Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 18 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die Wahrheit. Nr. 18. betrat man die festlich beleuchtete Synagoge. Unter den Festgästen befanden sich: der Schwiegervater des neuen Rabbiners, Herr Albert Leitner aus Waltersdorf, eine ehrwürdige patriarchalische Gestalt, der durch seine Strenggläubigkeit — er zählt auch zu den Gründern der Schiffschule — bekannt ist; die Schwäger, M. Klein aus Wattersdorf, Josef, Adolf und Julius Leitner, den Nikolsburger Rabbiner, Herrn Dr. Feuchtwang, das Vorstandscollegium der Fugbachschule bestehend aus sieben Personen, mit seinem. Vicepräses, Herrn Ehrenseld, an der Spitze, und Herrn Aron Bondi aus Wien. Der hiesige Cantor Herr Emanuel Blau, verehrte dem als Gast anwesenden Cantor, Seifert von der Fugbach-Synagoge den Vortrag des Mincha-Gebetes, worauf über Ersuchen Cultusvorstandes Herr Rabbiner Dr. Feuwtwang, in Verhinderung des hierzu designirt gewesenen Lundenburger Rabbiners Dr. Groß die Kanzel bestieg, um seinen Amtscollegen und Jugendfreund in langer, wohldurchdachter, meisterhaft vorgetragener Rede zu begrüßen. Nach dieser Begrüßung hielt nun Herr Rabbiner Weiß seine Antrittsrede. Unter Zugrundelegung der dem Propheten Joma entnommenen Textesworte ..Ivm Onaucbi -wee’s 1>äschern elauka Hascliomajim ani jorevt erörterte er, in welcher Weise er das ihm anvertraute Priesteramt auszufüllen sich verpflichtet halte. Mit einem Gebete für den Kaiser schloß er seine wirkungsvolle Rede. Zum Schluffe stimmte unser Cantor, Herr Blau, die Volkshvmne an und damit endete die herrliche Feier im Gotteshause. Nach diesem Festacte fand im Restaurant Weigl unter sehr starker Beiheiligung unserer Gemeinde ein Bankett statt Während desselben wurden mehrere Reden gehalten. Den Reigen derselben eröffnete Herr Ehrensrld, der Rabbiner Weis; als Zeichen der Anerkennung für sein segensreiches Wirken an der Fugbach-Synagoge einen kostbaren Silberpokal überreichte. In wenigen aber aus tiefstem Innern kommenden Worten fasste Herr Rabbiner Weiß seinen Dank für diesen sichtbaren Ausdruck der Würdigung seiner geringen Verdienste zusammen. Der nächste Redner Herr Aron Bondv aus Wien, beglückwünschte unsere Gemeinde zu ihrer so vorzüglichen Acquisition, Dr. Feuchtwang hob die Gelehrsamkeit des Herrn Rabbiners Weiß hervor. Als Antwort aus diese Ausführungen der beiden letzten Redner gab unser Rabbiner das heilige Versprechen, sich solcher Ehren würdig erweisen und die ihm von seinen Freunden zugeschriebenen Tugenden, welche er heute ablehnen inüsse, sich aneignen zu wollen, um mit ihrer Hilfe dem Judenthume treue Dienste leisten zu können. Hierauf toastirte unser Vorstandsmitglied, Herr Weigl, auf die Familie des neuen Seelsorgers, auf die Gäste und die Gemeinde. Zum Schluffe sprach noch Herr Julius Leitner im Namen seiner Familie dem Vorstande der Fugbach-Svnagoge seinen tiefsten Dank für die seinem Schwager in so reichlichem Maße gewordene Anerkennung aus In den Zwischenpausen wurde» von den Cantoren Blau und Seifert abwechselnd hebräische Gesänge und Mi-Scheberach executirt, welche Vorträge allgemeinen Beifall fanden. Am Abend wurde Sr. Ebriv Herrn Rabbiner Weiß von der hiesigen Stadtmusik vor seiner Amtswohnung ein Ständchen dargebracht und musste unser Rabbiner zweimal am offenen Fenster zu den zahlreich erschienenen Gcmeindemitgliedern sprechen. Bis 2 Uhr- Morgens unterhielt sich unsere Gemeinde bei Musik und froher Geselligkeit. Allen Theilnehmern wird die schöne herzerhebende Feier unvergesslich bleiben. WLhr.-Wrrdwih. Sonntag, den 20. Mai um 3 Uhr Nachmittags hielt der k. k. Notar zu Jamnitz, Herr Dr. Gustav Lederer, ein durch hohe Bildung, Charakter und Munificenz ausgezeichneter Mann, hier einen Vortrag über die jüdische Religion und Erziehung in derselben. Der geehrte Redner, ein selbst von Humanität erfüllter, begeisterter Anhänger des Judenthums, im Gegcnsatz zu den vielen unserer Glaubensgenossen in seiner Lebensstellung, beleuchtete durch treffliche Citate, dass „Religion", „Wahrheit" und „Nächstenliebe" verkörpert. Mit gespannter Ausmerksamkei:^ lauschten die Zuhörer, jung und alt, welche sich zahlreich eingesunden hatten, auf die geistreichen Erörterungen des Redners, der das Thema in geschickter und übersichtlicher Weise behandelte. Der Vortrag hat auf sämmtliche Zuhörer einen sichtlich wohlthuendettEindruck gemacht und wurde allseitig dem Wunsche Ausdruck gegeben, den geschätzten Redner noch recht oft in unserem Vereine zu hören. A. K. Lemöerg. Damit dem Ernsten auch das Heitere nicht fehle, veranstaltete der Cultuspräsident, Herr Dr. Emil Byk, den Theilnehmern des Gemeindetages aus Kosten der jüdischen Gemeinde eilt Bankett, und zwar diesmal abweichend von dem Usus des 1. Gemeindelages, an welchem die Delegirten von drei hevorragenden Lemberger Cultusvorstehern, Herr»; kaiserl. Rath Jakob Storch, Herrn Landesadvocat Dr. Heinrich Gottlieb und H>.rrn Dr. Emil Byk, aus eigeue Kosten serirt wurden. Der Verlaus des Abends mag im Nachstehenden scizzirt werden: Am 2. Mai, nach Schluss der aufregenden Debatten, welche den glatten Verlauf des II. Gemeindetages trübten, versammelten sich die geladenen Delegirten einschließlich des Vorstandes zum Soupv. Vor dem Mahle und während desselben 1 concertirte die jüdische Waisenhauscapelle, welche auf ihren Blasinstrumenten klassische Musikpieceu zu Gehör brachte. Die prächtig, costumirten Bläser, zumeist im Alter von 12—15 Jahren, conceitirten recht brav. Wie wir erfahren, gehen die Absolventen des Waisenhauses zu den Militärkapellen ab, und werden schon mit 15 Jahren gerne ausgenommen. Hier avanciren sie zum Feldwebel, um nach zwölfjähriger Dienstzeit in den Sn alternbeamtendienst einzutreten nnd hiedurch eine ehrenhafte, gesicherte Existens zu erlaugeu. Die Festgüste thaten sich nun an den vorgestelltcn Gerichten recht gütlich, nur wurde es seitens der Zionisten lebhaft bedauert, dass man nicht Karmelwein credenzte, welcher den Rheinwein an Güte übertrifft, obschon der Gastgeber, nämlich die Lemberger Cnltusgemeinde, gut jüdisches ergo auch zionistisches Geld für den Jajin nessach bezahlte. Zum Schluffe marschirte auch Champagner aus und löste die Zungen der Gäste. Man sprach } allgemein ebenso versöhnlich als höflich. Leider gab es auch einen j Störesried in der Person des jüdischen Urpolen, Herrn Dr.! Goldmann, welcher mit geballten Fäusten und in einem förmlichen Wuthanfall gegen den zionistischen Redner, Herr Löbel I Taubes, losging. Glücklicher Weise wurde er von etwa sechs! Tischgenossen gebändigt. I Der Tafel und Cultuspräsident, Herr Dr. Emil Byk, ließ die Männer des I. Gemeindetages und deren Bestrebungen. Revue passiren und deren Manen nach Verdienst Gerechtigkeit \ widerfahren, streifte auch die damalige politische Tendenz, wies! ferner auf den Senior der Anwesenden, Herrn Dr. Goldmann,! hin, als den Bahnbrecher einer andern landessreundlichen poli-! tischen Richtung, und ließ schließlich den II. Gemeindetag hoch leben. Es sei uns die Bemerkung gestattet, dass der Vergleich zwischen dem Zustande der galizischen Inden in der Vorgoldmann'schen, resp. deutsch-verfassungstreuen, centralistischen Zeit, und der polnischen Aera wohl nicht zu Gunsten der letzteren ausfallen wird. Dass Israel bei der Polonomanie kein „goldenes Zeitalter" erlebte, wird selbst Herr Goldman», für den persönlich ein solches angebrochen sein mag, nicht behaupten können. Herr j Dr. Emil Byk, dem wir als leider gezügelten polnischen Clu- I bisten die Verdienste um die jüdische Sache nicht absprechen, j wollen, würde gewiss die Dzn'annig polonica, den polnischen | Maulkorb, mit Freuden abwerfen, so ihm eine sympathischere, > parlamentarische Gemeinschaft ansfiudbar wäre.! Herr Prediger Dr. Caro, der Abweiser des Zionismus, vergaß im Weine sein antizionistisches Herz und erklärte, dass das große jüdische Herz auch für zwei und mehr Geliebte Platz habe, ergo ließ der ehrwürdige Redner den Zionismus hoch leben. Auf wie lange, ist eine gewiss berechtigte Frage. Dass man den Präsidenten Dr. Byk hoch leben ließ, ist wohl selbstverständlich. Herr Dr. Gottlieb, stets der geistreichste Sprecher und eine Zierde I jeder Tafel, wies mit vielem Humor auf die Jnconsequenzen! mancher Redner hin, die dadurch zu Tage traten, dass Antizio- - nisten sich unter dem Einflüsse des Champagners zu zionistischen! Lobrednern umgestalten. Nach einem Dutzend Rednern nahm - noch Dr. Vierer das Wort, um darzuthun, dass der „Schomer Israel" in früherer Zeit ein zionistischer Verein gewesen sei. Während er gegründet wurde (1868) zur Wahrung der Interessen eines Theiles unseres Volkes in Galizien, hat er, als das gesamune Israel sich in Gefahr befand, die Gelegenheit wahrgenommen, die Gründung des I. Zionsvereins in Lemberg i zu inauguriren. Nachdem Herr Löbel Taubes in seinem Toast durch Dr. Goldmann in so brüsker Weise gestört wurde, nahm Dr. Malz das Wort, um die Unsterblichkeit unseres Volkes und seiner hohen Ziele zu feiern. Diese Rede fand lebhaften Beifall, und schloss das Fest in zionistischem Geiste ab. Der Gemeindej tag hat somit antizionistifch sich angelassen, um zionistisch zw! schließen. Der Delegirte der „österr.-israel. Union", Herr Sieg-! fried Fleischer aus Wien, wies auf das schreckliche Elend der i Proletarisirung unseres Volkes hin und riet zur schleunigen I Thal. Er freue sich über die Errichtung einer ständigen Comj Mission, mit der mau in Wien in allen Angelegenheiten in Veri kehr treten werde, und wünsche bestes Gedeihen.