Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 18 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(Beile 10. Die Wahrheit. Ne. 18. enge Freundschaft mit David Rubin, aus dessen Cantorenschule auch der fetzige Cantor Lieben, ein intelligenter und in seiner Gemeinde beliebter Mann, hervorgegangen ist. Erscheint ein neues Gefangsweik eines modern-jüdischen Componisten, so wird gewiss Herr Kompert einer der ersten Abnehmer sein, und so finden wir auch in seiner Bibliothek die ganze Gallerie, vom alten Sulzer bis hinauf zum jungen Kirschner, es fehlt auch nicht Einer, und Jeder ist den Münchengrätzern wenigstens in 2—3 Piecen bekannt. Und gesungen m u ß werden. Dies die Parole des verehrten Mäcen. Wären in einer anderen kleinen Gemeinde die Gesangskräfte so schwer aufzubriugen wie in Münchengrätz, so wäre man scheu längst znm eantoralen Sologesang übergegangeu; aber Herr Kompert will die Tradition des Chorgesanges nicht aufgegeben wissen und müsste er seine Sängerschaar aus der Erde stampfen. Wie in allen Landgemeinden ist auch in Münchengrätz die Zahl der Mitglieder stark zurückgegangen, und damit wurde manches werlhvolle Glied aus der Kette des Chorvereines ausgeschaltet. Nun blieb unserem verehrten Herrn Kompert nichts anderes übrig, als zum letzten Mittel zu greifen, die Ergänzung des Chores durch einige christliche Kräfte herznstellen. Ich habe noch nie einen Tenipelchor durch christliche Sänger verstärkt gehört und deshalb nahm ich die Einladung des Herrn Kompert mir besonderem Interesse und Vergnügen an. Ich mus; vorweg bemerken, dass die Herren nebst dem Organisten dem Lehrstande angehören und geschulte Sänger sind. Als ich das leere Mittelschiff des kleinen aber sehr netten Tempels betrat und der Chor von der Gallerie herab einen „Naarizoch" anstimmte, kam es mir vor, als stünde ich in einer Kirche. Vielleicht brachte ich auch ein kleines Vorurtheil mit, weil ich wusste, dass es zum Theil Christen sind, welche hier sangen — denn am Texte war nichts zu merken, ja ich war sogar erstaunt, mit welchem Gefühl der erste Tenor seinen Solopart vortrng, wie er sich hiueinlebte, um den Intentionen des Componisten linb der Compofition selbst gerecht zu tverden. Freilich eine gewisse Kuhle lag doch über dem ganzen Emsemble, aber immerhin har mich der Chor durch sein respectable Leistung sehr angeregt, 11110 das gewisse Etwas im Feuer des Vortrages l jüdischer Sänger, das mir zu mangelu schien, hat der verehrte Chorleiter, Herr Kompert, durch seinen Geist zu ersetzen gei nachtet, und es gelang ihm wirklich, seine getreue Schaar anzu- , feuern. Erwähnenswerth ist noch die angenehme Mezzosopran-! stimme des Frl. Polaczek, die sich mit ganzer Kraft für viele; der fehlenden Sopranstimmen in den Dienst der guten Sache i stellte. Den recilirenden Theil hat Herr Cantor Lieben mit hübscher Tenorstimme vorgetragen und sich als schätzbare Krast . seiner Gemeinde erwiesen. Möge es Herrn Kompert noch lange beschieden sein, der Erhalter und die Seele seines Chores zu bleiben, dann wird ihm neben der allgemeinen Verehrung der unvergängliche Lohn einer guten Thal zu Theil werden. Allen Mitwirkenden aber fei der Dank für die Uneigennützigkeit gesagt, mit welcher sie sich ihren Leistungen Hingaben und dem Schreiber dieser Zeilen eine angenehme Stunde bereitet haben. Benedict Singer, Obercantor in Jungbunzlau. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Carl G 0 l d m a r k's 70. Geburtstag). Der verantwortliche Redacteur unseres Blattes, Herr Alois Kulka, theilt uns zur Richtigstellung des in der letzten Nummer der „Wahrheit" unter obiger Spitzmarke veröffentlichten Artikels folgendes mit: „In der Einleitung des von Herrn Obercantor sJosef Singer- Wien geschriebenen Artikels über Carl Goldmark wird die Bemerkung eingefiochten, dass „nach einer authentischen Aufzeichnung" dieser Tag (der 70. Geburtstag Goldmark's) eigentlich erst am 18. Mai 1902 zu feiern wäre." Ich erlaube mir dagegen, der Wahrheit unserer „Wahrheit" Rechnung tragend. Nachstehendes mitzutheilen. Ich hatte die Ehre, den genannten rühmlich bekannten Componisten kurz vor seiner Abreise von Wien in seinem „Tusculum" in der Neubau- Gasse zu sprechen. Zehn Jahre waren verstrichen, seitdem ich Goldmark' zum letztenmale ebenfalls in seiner Wohnung gesprochen hatte. Es war! dies kurz vor seinem 60. Geburtstage. Der Componist hat sich, wie ich > zu meiner angenehmen Ueberraschung fand, fast gar nicht geändert,! trotzdem er erst kurz vorher nach überstandener Influenza das Kranken- > lager verlassen hatte. Er traf Vorbereitungen zu seiner Abreise nach i Abbazia, woselbst er zunächst, bevor er mit seiner Familie zum Sommeraufenthalte nach Gmunden übersiedelte, einige Zeit zu seiner vollständigen Erholung weilen wollte. Ich lenkte bei dieser Gelegenheit absichtlich das Gespräch auf dessen bevorstehenden 70. Geburtstag, und er theilte mir mit, dass er selbst, gleich vielen Anderen, viele Jahre der irrigen Meinung war, er sei im Jahre 1832 geboren, und deshalb sei auch in dem noch im Jahre 1889 von Ludwig Eisen b erg und Richard G r 0 n e r in Wien herausgegebenen Werke „Das geistige Wien" der 18. Mai 1832, irrthümlich als sein Geburtsjahr verzeichnet. Auf meine Frage, wie dieser Jrrthum entstanden sei, bemerkte Goldmark, dass ein hier in Wien noch vor dem Jahre 1848 von der Commune ausgestelltes „Certificat" diesen Jrrthum herbeigeführt habe. Erst nach dem Tode seines Vaters, des einstmals berühmten Keßthely'er Chasen Simche Rüben G 0 l d m a r k, wurde sichergeftellt, dass er — Carl G 0 ldmark — am 18. Mai 1830 geboren worden sei. Bei Sichtung des Nachlasses seines > Vaters fiel Goldmark auch ein altes Gebetbuch in die Hand, in welchem! einein hebräischer Sprache abgefasste und unzweifelhaft von der Hand j Reb. Simche Gubens herrührende Aufzeichnung zu lesen war, die keinen Zweifel über Tag und Jahr seiner — Carl G 0 l d m a r k's — Geburt zuließ. — Und so wurde dann der Componist an demselben Tage zu i seiner nicht geringen Ueberraschung gleich -- um zwei Jahre älter.! Sonach feierte also Gold mark am 18. d. M. „mit vollem Rechte" j sein 70. Geburtstag, oder richtiger gesagt, wurde dieser Tag von seinen Freunden und Verehrern mit Recht gefeiert, denn G 0 l d m a r k i wollte sich in seiner Bescheidenheit eigentlich — durch die Flucht nach! Gmunden den ihm zugedachten Ovationen entziehen. Schließlich sei noch erwähnt, dass Gold mark gegenwärtig an der Fortsetzung seiner neuen Oper „Götz von Berlichingen"»'. die schon weit vorgeschritten ist, frisch d'rauf losarbeitet und hofft der jugendfrische Componist dieselbe im heurigen Jahr noch zu vollenden. Wien, 21. Mai 1900. Alois Kulka." Maden. (S i l b e r n e H 0 ch z eit.) Am 17. Mai feierte Herr Anton Schneider, Vicepräses der Badener israel. Cultusgemeinde, das Fest der silbernen Hochzeit. Der Cultusausschuß, die Repräsentanten der Chewra-Kadischa und des Frauenvereines, wie eine bedeutende Anzahl vonGratnlantenjwetteiferten, durch Darbringung von warmen Wünschen und geschmackvollen Ehrengaben dem Jubilare ihre Sympathien für dessen langjährige und verdienstvolle Thätigkeit in unserer Cultusgemeinde zum Ausdrucke zu bringen. Auch die Jubilarin, Frau Rosa Schneider, die an dem hiesigen israel. Frauen-Verein seit seinem Bestände thätigen I Antheil nahm, wurde vom Präsidium dieses Vereines, vertreten durch Frau Julie Leitner, aufs wärmste beglückwünscht. Aeustadtt (Böhmens. Am 6. Mai starb hier nach längerem Leiden Herr Moritz Gans, Vorstand der isr. Cultusgemeinde, Mitglied des Ortsschulrathes und Districtsarzt, im 61. Lebensjahre. Er war 37 Jahre in der hiesigen Gegend als praktischer Arzt thätig und erfreute sich ob seines biederen Charakters großer Beliebtheit.'. Likochorvitz Der Schulleiter und Religionslehrer, Herr Ignaz Naß dahier, wurde nach mehr als achtjährigem, ersprießlichem Wirken laut einhelligen Beschlusses des verstärkten Cultusvorstandes in L a u n I zum Religionslehrer für Volks-, Bürger- und Realschule in Laun! ernannt.! Arad. Unser Negenschori Herr Adolf G r ü n zwei g, dessen! Name nicht nur in Oesterreich-Ungarn, sondern in allen namhaften i Judengemeinden bekannt ist, erlitt einen schmerzlichen Verlust durch das ( Ableben seines ehrwürdigen,Schwiegervaters, des Herrn Simon Elias, i Die Leichenbestattung des im 92. Lebensjahre verstorbenen Patriarchen, der ein vornehmes Mitglied unserer Gemeinde und Repräsentant und Spitalsvertreter der Chewra Kadischa war, fand am 13. d. unter Theilnahme zahlreicher Notabilitäten von Stadt und Gemeinde statt. Die Trauerfunction begann mit Recitation des Hazur tomim durch Obercantor David Kohn, woraus der Psalm Adouaj moh-odom, ein Prachtwerk des trauernden Schwiegersohnes, folgte. Die Trauerrede hielt Herr Oberrabbiner Dr. Rosenberg, der das Leben und Wirken des Dahin--