Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 19 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wayryeu. Nr. 19. nicht der Kinder und die Kinder nicht der Eltern wegen" dem Tode — und sei es auch nur einem moralischen — verfallen sollen? Wie also ist der Widerspruch zu erklären? Und ist er zu erklären — wie ist er zu lösen? Wir müssen da auf eine unscheinbare Abweichung Hinweisen, die in einem Worte des zweiten Zchngebotes enthalten und in der Regel als belanglose „ massoretische Ausnahme" erklärt wird. Wir meiuen die Schreibweise des Wortes rwrr ohne das l. In dieser Form (chosser) kommt cs nur zweimal im ganzen Pentateuch vor, nämlich nur noch beim Gebote des Pessachopser 2. B. M. 12,3. Nun bedeutet aber das Wort aboth zweierlei, zunächst Väter und dann S t a m m. Man muß in der That staunen über die Correctheit, mit welcher die Bibel von E s r a und N e h e m i a niedergeschrieben worden. Wo nämlich das Wort aboth, als solches oder in seinen Ableitungen, den Begriff „Väter" oder diesen gleichzuachtendeu Volksoberen (Fürsten — nessi bes aboth, rösche ha aboth rc.) wiedergeben will, wird es mit dem i geschrieben, wo es den S r ä m n ebegriff aber ausdrückt, ausnahmslos ohne dasselbe. Wer von den Lesern sich die Mühe nehmen will, an der Hand eine Concordance sich von der Richtigkeit dieser Behauptung zu überzeugen, wird dieselbe bestätigt finden*). Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, hätte also in den Zehngeboten des 2. Buches Mosis, die ja bekanntlich auch in anderer Beziehung von jenen im 5. Buche abweichen, Moses gesagt: Gott ahndet eine Sünde, die sich als ein Stautmesgeb rechen darstellt, in den spätesten Zeiten. Ebenso wie Ich, dein Gott es gewesen, der dich, jüdisches Volk, aus Egypten binausgesührt, so bin auch Ich es, dein Gott, der dich straft, wenn ein Gebrechen so lies einreißt, dass es nicht mehr als das des Einzelnen, sondern als Volksgebrechen gelten und als solches dem ganzen Volke zur Last fallen muss. Umgekehrt aber vergelte Ich Gutes denen, die meine Gebote beobachten, noch in den spätesten Zeiten. Und wenn eine Voraussage eingetroffen, so ist es diese. Wohl Hai die Uneinigkeit unser Volk ins Verderben gestürzt. Wir sind ja geradezu die „geborene Opposition", nicht nur gegen unsere Bedrücker, sondern gegen die eigenen Volksgenossen, die Mitbedrückten Man wird es mir, als aus Ueberzeuguug, zur zionistischen Partei gehörend, nichr übel deuten, wenn ich hier ein — naheliegendes — Beispiel ansühre: „Ich kenne die Ziele nicht, aber ich misbillige sie," das ist in kurzen Worten das bekannte Raisounement gegen die Bewegung. Davon konnte man sich anlässlich der jüngsten Versammlung der „Allianz" überzeugen. Mit Worten tvird Niemandem der Garaus gemacht und keine Sache zu Fall gebracht, am allerwenigsten aber mit Argumenten, die derart „hinken" wie jene, die von einem sonst so hochachtbaren, gerechtdenkendcn Manne ins Treffen geführt wurden wie jene gegen den Zionismus. Allerdings gehören wir nicht zu jenen radicalen Elementen, die, jung und unerfahren wie sie sind, in die vorderen Reihen sich drängend, Jeden, der nicht ihren extremen Attsichten und Handlungen huldigen durch Wort und Schrift beleidigen; die sich jüdisch-national nennen, damit ein Relief sich ztt geben versuchen, vom Jndenthume selbst aber Nichts wissen und Nichts wissen wollen; die alles Jüdische ostentativ verlachen, aus traditionellem Standpunkte stehende, religiössühlende Zionisten durch ihr Gebühren von sich abstoßen und sie schließlich zwingen, der durch sie discredirten Bewegung den Rücken zu kehren. Helsen wollen mir ja Alle, darüber sind wir doch einig. Es fällt uns da immer das treffende Wort Samuel Mohi- *) Von Interesse dürfte eine Nachforschung darüber sein, warum die bekannte Sprüche-Sammlung „Pirke-abotli" resp. der Abschnitt „aboth“ des Talmud gerade diese Bezeichnung erhielt. Unsere Gelehrten abotb-Väler zu nennen, war doch nicht allgemein gebräuchlich und auch die Bezeichnung „Sprüche der Väter" besagt sehr wenig bezüglich des Inhaltes. Unserer unmaßgeblichen Meinung nach dürfte auch dort das Wort ri2»r ursprünglich ohne *. geschrieben sein, und daher der Titel in Uebereinstimmung mit dem Inhalte: „Eine Sammlung (Porok oder Perek n Brocken, Theil, Auszug rc.) von jüdischen Stammes- (Grund-) Principien" bedeuten. L. lewers s. A. ein: „Wenn ein Brand ausgebrochen, dann frägt man nicht, ob die Retter auch der Partei der Betroffenen augehören. Dann sind wir alle Menschen und in erster Linie Juden, die ge-! kommen sind, den Glaubens- und Volksgenosseit zu helsett." Wir j zwingen Niemanden unserer Partei auzugehören, die Zioussahue zu! schwingen. Aber Brüder, Juden, sind wir darum doch, also! bekämpfen wir uns wenigstens nicht in einer Zeit, die wahrlich! so bitter-ernst ist, wie die gegenwärtige! Denken wir jenes Mo-! mentes, da Amalek kam und mit Israel den Streit begann, als i es in Refidim lagerte als die Uneinigkeit es in Parteien! zersplittert! Denken wir jenes Wortes, das tlur allein uns leiten j soll „wajissu merefidim wajachnu midbar sinai,“ fort aus! dem Lager der Z w i e t r a ch t, h i n a u f zum S i n a i! i Klammern wir uns an jenem Gottesfelseu, der nur aUeiu ini I Stande ist, unserem Volke einen Halt zu gewähren, moralisch! und physisch! „Wenn Zwei sich streiten, so freut sich der Dritte." Sollen wir der Welt das Schauspiel bieten? 'Nein! und tausendmal Nein! Denken wir an uns und die darbenden Brüder, j denen geholfen werden muss. Entweder — oder: „Refidim" oder „Sinai". > Die Wahl kann nicht schwer werden!! __! Gememdeilöthe». I Unsere Cultusgemeinde befindet sich in argen Nöthen;! nicht die größten sind die, welche ihr der trotz fortwährender! Steuererhöhungen noch bestehende Mangel au den zur Führung I der Gemeindeageuden nolhwendigen Eassabeständen bereitet; in weitaus erhöhtem Maße zeiget! sie sich in dem Abgatrge von geeigneten Functionären, welche für jedes Eultusleben ein ebenso unabweislicheS Bedürfnis sind, wie für oeu Hungrigen ein Bissen Brod. Constatireu wir aber sofort: Diese Nothlage hat ihren letzten Grund in der Gemeindeleitung. Ueber die erforderliche Qualification aller Kategorien von Gemeinoesunctionären nicht immer entsprechend insormirt, ließ es beispielsweise der Vorstand geschehen, dass anlässlich der Besetzung eines Overcantor- Postens sich jeder Vorbeter irgend eines Bethausvereittes ooer einer Miniaturgemeinde für berufen und berechtigt fühlte, als Bewerber anfzutreten. Die Folge davon war, dafs die Bejucher des Leopoldstädter Tempels wochenlang allsabdatlich GesangSj productionen über sich ergehen lassen mussten, fe.,r oft ohne! wah.e Befriedigung zu finden, da wirklich jühlge Cantoretr, zumal in der ersten Zeit der Probevorträge, es^ nicht über sich gewinnen konnten, mit Berufsgenossen rninorum gentium in Concurrenz zu treten. Ein Vorstand von ZielbewujStsein urtd mehr Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse würde sicherlich die Ausrvahl von Probecaudwateu so getroffen haoen, wie es der Sachlage und dem Ansehen der Gemeinde entsprochen hatte. Schon die Zusammcnsetzuttg der Commission zeigte, wie wenig der Vorstand tu diesem Falle sich seiner Ausgabe bewusst war: Als ob es bei Bestellung eines CantorS lediglich auf die Stimmmittel ankäme, wählte der Vorstand zu JJdit^Ueoeiu der Commission hervorragende mnsikalische Fachmänner. Der Catttor hat aber auch den Nachweis über genaue Kenutnts nild Verständnis der Liturgie zu tiefem; diese Seite camoraler Besähtguug ist aber den Commissionsmitglledern buchstäblich terra inoognita. Nicht zu übersehen ist, dass die Lebensführung des Caitdioateit auch Gegenstand der Prüfung bilden muss. Was der Vorstatid mit der Einberufung einer Versammlung der Betsitz-Jnhaber bezweckte, ist nicht recht einzujehen. So viel Köpf', so viel Sinn' über die Qualitäten der Caudidaten. Hat der Vorstand nicht das Vertrauen zu sich selbst, eine richtige Wahl unter den Bewerbern zu treffen, dann nimmt er sich damit auch das Recht, Sitz und Stimme im Rathe der Gemeinde zu haben. Oder wollte er ausgleichende Gerechtigkeit üben : weit er vor einiger Zeit die Höchftbesteuerten zur Ertheiluug von Rathschlägen einberufen hat, wölbe er bescheidenen Inhabern von Betsitzen Gelegenheit geben, ebenfalls Rathschläge zu er-