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Die Wahrheit · 1900-05-25 · Heft 18 (25.5.1900) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 18 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 18. Die Mahrheit. Seite 11. geschiedenen mit treffenden Worten würdigte. Zum Schluffe sang der Chor, der unter der Leitung des Herrn Bernhard Heller stand, das Schiwissi von Grünzweig. Kürven. Freitag, den 18. Mai ist Cantor I. L a ch ma n n unter reger Betheiligung der jüdischen und christlichen Bevölkerung zur ewigen Ruhe bestattet worden. Herr Rabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen hielt die Grabrede und entwarf in bewegten Worten, mit oft von Thränen erstickter Stimme ein Bild vom Leben und Wirken des Verblichenen. Die ganze Gemeinde weinte und schluchzte um ihn im Chorus wie um «inen Vater. Sie Alle beklagen den Verlust eines für sie unersetzlichen Mannes. Man pries die aufopfernde Hingabe an seinen Berus, seine Menschenliebe, die ihn zum Freunde und Berather jeder Familie werden zieß, sein von tiefer Frömmigkeit durchdrungenes Wesen, den unvergleichlichen Wohlklang und die Kraft seiner Stimme und die Beseeltheit seines Gebetsvortrages. Dann ergriff der Gemeindevorstand, Herr Samuel Ättinger, das Wort, sprach von der innigen Verehrung, mit der alle Gemeindemitglieder stets zu seinem überlegenen Wissen, zu seiner gütigen Persönlichkeit emporgeblickt hatten, von der Belehrung, die sie allsabbatlich in den Thoravorträgen von ihm empfangen, und gelobte ihm ein treues, Gedenken, so lange es eine Gemeinde Hürben geben wird. Unter den üblichen Gebeten wurden sodann seine Reste der Erde übergeben. Viele Collegen entschuldigten ihr Nichterscheinen bei dem Begräbnisse durch die Nähe des Sabbaths. So schlicht und aufrichtig und so voll Wärme, wie er allzeit gewesen, so gestaltete sich auch die Trauerfeier an seinem Grabe, n'a'xwi Aacanze» Sad agora (Galizien). Rabbiner, Gesuche bis! 15. Juli an Vorstand. Gehaltsbedingungen sind im Competenzgesuche! ersichtlich zu machen. -- Salzburg. Vorbeter und Kore. Gehalt 1 1*200 Kr. Gesuche bis 31. Mai an Herrn Albert Pollak, k. k. Hofj Antiquar. — Auscha. Religionslehrer, musik. geb. Cantor. Bewerber 1 nnt Rabbinatsbefähigung bevorzugt. Gehalt 1600 Kr., freie Wohnung, : 'Emolumente. Anmeld, bis Ende Juni. Besetzung am 15. November l. I- — Hamburg für die Synagoge (Dammthor) musik. geb. Vorbeter. Anfangsgehalt 1500 Mark nebst nicht unbeoeutendem Nebeneinkommen, j Bewerber haben sich an Herrn S. Halberstadt, Rödingsmarkt 4, zu wenden. > — Berlin. Cantor u. Vorbeter beim Vereine „Ahawas-Scholom".! Gehalt 1600 Mk. Deutsche Angehörige. Zuschriften an Albert Kohn. Berlin N, Lothringerstraße 54. — Holzminden (Deutschld.). Cantor u. Religionslehrer. Gehalt 1200 Mk., für Schechita besondere Vergütung. Besetzung 1. October. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (29. Fortsetzung.) Das Schlimmste sei zu erwarten; gehe die Krise aber ohne Gefahr vorüber, dann sei die Krankheit gebrochen und Hoffnung auf Genesung des Kranken vorhanden. Jittesch schickte Mn Rabbi und ließ eine Seelenauslösnng, einen „Pidjan- Nefesch" machen; sie ließ ihm den Namen verändern, und in! der Synagoge ließ sie Psalmen lesen. Menschliche Hilfe erwies j sich als unzureichend, Gott allein konnte hier noch Retter sein.! Die fromme Jittesch hatte sich in ihrem Gottverlrauen nicht > betrogen; die Krise ging glücklich vorüber, man schöpfte neue Hoffnung, Mutter und Tochter athmeten ans von dem Druck, der ihre Herzen belastet hatte. Allein die Vorhersagung der Aerzte hatte sich doch nicht erfüllt, die Gefahr war nur für den Augenblick beseitigt, die gesunde Natur des kräftigen Mannes hatte gegen die Krankheit reagirt. Mit dieser Reaktion schien sie sich aber nur zu einer letzten Kraftanstrengung aufgerafft zu haben. Der Organismus war zu tief erschüttert, um gänzlich wieder hergestellt werden zu können. Scheinbar ging! es zur Besserung, im Innern aber wirkte der böse Keim fort! und der Körper verfiel in ein schleichendes Siechthum, das die! .Kräfte heimlich verzehrte, und eines Tages, da man das Ende am allerwenigsten gewärligte, war es mit dem Manne aus.! Mau fand ihn früh in einem Schlafe, von dem er nicht wieder! erwachen sollte. Mutter und Tochter mussten sich wieder aus die Erde setzen. Diesmal betrauerten sie einen wirklich Todten, einen wirklich Gestorbenen; nicht einen, der im freventlichen Trotz sich von ihnen abgewendet, sondern einen, beu die Natur, den Gott selbst abgerufen, hinzngehen in das dunkle Land der Todesschatten. Die Mutter in ihrer sinnigen Weise fühlte diesen Unterschied der Trauer gar sehr, sie fühlte den Ernst dieies Abjcheidens aus der Welt in ganz anderer Weise, als jenes Abscheiden eines Menschen, der sich von einem Fleck Erde blos auf einen andern Fleck Erde begibt, der aber dabei noch immer im Licht der Sonne wandelt. Es dämmerte in ihrem Geiste eine Ahnung auf, dass eine Toitentrauer um einen Lebenden kein rechter Ernst sei, sie wagte zwar nicht dies mit Worten auszndrücken, ja sie fürchtete sich fast vor den Gedanken, die sie da im Innern hege, aber das Gefühl der Mutter, die ja doch die Frucht ihres Leibes, die sie unter dem Herzen getragen, nicht vergessen kann, erwachte aufs neue in ihr, und der verlorene Sohn gewann, ohne dass er es wusste, in ihrem Herzen wieder eine Stelle. Nicht also im Herzen der Schwester. Der Vater war gestorben; die Ursache des Todes war der Bruder. Er hatte sie um den Vater gebracht; von ihm forderte sie den geliebten Todten zurück. Josef, Josef! Du hast ihn unter die Erd' gebracht, das mag Dir Gott verzeihen, ich — nicht. Mein Bruder bist Du nicht! Sitz' Du nur draußen bei Deinem Weib, bei der Schönheit, der Du uns alle geopfert! Sitz' Du nur draußen bei ihnen und freu' Dich, dass Du nichts mehr gemein hast mit der „Gaffe'", die Dich groß gezogen; lass' Dir von ihnen einreden, dass Du einer von den ihrigen geworden bist! Der Tag wird schon kommen, und Du wirst es erfahren, wie fremd Du bist in Deiner neuen Heimat. Da tritt herein und sieh', was Du allgerichtet hast, da sieh' Deine arme Mutter, sieh' wie sie weint und fall' aufD ein Gesicht und weine bittre Thräueu. Und wenn sich da die ganze Welt vor mir uiederwerfen möcht, und es von einem Blick von mir abhängig wär, die ewige Seligkeit, die Du verloren hast, Dir wieder zurückzukaufen, ich möcht Dir znrufen: Kratz mir mit den Nägeln den Vater aus der Erd' heraus, und mach' ihn, dem Du das Her: zerrissen hast, erst wieder lebendig! — und ich möcht mich von Dir wenden ohne Gnade und Barmherzigkeit! Gott im Himmel! was hat der Mensch mir angethan! Der Todesfall, der sich hier in der „Gasse" ereignet, hatte auch ans dem Dorfe draußen eilte tiefe Trauer erzeugt. Schon während der Krankheit des Vaters beschlich es den Sohn oft rvie Todesadnnllg. Wie gerne wäre er hingeeilt an das Bett des Vaters, wie gerne hätte er de lhenren Züge, die er seit seiner Kindheit mit Liebe und Ehrfurcht zu betrachten gewohnt war, noch einmal gesehen, ehe die Hand des Todes sie entstellt, wie gerne hätte er noch einmal in des Vaters Auge geschaut, ehe es verlöschen solle. Doch wie durste er das wagen! Er, der kalten und verschlossenen Herzens sich losgerissen von Eltern, Schivester und Heimat, von Familie und Glauben, von allem, was dereinst ihm theuer war, wie sollte er das wagen! Er, der die Schuld trug, dass der Vater darniederlag am gebrochenen Herzen! Wie sollte er vor die Seinigen hintreten! Mit welcher Stirne sollte er vor den Eltern erscheinen, die er so tief verletzt, so unheilbar verwundet. (Fortsetzung folgt.) „Israelitische j^IIianz zu Wien.“ Der Verein bezweckt: 1. Die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel zu fördern: 2. Israeliten, wo sie ihres Glaubens wegen zu leiden haben, eine wirksame Stütze zu bieten. Durch Leistung eines Jahresbeitrages von mindestens drei Gulden ö. \V. wird man ordentliches, durch einmalige Zahlung von hundert fl. ö. W. lebenslängliches Mitglied des Vereines. Anmeldungen zu Beitritt werden erbeten unter der Adresse: „Israelitische Allianz zu Wien“ I., Weihburggasss 10, I. Stock.

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