, Stand gehalten. In ihrer Seele blieb derselbe das Bild der edlen Männlichkeit, des starken Geistes, der für die erhabenste Idee des Jahrhunderts e ntrat, mit seiner innersten, vollsten Ueberzeugung für sie eintrat. Wohl hätte sie diese Seelenkrast auf anderem Gebiete und in anderer Form verwendet, gerne gesehen — da aber das Schicksal einmal Alexander auf diesen Weg geführt, so bewunderte, verehrte und liebte sie ihn deshalb nicht weniger. Nach den fast täglichen unliebsamen Auseinandersetzungen trat endlich eine Zeit des ruhigen Nebeneinandergehens ein, als Briefe von Clara eintrafen, welche die Angelegenheit in ein anderes Fahrwasser brachten. Sie berichtete zuerst von dem wunderbaren Zusammentreffen mit Alexander und verschwieg auch die Sympathien nicht, die sie selbst für denselben eulpfand. Unter Anderem äußerte sie sich: „Er ist einer der irregeleiteten jungen Männern, wie sie die jetzige Zeit so zahlreich aufzuweisen hat. In Begeisterung aufflammend für ein Ziel, für eine Idee, worin sie die Beglückung der Menschheit zu schauen vermeinen, haben sie keine Augen für die Unmöglichkeiten, die sich ihnen dabei entgegenstellen und stürzen blindlings ins Verderben. Alexander Wandelowicz zählt zu ihnen, aber er ist auf der Rückkehr begriffen, und ich würde nrich, wie Ihr mich kennt, kaum zu einer Vermittelung zwischen ihm und Erich hergegeben haben, wenn ich nicht eine völlige Umwandlung seinerseits als sicher vorzusetzen im Stande gewesen wäre. Was seine Familie anbetrifft, so gehört sie, wie ich auf meine Erkundigung erfahren, zu den geachtetsten Mitaus. Näheres noch bei meiner Anwesenheit bei Euch, was wohl in kurzer Zeit der Fall sein wird." In gleicher Weise schrieb Clara auch an Fremma und gab hierdurch deren Hoffnungen die lebendigsten Farben. Liebte sie ja Alexander, als er ihr als Auswurf der Gesellschaft hingestellt, um wie viel mehr musste es geschehen, als er ihr von der Schwester in so vortheilhaster Weise geschildert wurde. Sie wusste ferner, dass Alexander sich jetzt in Sicherheit befand; was später geschehen werde, darüber glaubte sie sich keine Sorgen machen zu müssen. Sie erhielt in kürzeren Zwischenräumen Briefe von ihm durch die Vermittelung Claras und beantwortete sie auf demselben Wege. Deborah war nach Mitau zurückgekehrt und auch Gothard Wandelowicz war zu Hause. Beide hatten das Bewusstsein, dass Alexander einstweilen in Sicherheit sich befinde, und waren im Stande, auch dessen Mutter seinethalben beruhigen zu können. Deborah war nicht wenig erstaunt, bei ihrer Heimkehr nicht blos ihre Großnichte Hulda anzutreffen, sondern mit ihr auch einen jungen Mann, der eben anch zu den Verwandten des Hauses zählte. Ericb Groß war ihr von früher her bekannt, er war als Knabe einmal zu Besuch bei Wandelowicz gewesen, ließ sich aber seit jener Zeit daselbst nicht mehr blicken. Warum, und zu welchem Behufs er jetzt anwesend war, wurde der scharfblickenden Frau bald klar. Außerdem erfuhr sie auch von der Mutter Hulda Näheres über das Verhältnis zwischen den beiden und die Mittheilung, dass sowohl sie, Estherchen, wie auch ihr Gatte nichts an der Partie auszusetzen hätten. Das konnte Deborah eben auch recht sein. Später aber, als sie erfuhr, dass Erich im weitern Verfolg seiner Carriers und schon sogar vor Ablegung des Staatsexamens die Taufe annehmen musste, stieß sie das so sehr vor dem Kopfe, daher sie dieses ' Project mit allen erdenklichen Mitteln zu Hintertreiben suchte.! Sie begann damit in Esther eine Bundesgenossin zu suchen und! sie von der Sündhaftigkeit einer Verbindung zu überzeugen, welcher der ererbte väterliche Glauben in erster Reihe als Opfer fallen müsse. Wir finden die beiden Frauen an einem Nachmittage, als Alles im Hause ausgeflogen war. bei Behandlung dieses Gegenstandes. Der Nihilist. Ein Zeitroman a u s dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbel- (Nachdruck verboten.) <32. Fortsetzung.) Gabriel wusste mehr als Alle, aber er litt auch mehr. Er trug die Marter, die seiner Seele auferlegt war, still für sich. Niemand, selbst leine Mutter nicht, durfte etwas davon erfahren. Dort bei Abraham Glanzberg hatte die Zwischenzeit noch manche „Du möchtest, liebe Mume Dore," sprach Esther, „die Welt auf dem Punkte festhalten. auf welchem sie sich vor 50 Jahren befunden. Alle so leben und handeln sehen, wie Du selbst es lhnst. Allein, das ist eine natürliche Unmöglichkeit. Zeit und Welt schreiten weiter und mit j ihnen anch die menschlichen Anschauungen und Ansichten, Du bist daher im Unrecht, wenn Du Dich der Verbindung Huldas mit Erich entgegen- > stellst, weil er sich wird taufen müssen. Sage, was ist denn an chm noch I Jude?“ (Fortsetzung folgt.)

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