Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 18 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063031--00794-3067328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 18. Die Wahrheit. Seile 7, und schließlich in der Flucht nach Amerika sein Heil zu suchen. Dem musikalischen Adepten der Technik und des Conservatoriums ist inzwischen die Wiener Luft zu schwül geworden und er ist nach Deutsch-Kreutz ins Vaterhaus zurückgekehrt. Dort in dem Winkel, der sich zur Leitha und bis nahe an die Voralpen des Semmeringgebietes vorschiebt, ist von der Revolution, die ganz Europa und am mächtigsten das Ungarland durchschüttert, wenig zu spüren. Nur zweimal wird der Landsturm aufgeboten. Das eine Mal, da Jellacsics heranrückt. Karl Goldmark marschirt mit, zweifellos mit einem Gewehr und einem Säbel ausgerüstet, die ihm aber minder wichtig zu sein scheinen, als die Cravatte; denn vor dem Abmarsche tritt er au seine ältere Schwester heran und gebietet ihr mit herrischen Worten: „Johanna, bügle mir die Cravatte aus, ich gehe auf den Landsturm." Das zweite 'Mal gelangt er mit dem Landstürme bis nach Raab, aber dort empfängt er nicht vom Feinde, sondern von der Liebe eine klaffende Wunde. Er vergafft sich in das schöne Töchterlein des Domcapellmeisters — charakteristischerw eise hat sein Her; sich niemals der Liebe ohne musikalische Begleitung geöffnet — und einer anmnthigen Legende zufolge soll er sogar vor den siegreichen Oesterreicheru eine ganze bange Nacht in einem Beichtstühle des Domes verborgen gehalten worden sein. Als die Revolution niedergeworfen ist, kehrt er nach Wien zurück. Was hätte er auch in dem kinderreichen Vaterhause noch zu schaffen? Aber von jetzt ab, frei in seinen Entschließungen, ergibt er sich ganz der Musik. Er vervollkommnet sein Geigen - spiel durch den Unterricht bei Josef Böhm und die gewaltigen Lücken seiner theoretischen musikalischen Bildung füllt er als eifriger Schüler Gottfried Preyer's, des jetzt dreiundnennzigjährigen Domcapellmeisters zu St. Stefan, aus, der heute noch aufrecht seines Amtes waltet und dessen Augen freudig blitzen, wenn er der drei Großen gedenkt, die er damals gleichzeitig in die Geheimnisse der Compositionslehre und des Contrapnnktes einweihte, Karl Goldmark's und der Geiger Josef Joachim und Heinrich Ernst. Freilich, so weit er vermochte, Hai die Violine im Leben Goldmark's ihre Schuldigkeit gethau. Er hat sieben volle Jahi e mit einer Monatsgage von achtzehn Gulden als Primgeiger dem Orchester des Wiener Carl-Theaters augehört und während dieser Zeit sind ihm die Possen Nestroy's so geläufig geworden, dass er sie heute noch fast wörtlich aus dem Gedächtnisse zitirt. Und dann verbrachte er zwei Jahre in dem Orchester der Arena zu Ofen, während welcher Zeit er für den Altofner Vorbeter Wahrmann jüdische Tempelgesänge componirte, deren handschriftliche Auszeichnungen aber zu seinem eigenen großen Leidwesen verloren gegangen sind Damals war er ja der Jugendzeit von Keßthely und Deutsch-Kreutz noch nahe, viel näher als später, da er die Melodien aus dem Vaterhause in die „Königin vou Saba" herübernahm. Die Violine also gab Brod, aber nicht -genug, und sie füllte auch den Ergeiz des jungen Musikers nicht -aus. So setzte er sich denn, ein heißhungriger Autodidact, an das Clavier und lernte und übte bei Tag und Nacht, bis er, wiederum in Wien niedergelassen, als Lehrer des Clavierspiels, und zwar als einer der gesuchtesten sich die Muße zu eigenem Schaffen vergönnen konnte. Er hat auch dann noch mit der Unersättlichkeit des selbstgemachten Mannes freundliche Allotria getrieben, hat unter der Chiffre —rk zwei Jahre das Musikreferat der „Coustitutionellen Oesterreichischen Zeitung" geführt, mit Strenge und hartem Ernst, wie seine musikalischen Altersgenossen von damals erzählen. Aber als der Altmeister Josef Hellmesberger nach anfänglichem Sträuben Goldmark's Quartett und bald darauf seine Saknntala-Ouverture dem Wiener Publicum vorführte, — es war im Jahre 1863 —, da hatte Karl -Goldmark seine Lehr- und Wanderjahre hinter sich. Den Weg -$um Ruhme hat er seither unter den Augen der ganzen musikalischen Welt zurückgelegt. Seine ungarische Jugendzeit aber ist mit ihren Eindrücken neben ihm durch's Leben gewandert und wie andächtiges Erinnern an seinen Vater Simche Rüben, an das Vorsänger- Tochterlein aus Päpa, das seine zärtliche Mutter wurde, steigt es ans den Melodien seiner herrlichsten Oper auf, fremdarlig, feierlich und doch bezwingend wie die Volkslegeuoen von Jahrtausenden, die seine Wiege umschwebte. Sein Lebensgang selber bis zu der Brücke, über die hinweg er dem musikalischen Pantheon zuschritt, ist wie ein Stück jener unvergleichlich ehrwürdigen Legende. Gemeinde- und Vereiusbote. Vien. Sonntag, den 27. Mai 1900 9 Uhr Vormitt, findet im Sitzungssaale I. Seitenstettengasse 4, II. Stock eine öffentliche Plenar-Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien mit nachfolgender Tagesordnung statt: 1. Bericht des Vertreter-Collegiums: Rechnungsabschluss pro 1899 (Ref. Herr kaiserl. Rath M. Hirsch.) 2. Bericht des Statuten-Revisions-Comitö's — bei Anwesenheit von 16 Vorstandsmitgliedern — Ref. Herr Ob. Fin.-Rath Dr. Rappaport). 3. Bericht der I. Sectiou: Aenderung der Liturgie. (Ref. Herr Dr. M. Spitzer). Wien. 21. Mai 1900. Der Präsident. Wien. Die iin vorigen Jahre in Paris verstorbene Frau Clara Baronin Hirsch auf Gereuth hat unter Anderem dem Wiener Magistrat für wohlthätige Zwecke 20o,00» Francs testirt. Nachdem dieses Legat, von welchem allerdings fast ein Viertheil an französischen und österreichischen Erbschaftsgebühren in Abfall kam, erlegt worden ist, hat nunmehr, wie man uns aus dem Rathhause meldet, der Bürgermeister über den größten Theil desselben in der Weise verfügt, dass er verschiedenen confessionellen und interconfefsionellen Wohlthätigkeitsvereinen i und Anstalten entsprechende Beiträge zuwendete. Ueberdres wurde auch auf die Wünsche der von Dr. Gustav Bloch vertretenen Erben, israelitische Wohlthätigkeitsinstitute, welche die Erblasserin bei Lebzeiten unterstützt hatte, zu bedenken, Rücksicht genommen, und erhielten: Israelitisches Blindeninstitut und Mädchen-Unterstützungsverein in der Leopoldstadt je 10,000 K., Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen; Cultusgemeinde, Armenanstalt der israelitischen Cultusgemeinde, je; 3000 K., Kinderhort im 2. Bezirk. Große Pfarrgasse, Israelitischer j Frauen - Wohlthängkeitsverein in der Innern Stadt, Theresien-Kreuzer»! verein, Israelitische Kinderbewahranstalt im 2. Bezirk, Israelitisches Tanbstummeninstitut im 3. Bezirk, Verein zur Förderung der Handj werke unter den inländischen Israeliten je 2000 K, Frauenhort im 9. ’ Bezirl 1000 K., Treubund im 2. Bezirk, Mädchenhort im 2. Bezirk, Kaiser ' Franz Joseph-Ambulatorium im 6. Bezirk je 500 K. Wien. Ein ungenannt sein wollender Wohlthäter hat am; Todestage seiner Matter und ans Anlass der bevorstehenden; Verheiratung seiner Tochter;n Händen des Präsidenten der j Wiener israel. Cultusgemeinde 400 Kronen erlegt, mit dem : Ersuchen, diesen Betrag ungelheilt einer armen würdigen Braut j znznwenden. Dieser wohlthätige Act. für den hiemit der beste : Dank ausgesprochen wird, konnte umso eher sofort zur Aus-! Übung gelangen, als anlässlich der durch den Vorstand Z»er Cultusgemeinde für Brautansflallnngen ausgeschriebenen >L>ti-! pendieu, bei denen in der Regel nur eine Bewerberin bedacht; werden kann, gewöhnlich eine große Anzahl würdiger Petenten! bedauerlicher Weise wegen Mangel an Fonds nicht berücksichtigt! werden kann. I Kostet, 17. Mai. Heute am 12^2 ri» wurde der von unserer! Gemeinde mit Stimmeneinheit zum Gemeinde-Rabburer bestellte Herr; Rabbiner Abraham Weiß, früher an der Fugbach-e-ynagoge in Wien.! in besonders feierlicher Weife in sein neues Amt eingeführt. In der Bahnhofshalle wurde Herr Rabbiner Weiß von den Mitgliedern des; hiesigen Vorstandes, den Herren Weigl und Spitz, empfangen und bei grüßt. Hierauf wurden die vor dem Bahnhofe bereitstehenden Wagen i zur Fahrt in die Stadt bestiegen. Bis zum Gemeindehause war ein! Spalier von der im Festgeivande erschienenen jüdischen Schuljugend, i gebracht. Besonders hübsch nahmen sich die jungen, weißgekleideten! Mädchen deren jedes ein duftiges Blumensträußchen in den Händen i hielt, aus. Während die Damen bis vor die Rabbinerswohnung vor-; fuhren, an deren Schwelle der anmuthigen Lebensgefährtin unseres neuen i Seelsorgers von Frll Eisinger mit herzlichen Worten ein prachtvolles! Blumengewinde überreicht wurde, hatten die männlichen Festgäste vor! dem Hause des Borstandmitgliedes Herrn Spitz Halt gemacht. Von hier fand der eigentliche festliche Einzug statt. Unsere ganze Gemeinde, verstärkt durch die fremden Gäste, geleitete Herrn Rabbiner Weiß, der unter einem Baldachine schritt, an die neue Stätte seiner Wirksamkeit, zu unserer ehrwürdigen Synagoge. Vor den Pforten unseres Gotteshauses, das in seinem aus Blumen, Reisig und Guirlanden «bestehenden Festschmucke einen besonders schönen Anblick gewährte, hielt der Obmann unseres Cultusvorstandes, Herr B. Kohn, an den neuen Rabbiner eine herzliche Ansprache, in der' er im Namen der Gemeinde seiner großen Freude Ausdruck lieh, auf dem altehrwürdigen Rabbinersitz Kostels wieder einen Rabbiner conservativer Richtung erblicken zu können. Run.