Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 19 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-Ungar. Kantoren-Ieitung. Hr. 19. Beilage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 20. Iahrq. Die geehrten Herren Abonnenten werben dringendst ersucht, den restlichen Abonnementsbetrag umgehend einsenden zu wollen, damit uns die unliebsamen Mahnungen erspart bleiben. Zur Organisatiousfrage. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz. (Fortsetzung.) Immer deutlicher wurde das edle Ziel sichtbar, dem die „Cantoren-Zeilung" zustrebte. Schou kouute mau in greifbarer Ferne jene Umrisslinien wahruehmen, die in rascher Folge zur Gründung des Cautoren-Vereines sich verdichtet hrbeu. Noch einen Schritt, und sie standen plastisch, scharf umrandet da. Cautoren- Zeitung und Cantoreu-Vereiu waren augenscheinlich snr einander geboren, um miteinander im freundlichen Bunde durchs Leben zu wallen. Der Anfang lieg sich günstig au und die Zukunft war vielversprechend. Ob ans Zufall oder mit Vorbedacht — das Programm beider siel gestaltend, aber nicht gestaltungsreich aus; er, der Cantoreu-Vereiu, hatte nur die einzige Aufgabe zum Vorwurf: Schutz und Hilfe den invaliden Mitgliedern und den Wittwen und Waisen von Vereinsangehörigen bis zur Höhe von fl. 400 zu bieten, indess sie, die Cantoren- Zeitung werbend und handelnd in Wort und Schrift für diese zweifellos glückliche und beglückende Kernidee eintreten sollte. Alles Uebrige, das zum Wohle und zur Förderung der vitalen Standesinleressen sonst noch zählt, wurde nach wie vor in der Schwebe gelassen. Aus Unkenntnis des Nächsten — ein Fehler, welcher der allgemeiueu Durchschnittsmenichheit seit jeher und auch heute noch anhastet — nahm denn tatsächlich der Großtheil unserer vereiussreundlichen Collegeuschast schon allein diese höchst bescheidene Gelegenheitsgunst als liebe Bescherung hin, hoffend, dass der Zeitenlaus, welcher Gutes und Böses in seinem Schoße birgt, ihr, dem sonstigen Stieskinde des Glückes, das Bessere werde angedeiheu lassen, langsam zwar, aber sicher und von selbst. Der Cantoren-Verein kam aus den Windeln, gerieth ins Wachsen, machte einige unvermeidliche Kinderkrankheiten mit und stand eines Tages mannbar da, rüstungsschwer und getvappnet für den Drang und Zwang der Mannesjahre, mit völligem Gleichmut!) der Dinge harrend, die kommen werden. Seine Ausgabe war gelöst. Ob er nun Größeres und Schwereres mit ihr zu vollbringen gedachte — wer fragte! darnach? j Von ungleich größerer Tragweite waren die Zwecke und j Ziele, welche die „Cantoreu-Zeitung" gleich vom Anbeginn an! sich steckte. Ihr, der sittiglich-einsacheu Gefährtin eines trotzigen! Genossen, des Cautoren-Vereines, siel außer dem Obgesagten j uoch die schwere Arbeit anheim, eine gut communicirßnde Geistes-; brücke für den geselligen Verkehr des bis lang fremd gegenüber sich stehenden Cantoreustandes innerhalb der heimischen Grenz - pfähle zu batten, leicht practicabel und von solidester Tragkraft. Das that sie denn auch gut und gründlich, voll Eifer und mit vollster Hingeburtg, soweit die deutsche Zunge reicht im polyglotten Oesterreich. Irgend einer Tendenz muss doch schließlich jedes; Blatt, es sei nun groß oder klein, es zähle zn diesen oder jenen Fachorganen, Gehorsam und Treue schwüren, und diese Tendenz ist gleichbedeutend mit der Geltendmachung irgend eines festen Motives, das gleichbleibend oder beliebig nüancirt vft tind oft wiederkehrr in allen Ton- und Sachlagen des gänzlich unmusikalischen Alltagslebens. Das ist einmal nicht zu ändert!, solange die Frage des äs quoi vivre, die Sorge und Plage ums tägliche Brot, eine offene bleibt. So natürlich und selbstverständlich dies auch scheinen mag — für die allgemein erhoffte Prosperität der „Cautoren-Zeitung" war diese gebundene Marschroute, diese Abhängigkeit nach oben, nicht rathsam und, lvie die Folge zeigt, auch gar nicht sonderlich nutzbringend. Kaum vom Rausche der ersten Honigjahre erwacht, fand sie die Lage nüchtern, die Leser säumig und die Abonnementsgelder außergewöhnlich im Rückstände. Wirst is the matter witb my darling? Was ist geschehen, um dieses G-schehenis herbeizusühren? Stockungen und Stagnationserscheinungen dieser und ähnlicher Art pflegt es auch im Leben ganzer Völker zu geben und vornehmlich da, wo Welle und Gegenwelle in der großen Handelssee hart aus einander schlagen; der Verschiedenheit beider liegen verschiedene Ursachen zugrunde; hier Verstimmung, nationaler Eigendünkel, maßloser Ehrgeiz und Machtanstrebung, dort aber Brotneid, Ueberproduction, hastende ungesunde Concnrrenz, Leistungsunvermögen oder leistungskrästiges Unterbieten ä outrance. — Was sich da im Weltspectrum großzügig und in Ueberdimeilsionen stets von Neuem vor aller Augen abspielt, das traf bereits vor einem Jahrzehnt und trifft anch dermalen noch im stärksten Diminuendo bei der „Cantoreu-Zeitung" zu. Ein Slimmungsnmschwung hat allenthalben platzgegriffen, allwo die Ansicht vorherrscht, man liest und schätzt ein Fachblatt nach den Darbietungen, die es seiner dem Fachschristthum huldigenden Menge liefert, und je nach dem Grade seines Nutzeffectes. Mit der bloßen Wege des rein Fachlichen, mit der periodisch wiederkehrenden Auszählung der Klagen und Plagen über schlechtlohnende und krastverzehrende Cantoreuarbeit, die nur im Cumulativ noch denkbar erscheint, und welche an die Adresse, an die sie gerichtet, fast niemals gelangen; mit dem boshaften Genecke und beständigem Gezanke in fachgebildeten Standeskreisen über heftig und endlos sich forlspinnende Fachthemen von schier blässlich verfärbtem Anachronismus: mit dieser rein idealen und realistisch reinen Art von Sach- und Fachsragen vermögen die Leser nicht immer gleichen Schritt zn Hallen. E'N eiskalter Hauch umfängt uitb umfächelt nachgerade Jene, die Besseres hoffen des Guten wegen das sie entbehren. Fried- und freudlos lvie der Verismus in Poesie und Kunst, wie das nenzeitlliche Kunstdrama, wie die stark „verwagnerre" Gesangsdramalik, die strombreit und meerties dahinfließr ohne Halt und Rettungsanker, deren Unendlichkeit beu Sinn verwirrt und den Athem benimmt, dass der Sänger, de. mittenorinn für einen Rolleninhaber einspringen soll, rathl s oasteht mit der stummen Frage: wo ansangen und enden? — so irr und wirr schwelst der Blick Aller, die nach dem verloren gegangenen Faden in rein cantoralen Lebensfragen suchen. Das ist es, was gestern in Gulden und Kreuzern den Ausschlag gab und heule in Kronen und Hellern sich ausdrückt. Damit soll etwa nicht meine Meinung, die Meinung eines Einzelstehenden, die irregehen und fehlschließen könnte, laut geworden sein. Nein, nein! Dieses wagemüthige Spiel mit Feuerkorper.r, die mich nicht brennen, habe ich mir langst schon abgewöhnt. Was ichda in umschriebenen Andeutungen und in angedenteter Umschreibung mir zu sagen erlaube, ist als Rückschlag dessen zn betrachten, was darüber in Körnern grober Consistenz in den breitesten Standesschichten rranspirin. Wen Gott mit Blindheit will schlagen, dem schasst er Zwist und Graus in eigener Familie und Haus. Würden alle Cautoren Oesterreich-Ungarns in Leid und Freud sich Eins fühlen, wären sie Mann für Mann Mannes genug, Gebrest und Schaden dort zu suchen, wo die Einsichtigen sie von jeher, wir aber, wir allein, sie niemals zu sinden vermögen; hätte es