Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 19 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 19. „Fahren Sie ruhig nach Hause, das Kind soll Ihnen zurückgegeben werden." Der Justizminister beauftragte unverweilt die Staatsanwaltschaft Krakau, beim dortigen Landesgerichte die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten und den Antrag auf Ausfertigung eines gerichtlichen Auslieferungsbefehles einzubringen. Die Rathskammer des Krakauer Landesgerichtes in Strafsachen lehnte unter dem Vorsitze des Präsidenten Moralewski diesen Antrag ab und verweigerte spater dem Rechts - freunde Araten's die verlangte Einsichtnahme in die Acten mit folgendem Decret: „Zahl VIII 395/900 155 Herrn Prof. Dr. Josef Rosenblatt, Landesadvocat, Krakau. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Israel Araten in dieser Sache als Privatbetheiligter anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Acten in der Angelegenheit der Michalina Araten verweigert, weil rvichtige Gründe dem im Wege stehen. — Ihre Vollmacht wird zur Kenntnis genommen. Krakau, den 29. März I960. K. k. Landesgericht in Strafsachen Wawrausch m. p." Am 14. Februar trug Israel Araten seine Sache dem Ministerpräsidenten Dr. v. Koeber vor, welcher auf Bitte um Schutz erwiderte: „Sie verdienen es, es gebührt Ihnen." Dagegen antwortete am gleichen Tage der Minister für Galizien Dr. Pientak auf die Bitte Araten's, zu seinen Gunsten zu intervenieren, mit den Worten: „An den Mauern des Klosters hat die weltliche Macht ein Ende." Nachdem alle Bemühungen, von den galizischen Behörden Hilfe zu erlangen, fruchtlos geblieben waren, suchte Araten um eine Audienz bei seiner Majestät dem Kaiser an, welche ihm am 26. April huldvoll gewährt wurde. Der Monarch geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und sodann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm auf die Knie sank, die verheißungsvolle Worte zu richten: „Ich weroe neue Weisungen an die Behörden geben, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit rhun — Diese Weisungen sind auch thatsächlich schon zwei Stunden nach der Audienz ergangen, aber trotz der Verheißung des Kaisers hat noch am 8. Mai d.J. der Bezirksrichter Edmund Hartman», als Araten ihm zur Anzeige brachte, dass seine Tochter im Kloster zu Wielowies bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, j-den Beistarld mit den Worten abgelehnt: „Gehen Sie zum Staatsanwalt, er soll einen Antrag st e l l e u, und unsere Sache wird e s s e i n, diesen Antrag ebenso zu verwerfen, wie es in Krakau geschehen i st". Am 17. Mai hat Araten diese Thatsache dem Justizminister und am 19. Mai dem Ministerpräsidenten zur Kenntnis gebracht und sowohl von Baron Spens als von Dr. o. Koerber die Zusicherung erhalten, dass im Wege der galizischen Statthalterei alles ausgeboten werden wird, um den Auseuthalt seiner Tochter noch vor dem 27. Mai, an welchem Michalina das religionsmündige Alter erreicht, auszuforschen und ihm sein Kind zurückzustellen. Der 27. Mai ist herangekommeu, aber Michalina Araten befindet sich noch immer im Kloster. Mit dem voraussichtlichen Religionswechsel ist, nach einer Reihe von Präcedenzfällen, die Gefahr verbunden, dass die Volinundschaftsbehörde dem Israel Araten die väterliche Gewalt aberkenltt, obwohl eine solche Entscheidung im Gesetze nirgends begründet ist. Dann rväre das Kind seinen Ellern für immer verloren. Gemeinde- und Vereinsbole. Wie«. (Oeffcntl.PlenarsitzuilgdesCultus- Vorstandes vom 27. Mai unter Vorsitz des Präsidenten k a i s. Rath Heinrich K l i n g e r; B e g i ii » 9 Uhr Vor in.) Kais. Rath H i r s ch erstattet den Generalbericht über den Rechnungsabschluss pro 1899, indem er der Eintheilung der Sectionen folgend die einzelnen Activ- und Passivposten eingehend beleuchtet. Nach Ablehnung der Generaldebatte verweist Oberingenieur v. Mises in der Specialdebatte auf die erfreuliche Thatsache, dass, während in anderen Kapiteln zumeist Ueberschreitungen vorkamen, bei der Verwaltung des Altersversorgungshauses nicht unwesentliche Ersparniße verzeichnet werden können, was aus den günstigen Einfluss des Damencomites znrückzuführen sei. Diese Ersparniße fallen um so schwerer in's Gewicht, als trotz der Steigerung der Lebensmittel die Verpflegung der Insassen des Versorgungshauses eine reichlichere als früher war. Herr v. Mises erhärtet dies an der Hand einzelner interessanter Details und sieht sicd, in Abwesenheit des Obmannes des Versorguttgshans-Comitss, Herrn Salo Cohn, als Obmann-Stellvertreter verpflichtet, dem Damencomilä und besonders der Vorsitzenden, Frau Diamant, in öffentlicher Vorstandssitznug Dank und Anerkennung auszusprechen. Vicepräsident Dr. Ko h n couslatirt, dass die Ersparungen bei der 2. Section in der Höhe von 9000 fl. nicht auf Kosten des Unterrichtes, sondern dadurch zu erklären sind, dass Reserve- Posten, welche für das Jahr 1899 praliminirt waren, nicht in diesem Jahre sondern erst im Jahre 1900 zur Ausgabe gelangen,! so z. B. 5000 fl. für das Brann'sche Religions-Lehrbuch,! 1000 fl. für die Uebersiedlung einer Schule in ein neues! Local etc. | Nach Schluss der Debatte beantragt Obersinanzrath Dr. j Rappaport über den Rechnungsabschluss on bloc abzu- I stimmen und wird derselbe mit allen gegen 1 Stimme angenommen. Bei Verlesung des Einlaufes wird eine Eingabe des Einzelvereines „Zion" behufs Bekanntgabe der Anstrittsaiizeigen aus dem Judenthume der vertraulichen Sitzung zugewiesen*). j An Spenden sind eiitgelansen: von Herr Max Rit:er v. i Guttmann zu beliebiger Vertheilnng durch, den Vorstand Kr. } 400, N. N. für eine arme jüd. Braut Kr. 400, von Dr.! Josef Grünfeld anlässlich der Verheirathung seiner Tochter für! das Siechenhans Kr. 50, von einem ungenannt sein wollenden! für einen wohlthätigen Zweck Kr. 50.! Vor Uebergang zu Punkt II der Tagesordnung „Bericht! des Statnten-Revision-öcomitä", welcher zur Beschlnssfassung j einer qualisizirten Majorität bedarf, constatirt der Vorsitzende! die Anwesenheit von 18 Vorstandsmitgliedern. Dem Berichte selbst will er einige Bemerkungen vorausschicken. Das Comit« hatte vom Plenum den Auftrag, nach gewissen Principien die! Statntenrevision vorzttnehmen, sah sich jedoch veranlasst, von j diesen abzngeheii. So wurde das System der 3 Wahlkörper! fallen gelassen und der Schwerpunkt der Aenderuugen in die ' innere Orgauisation verlegt. Die Aendernngen beziehen sich auf j 4 Punkte: 1.) Festsetzung einer facultativen 5 fl.--Steuer, die! nicht exequirbar ist. 2.) Verstärkung des Vorstandes von 24 aus! 36 Mitglieder und zwar in der Weise, dass jene Steuerträger, j welche eine Enllnsstener von 100 fl. und darüber zahlen, zu j dem gegenwärtigen Vorstand, welcher nicht ausgelöst wird, 12 > neue wählen. 3.) Vermehrung des VertretercoUeginms auf 11! Mitglieder und 8 Ersatzmänner. Auflassung der Sectionen und I direkte Berichterstattung des Beamtenkörpers an das Vertreter- I collegium. 4.) Wahl der Bezirkscommiffioiien. j Der Referent Dr. Rappaport theilt die vorgenommenen! Aenderungen in politische und administrative. Der ersten Richtung entprechen die Vermehrung des Vorstandes, welche dem begreiflichen Wunsche der Höherbestenerten, einen größeren Einfluss ans die Verwaltung nehmen zu köntien, entsprungen ist; Hand *) Entgegen einer diese Woche in einem zionistischen Blatte aul gestellten Behauptung, müssen wir constatiren, dass diese Frage nicht durch die erwähnte Eingabe angeregt wurde, sondern schon vor Monaten im Vorstande berathen wurde. Die Red.