Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 18 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite (5. Die Wahrheit. Nr. 18. kurzer Zeit zu dem Advocateneide dem Gerichtshof von Paris vorgestellt. Enos ist Jude: er ist ein junger Israelit aus Algier, und ich bin stolz darauf dies zu erklären." So war Cremieux bis zu seinem letzten Athemznge unausgesetzt bemüht, sich seiner unterdrückten Glaubensbrüdcr anzunehmen und ihnen eine würdige Stellung zu erringen. Monte störe hatte seine günstigen Erfolge im Jahre 1840 im Oriente gewiss hauptsächlich der Beredtsamkeit seines Begleiters Cremieux zu verdanken. Als Cremieux 1870 in die Regierung der nationalen Vertheidigung als Mitglied eintrat, benützte er vor Allem die günstige Gelegenheit, um den Juden Algiers mittelst Decretes das französische Bürgerrecht zu verleihen, ohne den Vorwurf, den ihm seine Gegner gemacht, dass er seine Stelle für consestionelle Interessen ausbeute, zu scheuen. Seine größte und herrlichste That war unstreitig die Gründung des die Jmeressen des Judenthums in hohem Grade fördernden, die edelsten und humanitärsten Zwecke verfolgenden Vereines „Alliance universelle Israelite“ (1860) in Paris, dessen Präsident er bis zu seinem am 10. Feber 1880 erfolgten Tode gewesen ist. Der junge Goldmark. Zum 70. Geburtstage Goldmark's zeichnete der bekannte Schriftsteller Wilhelm Goldbaum im „Pester Lloyd" ein trefsliches Charakterbild des jungen Goldmark, das wir im Nachfolgenden wiedergeben: In der russisch-polnischen Stadt Lublin, die nahe der Weichsel auf halbem Wege zwischen Krakau und Warschau liegt, lebte vor achtzig Jahren ein wolhabender jüdischer Handelsmann Namens Simche Rüben Goldmark. In dem steckte, ohne dass es ihm selbst noch bewusst war, das Genie eines großen Gesangskünstlers. Als nach dem Tode seiner Gattin sein Handel dürftig und immer dürftiger wurde, da nahm der Wittiber sein fünfjähriges Söhnleiu Josef an die Hand und wanderte südwärts gen Ungarn, bis er in Papa eilt Nestchert fand, in dem er sich uiederließ. Was ihn just in Papa fesselte, war die Kunst des Vorsängers der jüdischen Gemeinde und mehr vielleicht noch der Liebreiz des Töchterchens dieses unvergleichlichen Vorsängers. Musik und Liebe wohnten ja oft nahe bei einander. Bald waren der Fremdling und das herzige Mägdlein ein Paar und Simche Rüben Goldmark sah selbst nach einer Stelle aus, um mit seiner Knust, die er in Papa entbecft hatte, für sich und seinen neuen Haushalt Beruf und Brod zu ersingen. Die Stelle war bald gefunden. In Keßthely am Plattensee brauchte die Judengemeinde einen Vorbeter. Simche Rüben Goldmark bewarb sich, sang Probe an einem Sabbath und wurde behalten. Er umgab sich mit vier jungen „Meschorerim", deren er bei dem Gottesdienst zur Begleitung bedurfte, und nicht lange währte es, so verbreitete sich sein Ruhm über ganz Westungarn. Es gieng darum nicht weniger schmal in seinem Hause zu, denn ein reicher Kindersegen war ihm beschieden, aber Simche Raben war nicht blos ein kunstfroher und gottesfürchtiger, sondern auch ein gescheidter Mann. Er kümmerte sich um alle Agenden der Gemeinde, führte sogar, was damals gewiss eine große Seltenheit war, über alle Geburten und Todesfälle sorgsam Buch, und wenn ihm selbst, was alljährlich mit unfehlbarer Regelmäßigkeit geschah, ein neuer kleiner Mitesser in der knappen Häuslichkeit znwuchs, so verzog er nicht mürrisch sein Gesicht, sondern setzte sich hin und fügte nebst dem genatlen Datum des Ereignisses mit deutlichen hebräischen Lettern ein biblisches Danksprüchlein in sein Register ein. Am 18. Mai 1830, im Jahre der Julirevolution, welches das Geburtsjahr so vieler berühmter und langlebiger Männer ist, hatte Simche Rüben abermals einen Zuwachs seines Familiensegens zu verzeichnen — was sich beiläufig dann noch siebzehnmal wiederholte — und diesmal war es der rechte Erbe des väterlichen Genies, der zur Welt gekommen war. Karl nannte ihn der Vater, natürlich ohne zu ahnen, dass der kleine neue Erden- ] bürger ausersehen sein sollte, alle musikalischen Sehnsuchtsträume -seines Vaters strahlend zu verwirklichen. Indessen, was ein Häkchen werden soll, krümmt sich bei Zeiten, sagt das Sprichwort. Unter den „Meschorerim" Simche Ruben's befand sich einer, vermuthlich der „Bass", der zur Noth auch die Geige streichen konnte, und an dessen Rockschoß heftete sich der kleine Karl, noch bevor er das fünfte Lebensjahr erreicht hatte. Er sang mit seinem Hellen, dünnen Stimmchen Alles nach, was der „Meschorer" spielte, und schließlich musste ihm selbst eine winzige Geige gekauft werden, die begreistichermaßeu keine Amati und keine Straduvari war. Da kauerte mitten in der sehr bevölkerten Stube des väterlichen Hauses der Knirps auf dem Boden und kratzte und strich wie ein Zigeuner auf dem Jahrmarkt. Er machte sich in Bälde aber auch nützlich. Wenn am Abend des Purimfestes, das bekanntlich der freudigen Erinnerung an die Erlösung von Haman durch Mardochei und Esther geweiht ist, Simche Rüben mit seinen vier Gesangstrabanteu bei den Reichen der Gemeinde vorsprach, um sie mit seiner Kunst pflichtgemäß, zu ergötzen und dafür klingenden Lohn einzustreichen, so tripvelte der kleine Karl lustig mit und ließ sich wohlgemuth auf seiner Fiedel hören. Das war so in Keßthely und später eine Weile auch in Deutsch-Kreutz bei Oedenburg, wohin Simche Rüben zu weiterem Wirken auf den Posten des Vorbeters berufen lvurde. Mit der Ghetto-Idylle und dem Musiziren ohne Noten kommt man aber nicht zu Ruhm in der weiten Welt, auch wenn zufällig neben dieser Idylle große musikalische Erinnerungen ihre Stätte haben, vor Allem die Erinnerung an Josef Haydn. Simche Rüben Goldmark ist in seiner Art ein sehr aufgeklärter Mann und wenn er, in seiner dämmerigen Stube ans und ab gehend, einen schönen „Nigun" nach dem anderen, eine entzückend kolorirte Melodie nach der anderen anssinnt, die ihm dann, damit er sie nicht vergesse, sein Sohn Karl, rein aus dem Gehör, zehnmal hintereinander nach- und vorfiedeln muss, so tauscht er seine Schöpsungsfreude gewiss nicht mit dem glorreichsten Componisten. Doch dass auch Karl als Vorbeter seine Tage erfüllen soll, will dem klugen Vater nicht in den Sinn und sicher der ehrgeizigen Mutter noch weniger. „Die Lehre kommt von den Söhnen der Armen", sagt der Talmud; aber auch die Söhne der Armen müssen lernen, bevor sie lehren können. Da kommt zur rechten Zeit in die Sorge des Deutsch- Kreutzer Vorbeterhauses ein erlösender Ruf geflogen. Der älteste Sohn Simche Ruben's und Halbbruder Karl's, jener Joses, den der Vater aus Lublin nach Papa mitgebracht hat, lebt als junger Arzt in Wien, nicht gerade unter glänzenden materiellen Verhältnissen, die einem in der Josefstadt oder auf dem Neubau hausenden Assistenten des Allgemeinen Kraukenhanses in der Regel nicht beschieden zu sein pflegen. Aber Joses Goldmark, der spätere Legionär und Flüchtling, besitzt einen stark entwickelten Familiensinn; er verlangt nach dem zwölfjährigen Bruder Karl, um ihn in Wien zu einem bürgerlichen Berufe heranbilden zu lassen. Und er ist nicht wenig streng gegen denselben, nachdem er ihn in seine Junggesellenwohnung aufgenommen hat. Vom Geigen als Lebensberus will er nichts wissen; der Junge, der in Deutsch-Krentz nichts, aber rein gar nichts gelernt hat, sondern wie in einer singenden Wildnis aufgewachsen ist, soll durch Privat-Unterricht so weit gebracht werden, dass er die Technik beziehen kann. Nebstbei mag er dann auch im Conservatorium seine musikalische Begabung pflegen — nebstbei, wohlgemerkt, aber beileibe nicht, um sich ganz der Musik zu ergeben. So will es Josef imb so geschieht es mit Karl. Nur lässt sich erfahrungsgemäß die Entwickelung eines jungen Menschendaseins. zumal wenn es dasjenige eines Genies ist, nicht commandiren. Karl Goldmark bezieht die Technik und streicht im Conservatorium emsig die Violine. Da bricht die Revolution aus, Alles ist außer Rand und Band, die Luft erbebt voll den Rusen nach Constitutioit und Preßfreiheit, itnd Josef Goldmark, der sich kopfüber in Bewegung gestürzt hat, vergisst seine Kranken im Spital, seinen Bruder daheim, um den Legionären voranzumarschiren, in der Aula Dithyramben auf die Freiheit zu reden